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Der Israelit · 1901-12-05 · Heft 96 (5.12.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 96 (5.12.1901)
Date
1901-12-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2113 „Sie sind schon zu Hause, Fräulein Bella?" rief die kleine Selma. „Wie Du siehst, liebes Herzchen. Kommt nur recht bald zu mir."; „Wir kommen, sobald es die Großmama erlaubt,"! erwiederte Viktor. j Juanita, die im anstoßenden Zimmer diese > Wechselrede ihrer Fräulein mit den von ihr verhaßten | Kindern vernommen, fuhr zusammen, als wäre sie von j einer Natter gestochen. „O diese Juden! diese Juden!! Kann man sich denn nirgends vor ihnen retten?" | Und als sie von dem eben eintretenden Pedro verj nommen, daß Fräulein von Rauhenstein abermals mit! den Juden im selben Hause wohnen wollte, da erschien ihr das Maß übervoll, es war nicht mehr zu ertragen. Ohne aus die abmahnenden Worte des alten Bedienten zu hören, eilte sie zu ihrer Herrin und bat um ihre Entlassung. Sie hatte erwartet, Jsabella erschreckt zu sehen und bestrebt, sie von dem übereilten Schritt zurückzuhalten, und wäre dann vielleicht nicht unerbittlich gewesen, vielleicht gar zu einigen Konzessionen bereit. Das junge Mädchen nickte ihr jedoch freundlich zu. „Ich glaube, Du hast recht, Juanita, Du taugst nicht mehr in meinen Dienst, meine liebsten Freunde sind Dir ein Dorn im Auge —" „Weil Ihr Seelenheil mir am Herzen liegt," schluchzte Juanita, das thränenüberfluthete Antlitz verhüllend, „o gnaoiges Fräulein! gnädiges Fräulein! — Wenn Sie nur-" „St., st!" mahnte Jsabella, „ich laste mir in der Wahl meiner Freunde keine Vorschriften machen und betrachte jedes Wort gegen sie, als wäre es gegen mich gerichtet." „Das weiß ich," schluchzte die Dienerin, sich mehr und mehr echauffirend, „Sie hören ja auf Niemanden mehr, seit die Judenfratzen —" „Hinaus!" fiel das junge Mädchen gebietend ein, indem sie mit der ansgestreckten Hand zur Thüre htndentete, „kein Wort weiter! Du bist entlasten. Aber wenn Du Dich anständig benimmst, so habe ich nichts dagegen, wenn Du Dich noch einige Tage in meinem Hause aushälst, um Deine nächsten Schritte zu überlegen. Doch bei dem ersten Wort gegen Diejenigen, denen ich, wie Du weißt, mein Leben verdanke, mußt Du sosori aus dem Hause." „Ich gehe ja schon," murmelte Juanita, die Tbränen trocknend, „aber gnädiges Fräulein! o gnädiges Fräulein! aus ihrem Sterbebette habe ich Ihrer lieben Mama gelobt —" Jsabella preßte die Lippen aufeinander. „Du hast mir das schon oft erzählt und oft schon habe ich Dir erwiedert, daß ich zwar nickst in Abrede stellen könne, daß Du am Sterbebett meiner theuren Mama gelobt hast, bis nach meiner Verheirathung bei mir zu bleiben -- darüber weiß ich nur, was Du mir erzählt hast. Aber ich wiederhole Dir, daß ich zweifle, daß meine Mama Dein Gelöbniß gehört hat und daß ich überzeugt bin; daß sie keinen besonderen Werth auf dasselbe gelegt hat. Du hättest Dich daher ohne Gewiffensskrupel Dich längst verheirathen können und ich rathe Dir —" Die Glocke an der Wohnungsthüre ertönte. „Das werden meine kleinen Leutchen sein. Geschwind, Pedro, führen Sie die Kinder nur gleich zu mir herein. Und Du, Juanita, nimm Dich zusammen!" Unmittelbar daraus traten die Kinder, von dem Kammerdiener geleitet, in das Zimmer, aus dem Juanita sich grollend entfernte. „Da sind wir!" rief Selma, hereinhüpfend. „Willkommen, Ihr Kleinen!" versetzte Jsabella, ihnen beide Hände entgegenstreckend. „Schön ist es hier bei Ihnen, Fräulein Jsabella," sagte Viktor, indem er den Blick in dem elegant eingerichteten Raum umherschweifen ließ. „Freut mich, daß es Dir bei mir gefällt, das hat mein guter Pedro so schön gemacht. Aber ich selbst kenne meine Wohnung noch nicht, kommt mit, wir wollen sie zusammen in Augenschein nehmen. Pedro, Sie können uns führen." Von dem alten Diener geleitet, schritt Jsabella mit ihren kleinen Gästen durch die schönen und in Wirklichkeit schön eingerichteten Räume. Die Kinder staunten über Vieles, was sie noch nie gesehen und blickten achtungsvoll auf den Alten, der alle diese Herrlichkeiten herbeigeschafft und geordnet. Auch Jsabella sprach ihm ihre Anerkennung aus und geschmeichelt verzog er den zahnlosen Mund zu einem glücklichen Lächeln. „Wenn das gnädige Fräulein befriedigt sind, bin ich überreich belohnt. Hoffentlich wird auch das Uebrige den Intentionen des gnädigen Fräuleins entsprechen. Ich habe mit Zustimmung des alten Herrn von Rauhenstern eine gut empfohlene Köchin engagirt und ein Hausmädchen, die Obliegenheiten einer Haushälterin, meinten der Herr Oberst, könnte Juanita mit versehen." „Juanita steht nicht mehr in meinem Dienst," versetzte Jsabella; es lag eine gewiste Schroffheit in ihrem Ton, dem Alten sollte im Vorhinein die Lust zu irgendwelcher Intervention zu Gunsten der Entlassenen vergehen. Er hob die Angen und blickte sinnend empor zum Plafond. „Da wäre es wohl gerathen, daß ich mich an ein Stellenvermittelungsbureau wende wegen einer Kammerjungfer — auch wegen einer Haushälterin?" — „Rein, nein," entgegnete Jsabella, „ich will weder die Eine noch die Mindere." Pedro glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. „Das gnädige Fräulein wünschen keine Kammerjungfer?" „Nein," wiederholte Jsabella, den Kopf schüttelnd, „ich war in letzter Zeit häufig unzufrieden mit Juanita, weßhalb ich mit meiner Toilette allein fertig geworden bin. Dabei soll es bleiben. Im Uebrigen könnte wohl das Hausmädchen Sie ersetzen."

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