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Der Israelit · 1901-12-02 · Heft 95 (2.12.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 95 (2.12.1901)
Date
1901-12-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4L. Jahrgang. Zweite Anlage z« M 95 des „Israelit". Leitender Artikel. Lenin m WchriW kr religiösen Zuteressen öes Aöenthnnis in ön Pros in; Wesifnle». Aeier der ofsiciekken Amtseinführung des neugewählien Aabbiners Lerrn Dr. Marx, verbunden mit der Äbschredsfeier für den bisherigen Aabbiner Lerrn Director Dr. G. Lange. (Bericht von S. Frankfurter, Wesel.) (Fortsetzung.) II. Aber da kommen die Nörgler und Zweifler, meine verehrten Freunde, die alles in dunkelstem Lichte schauen und meinen: Ja, es ist wahr, der Mensch kann ein Mal für eine große Idee gewonnen werden, der Mensch kann sich zur Höhe einer Anschauung hinanschwingen, aber sich auf der Höhe der Anschauung, der Ideale erhalten, das ist unmöglich, der Mensch ist ein -nri! des Menschen Steigen bedingt ein ebenso sicheres Fallen. Und gar jüdische Ideale! Sind diese denn in unserer modernen Zeit noch erstrebenswerth? Stellt sich das Judenthum nicht in den Gegensatz zur modernen Sitte und Gesittung? Ja, so meint man, das Judenthum ist eine Religion des Stillstandes, Judenthum und Kultur-Fortschritt sind diametrale Gegensätze. Und haben denn die jüdischen Ideale ihre Anhänger immer auf die Höhe gebracht, die sie angeblich mit sich bringen? Es sinkt dieses Gottesvolk immer mehr und sein kleines Häuflein schmilzt zusammen. Glück und Segen hat die Annahme des altüberlieferten Judenthums nicht im Gefolge. Meine Freunde! Dieser Ginwand mag unfern Stammvater im Traum beschäftigt haben, als er ctot ’ssSq n:m die steigenden Gvttesboten fallen steht, als erhabenste Antwort erblickt er, aus Geschichte und Ge s ch i ck e des jüdischen Volkes schauend, t6j> 2x2 'n rum Gott unerschütterlich über diesem Geschick, Gott als den schützenden Vater seines Volkes! Und wahrlich, das nwr ein wunderbarer Anblick, der sich ihm hier eröffnet! Denn was sah das jüdische Volk nicht schon an seinem Auge in Zeit und Raum vorübergleiten? Es sah unter Babyloniens und Assyriens Weltherrschaft das jüdische Volk im Staub — und sah von der Höhe herab Babel und Aschur in die Tiefe stürzen. Es sah Javhet's Schönheit sich ergießen über die Hütte Schem's, — Griechenland weltbeherrschend, die Judenheit unterworfen — und sah die griechischen Götterstatuen in tausend Splitter zerschellen. Es fühlte Norists gewaltig? Faust und eherneu Tritt auf seinem Nacken und sah die Welt erbeben unter dem Zusammenbruch dieses Weltenreiches. Es sah neue Bekenntnisse sich errichten auf der sinkenden Moriah-Höhe, Bekenntniste, die ihr Bestes der Mutter Judah verdankten, und sah in blutigen Kämpfen dieselben sich zersplittern und in der modernen Zeit den Glauben an sich selbst immer mehr verlierend. — Es sah und es sah — und was sah es nicht? Wie anders deine Geschichte, 0 Israel! Auch du steigt und fielst — und bist dennoch unsterblich! Zwar geht auch deine politische Selbstständigkeit verloren, Zion geht in Schutt und Asche auf, weil das jüdische Volk mit Füßen getreten sein herrliches Gottesgesetz. Aber wenige Jahre vergehen, und es blühen bereits herrliche jüdische Gemeinden und auf zahlreichen Hochschulen reift eine Geistesarbeit, um die uns die ganze Welt beneidet, und deren Schätze ewig unerschöpflich bleiben. Und auch da bleibst du nicht, flüchtest von Land zu Land, durch die Zeiten und Räume, Geschichte und Völker, gar oft dein Judenthum vergessend, und dennoch im und durch das Fallen deinen Glauben wiederfindend, um dann auch sofort wieder zu ungeahnter Höhe emporzuschnellen. So wandern wir durch Spanien und Italien, Holland, Frankreich und England, gepeitscht von den Furien des Hasses, und dennoch Dichter und Denker, Staatsmänner und Gelehrte zeitigend. Und hinein in die finsteren Gaue Deutschlands, in's Mittelalter, auch dort gar manches Mal sein jüdisches Bewusstsein verlierend, um wenige Jahrzehme nachher wieder begeistert seinem Gottcsglauben zu huldigen. Wc^r denn die Tausenden sonst, die für ctrn nunnp, den heili gen Namen ihre reine Seele aushauchen? Und als dann aus den gedrückten Kammerknechten freie Bürger wurden, als das Morgenroth auch uns leuchten sollte, ach, wie viele Tausende unserer Brüder sanken dem Abfall, sanken der Reform in die Arme! Aber das Judenthum ist nicht verlassen, es bleibt unsterblich. Erst durch das Dunkel solcher Nacht leuchteten uns Sonnen wie Samson Raphael Hirsch und die herrliche Schaar jener Männer, die in ungeahnter Blüthe das alte Judenthum wieder erstehen ließen, und auch diese Bewegung unseres Westfalenlandes darf als ein Ausläufer des Siegeszuges betrachtet werden, deren Zeuge unser Auge sein konnte. Wer von Ihnen, hochansehnliche Versammlung, schaut dieses Wunder der Geschichte und bekennt und erkennt durch sie nicht die Wahrheit unserer Ueberzeugung? "63? 2i£2 "i rum. Wer spricht da nicht durchglüht und begeistert: „Die Geschichte unseres Volkes ist der glänzendste Beweis für unseren Glauben!" Andere Völker steigen, um in das Grab der Vergessenheit zu

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