Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1901)
- Date
- 1901-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4L. Jahrgang. Erste Aeikage zu M 95 des „Israelit." Leitender Artikel. Adolf Rosenblatt y"j. Regensburg, Bayern, die jüdischen Zerstreuten und ihre höchsten, heiligsten Anliegen, alles Edle und Humane, in weiten, weiten Kreisen, alle haben einen schweren, unermeßlichen Verlust erlitten: Adolf R o s e n v l a t t ist nicht mehr! Ein Schlag ließ datz edle, für alles Gute und Wackere so warm pulsirende Herz am Montag Abend jäh stille stehen, und die Wucht dieses Schlages zuckte in dielen, vielen Herzen in namenlosem Schmerze nach. Herzensschwäche war es, was nach Angabe der Aerzte, den Sechsundsechzigjährigen hingcrafst hat; als ob der schwache Herzmuskel den mächtigen, edlen Regungen nicht gewachsen gewesen wäre, die dieses cdle, für alles Gute und Heilige so rastlos schlagende Herz bewegten. Jedem, der ihn kannte, weckt sein Gedächtniß das Bild aller Liebenswürdigkeit und Geistesfrische, aller Gemiithswärme und Gedankentiefe, aller Herzensmilde und Charakterstärke, das Bild der ruhelosesten Thätrgkeil und der besonnensten Ueberlegung, das Bild der biedersten Redlichkeit und der liebewarmen Hingebung, der ungeheuchelten Gottesfurcht. Die harmonische Vereinigung aller dieser Vorzüge des Geistes und des Herzens sicherten Adols Rosenblatt einen Plast unter den besten der Menschen, den wackersten der Männer, den trefflichsten der Juden und machen ihn zu einer Zierde aller Zeiten, 311 einem Stolz seiner Zeit und zu einer festen Säule alles Guten und Edlen seines engeren Kreises. Hoch über allen seinen herrlichen Tugenden glänzt sein seltener, wahrhaft jüdischer Wohlthätigteitsstnn, das edle Herz mit der waderen, hilfsbereiten Hand. Er hat gegeben und geholfen rasch, gerne mit vollen Händen, aber, was ihrn wenige nachthun, mit dollem Herzen. Er war kein Held der Phrase, er war ein Mann der Thal. Er hat mit den Armen und Unglücklichen geweint und hat ihnen geholfen, nicht stückchenweise. sondern in ganz ungewöhnlicher, ausgiebiger Weise. Das Letzte, das seine gesegnete Hand schrieb, war ein Brief, mit dem er an einen, der am Sinken war, einen namhaften Betrag übersandte und ihm Glück und Erfolg wünschte! Ueberstrahlt wird diese opferwillige Herzensgute vielleicht nur noch durch die Perle aller Tugenden, durch eine Bescheidenheit, die geradezu ungewöhnlich war. Während die jüdische Parole T1?"': neben der eigenen Freude die Mitfreude anderer fordert, stand ihm die Freude anderer im Vordergrund dessen, was sein gutes Herz erstrebte, das für sich keine Ansprüche an das Leben stellte, als daß es sich in den Bahnen bewege, die uns Gottes Gesetz vorgeschrieben hat. In diesein Sinne hat er auch Hand in Hand mit seiner wackeren Lebensgefährtin während einer 86jährigen, glücklichen Ehe sein Haus geführt, und seine Kinder erzogen und verheirathel. Seine Kinder und Enkel, sie stehen alle nach dem leuchtenden Beispiele ihrer Eltern auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthnms und tragen das Vermächtniß in Ehren, das der Besitz eines solchen Vaters bedeutet. Weit über den Kreis der Familie und Gemeinde hinaus wird ihnen der Name Adolf Rosenblatt ein Geleitsbrief an die Herzen der zahlreichen Freunde und Verehrer des Verblichenen sein und es für alle Zeiten bleiben. Von dieser seltenen Verehrung legte die ringeloöhnliche Theilnahme beredtes Zeugniß ab, welche die Todesnachricht in allen Schichten der Bevölkerung weckte. Wir waren Zeuge von der Art und Weise, wie die Beamten der Bayerischen Notenbank den Tod ihres Freundes und Berathers beklagten, wie Hoch und Nieder dem Hingeschiedenen Thränen schmerzlicher Wehmuth nachweinten. Diese und eine Masse ähnlicher Züge aufrichtiger Theilnahme legten lautes Zeugniß dafür ab, wie nahe der Entschlafene den Herzen Aller stand, welch ein Fürst der Milde und Gutherzigkeit, welch einen Hohepriester alle umfassender Menschenliebe mit Adolf Rosenblatt zu Grabe getragen wurde. Bei der Beerdigung kam dann diese Theilnahme in einer Weise zum Ausdruck, wie sie sich selten sonst inanifestirt. In beredter Weise feierte Herr Rabbiner Dr. Meyer die seltenen Verdienste des Entschlafenen und den nnsäglichen Verlust, der sein Scheiden bedeutet. Außer den Tugenden der Menschenliebe und Bescheidenheit betonte der Redner die unverfälschte jüdische Gesinnung, wie sie in dein ganzen Leben und Wirken des Heimgegangenen in so grandioser Weise zu Tage trat, wie derselbe Mann, der keinen Armen ohne Gabe aus dem Hause gehen ließ, auch die spezifischen Tugenden des jüdischen Pslichtlekens mit so seltener, pünktlicher Gewissenhaftigkeit erfüllte,wie er zum gemeinsamen Gebete jederzeit pünklich am Platze war, selbst wenn er sicher wußte, daß sich die zum öffentlichen Gebete er forderliche 'Zehnzahl nicht einfinden werde, mit welcher aufrichtigen Gottesfurcht er allen als Beispiel voran leuchtete, er, der als iksiähriger Knabe in die Fremde ».-andern und seinen llnterhalt verdienen mußte, d> - zwölf Jahre irr Amerika gelebt, wie ihn aber keine MM und kein Fahrniß von der Liebe zur Thora und ihrer Lehre und die für ihre Erhaltung gegründtetcn Arstallen, sowie von der trerren Erfüllung ihrer G' abwendig machen konnte!