Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1901)
- Date
- 1901-11-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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MWWW mmm 42* Jahrgang._ Zweite Aeikage zu M 94 des „Israelit". Leitender Artikel« Jüdische schulen in Jerusalem. Wir 'stehen vor einer Wendung in der jüdischen Geschichte! Aber während in dem europäischen Juden das erwachte jüdische Bewußtsein in den verschiedenartigsten Gestaltungen zum Ausdruck gelangt, suckck der Orientale sein Judenthum so schnell als möglich abzustreifen. In seinen Augen ist nur der Jude, der Hebräisch spricht. Das ist tief zu beklagen, aber es darf uns nicht wundern. Aus den Handlungen unserer Jugend spricht der Geist ihrer Erzieher. Denn Schulen -- sofern sie in den Händen der Französischen Alliance liegen — aus denen jüd. Geist und Frömmigkeit geflohen sind, deren Zöglinge in die Welt hinaustreten, ohne daß ein Licht des freien Selbstbewußtseins ihnen je aufdämmerte von der Höbe und Wichtigkeit ihres jüdischen Berufes, sind das Heim geworden, in dem man unser neues Ge'chlecht auf das Leben vorbereitet. Schulen, in denen man neben 4—5 Sprachen noch vieles Andere oberflächlich lehrt, in denen man alles suchen darf und finden kann, alles — nur nicht Israels Geist und Israels Lehre. Und daß die Erziehung dort keine religiös sittliche ist und sein kann, dafür zeugt noch etwas weit Schlimmeres. Wo Kinder, die allerdings inmitten eines unbeschreiblichen Elends aufwachsen und als ganz natürliche Folge das glühende Verlangen hegen, diesem zu entfliehen, wo Kinder, sage ich, für ihre Eltern Verachtung fühlen, weil diese sich aus dem sie umgebenden geistigen und körperlichen Sumpfe nicht herausarbeiten konnten, da muß es schlecht um die bestehenden Schulen, aber noch weit schlechter um die sittliche Größe und Zukunft eines Volkes stehen. Doch an uns liegt die Schuld. Wir durften keine besseren Kinder erwarten, nachdem wir ihnen Erzieher gaben, die selbst nicht über das gewöhnliche Niveau des Nlltagsmenschen hinausreichen. Wir vergaßen ganz, daß sich das Kind nur am Beispiel bildet, und daß deßhalb Menschen, welche die Bildung jüdischer Kinder über nehmen, selbst erst Juden sein müssen, und in sich das Muster finden, das jene sich stets Vorhalten sollen. Denn Erziehung besteht mehr in Handlungen, als in Veden, und Kinder vergehen gar leicht, was man ihnen gesagt, aber nicht, was sie gesehen. Und dem scharfblickenden Kinderauge kann nicht entgehen, daß es dem Lehrer, der da lehrt: „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter!" ebensowenig ernst ist, als wenn er sagt: „Heilige den Sabbat!" und dabei spricht sein ganzes Thun und Lassen für dessen „Entheiligung." Und thatsächlich ist es so! Denn daß die Allianzlehrer zumeist keine Juden sind, wird Jedem bereits nach einer kurzen Unterhaltung mit ihnen klar. Und soviel ich mich erinnere, lag Stolz in der Antwort eines französischen orientalischen Pädagogen, als man ihn wegen seiner Irreligiosität zur Rede stellte: „Ich handle nach meiner innersten Ueberzeugung, darnach ich nichts thun darf, woran ich nicht glaube." Allerdings, es ist das Höchste und Kühnste, seine einmal als wahr erkannten Ideen zur Richtschnur seines Thuns zu nehmen, aber ein Freigeist kann und darf nimmermehr jüdische Schulen leiten. — Und so glaube ich denn, daß Jeder, der als Jude denkt und fühlt, mit mir eins sein wird in dem Gedanken, daß eine Umwälzung im orientalischen Schulwesen durchgeführt werden muß, wollen wir unsere Jugend noch rechtzeitig dem geistigen und sittlichen Verfall entreißen. Daß diese große Umwälzung, die keinen Stein des jetzigen französischen Spstems auf dem andern läßt, sich bereits unbewußt vorbereitet, ist an der allgemeinen Unzufriedenheit zu erkennen. Doch eine gründliche Neuschöpfung scheitert an der allgemeinen Unlust für durchgreifende Abhilfe, oder an dem angeborenen jüdischen Phlegma, das in dem Satze gipfelt: „Dem ist doch nicht abzuhelfen, das wissen wir schon lange, daß aus Paris nichts Gutes kommt!" Und so schlafen und träumen sie denn weiter, unsere lieben Alten, und wenn sie erwachen, sehen sie erstaunt, daß aus dem Peies tragenden Juden, dem noch altjüdische Frömmigkeit im Herzen wohnte, ein moderner französisch sprechender I s r a e l i t e geworden ist. Aber er ist nur ein Zwittergeschöpf, weder Jude nach Franzose, sondern halb dieses und halb jenes. Und Halbheiten können wir nicht gebrauchen, wo es gilt, ein Ganzes zu schaffen. Deßivegen müssen eiserne Hände die Ziigel ergreifen, die Hindernisse aus dem Wege räumen und furchtlos dem Ziele zufahren. Allerdings, noch fehlt der Kühne, der mit einem heißen, unbezwinglichen Willen die gewaltige Unrwälznng in's Leben rufen wird. Keine Umwälzung, die vlos als zersetzende Kraft des Bestehenden zerstört, sondern zugleich als aufbauende, die von den neuen, an's Licht drängenden Gestaltungen die bindernde Hülle reißt. Die Reform muß den jetzigen, französischen Schulgeift gänzlich ausrotten und dafür soll das Schulwesen jüdischer Geist durchziehen, der im Stande ist, das jüdische Bewußtsein zu heben. Es muß ferner dem gedrückten Juden den Glauben an sich selbst zurückgeben und ihn seiner eigenen Kraft bewußt werden lassen, daß er nicht hilfesuchend nach Europa hinüberschiele, sondern in sich selbst Hilfe finde. Unsere neuen Erzieher, die ein neues Geschlecht jüdisch denkender Männer und Frauen zu erziehen haben, müssen ihr Erziehungs-Ziel sehen: in dem „sittlichen freien Menschen," der seine seelische Reife in der kampflosen Aus-