Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1901)
- Date
- 1901-11-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449235--54765-2505484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2061 Aerrillelon. Nach vierhundert fahren. 211 Von Friedrich Rott. Sie sprachen über die Tagesereignisse und der Doktor staunte über das klare, richtige Urtheil des jungen Mädchens, so wie über das rege Interesse, das he nicht nur den Tagesereignissen, sondern auch den Humanitären Bestrebungen entgegenbrachte, und er erkannte deutlich, daß sie die Ansicht oder das Urtheil, das sie äußerte, nichl etwa aus den diesbezüglichen Blättern herausgelesen hatte, sondern daß sie das Ergebniß selbstständigen Denkens waren. Hatte er Anfangs sich nur aus Höflichkeit mit ihr unterhalten, so gewährte ihm ihre Unterhaltung sehr bald ein ganz besonderes Vergnügen.-—- Der Oberst war mit seinem Besuche bei der Familie Müller überaus befriedigt. In dem Doktor hatte er seinen ehemaligen Arzt wiedererkannt, den er schon damals sehr geschätzt hatte. Die alte Dame hatte ihm dermaßen gefallen, daß er seiner Nichte erklärte, wenn üe nicht Jüdin wäre, würde er sofort um ihre Hand anhalten, und Viktors strammes, frisches Auftreten, sowie seinen Hellen, scharfen Verstand und die seltene Schönheit und Wohlerzogenheit des kleinen Mädchens konnte er nicht genug rühmen. „Aber Onkelchen, Onkelchen, was wird Alfred sagen, wenn er hören wird, daß Du von den Juden so entzückt bist?" „Ach was!" brummte der Oberst, „was kümmert mich, was Alfred sagen wird. Ich aber werde ihm sagen, daß er ein Narr ist und daß Du ganz recht hast, ihm wegen seines ungehörigen Briefes zu zürnen." „Das habe ich ja gewußt, daß mein lieber, guter Onkel mir recht geben wird," jubelte Jsabella, „aber daß Du die alte Frau Müller lieber heirathen möchtest, als mich, das thut mir doch sehr leid." Sie bemühte sich, ein schmollendes Gesicht zu machen, es wollte ihr jedoch nicht gelingen. Der Alte streichelte ihr lachend die rosigen Wangen. „Um Dich zu heirathen, dazu bist Du mir zu jung, und außerdem hoffe ich noch immer, daß Du mein liebes liebes Töchterchen wirst." „Als Dein liebes Töchterchen betrachte ich mich ja schon jetzt, aber Alfreds Frau werde ich nie und nimmer. Ich weiß doch längst, daß es Dein Wunsch ist und ich hoffe, daß auch Du längst weiht, daß ich im Ucbrigen jeden Deiner Wünsche erfüllen möchte." „Gewiß Kind, gewiß, das weiß ich." „Also wenn Du das weißt, so mußt Du doch einsehen, daß es mir nicht möglich ist, diesen Wunsch Dir zu erfüllen —" „Nicht möglich?"- „Nun, ich will nicht sagen, nicht möglich. Man kann ja sein Lebensglück Jemanden opfern, den man sehr lieb hat und verehrt. — Aber ich habe immer geglaubt, mein großherziger Onkel würde ein derartiges Opfer nicht annehmen —" „Das würde ich auch nicht annehmen," erklärte der Oberst mit Entschiedenheit, „ein Opfer sollst Du mir nicht bringen, am allerwenigsten das Deines Lebensglückes. Aber ich hege die Hoffnung, daß eine Zeit kommen wird, in der Du es nicht mehr als Opfer betrachten wirst, meinen diesbezüglichen Wunsch zu erfüllen." „Du meinst, wenn ich alt und grau sein werde —" „Das meine ich nicht, so lange möchte ich nicht gerne warten. Ich meine vielmehr, wenn Du Alfred noch bester kennen gelernt haben wirst." Sie schüttelte mit geringschätzigem Lächeln den Kopf. „Ich dächte, ich kenne ihn zur Genüge." „.Kind, Kind, er ist mein Sohn! — Mein einziger Sohn! Urtheile nicht so wegwerfend über ihn. Ich will Dich ja nicht drängen — aber mir zu Liebe bemühe Dich, ihn noch bester kennen zu lernen." „Das will ich Dir gerne thun, Onkel. Dir zu Liebe, was möchte ich da nicht thun! Und ich verspreche Dir, sobald ich zur Einsicht gelange, daß ich nicht das Glück meines Lebens gefährde, wenn ich Deinen Sohn heirathe, es Dir soforr zu sagen." „Schön, mein Kind, schön — weiter verlange ich nichts von Dir. Gott bewahre, daß Du mir ein Opfer bringen sollst! Aber — Alfred hat ja seine Fehler — das gebe ich gerne zu. Und er hat Dich beleidigt! Das will ich durchaus nicht in Abrede stellen. Trotzdem — ct iü und war von jeher ein guter Sohn, und darum bin ich überzeugt, daß er auch ein guter Gatte werden wird —" „Das ist auch höchst wahrscheinlich. Sobald ich nur hoffen zu tonnen glaube, daß wir nicht allzu schlecht zu einander passen, werde ich mich gewiß nicht länger sträuben. Deinen Wunsch zu erfüllen. Aber inzwischen, Onkel —?" „Inzwischen? — Ich verstehe nicht, was Du meinst." „Nicht? Wir können doch offen miteinander sprechen. Siehe, ich weiß sehr wohl, so lange Du den Vlan, Alfred und mich mit einander zu verheirathen, nicht vollständig aufgegeben hast, so lange bietest Du mir kein Asvl in Deinem Hause an und so lange wünschest Du auch nicht, daß ich der Einladung eines 'meiner Verwandten entspreche —" Das stets gut gefärbte Gesicht des Obersten färbte sich noch mehr. „Du bist ein verflixt scharfsichtiges Herchen. Dir macht man kein U für ein Npsssson vor —" „Nun also — wo soll ich hin, wenn die Saison hier zu Ende, geht?" „Wo Du Dich dann aufhalten sollst?" Um die Lippen des alten Soldaten spielte ein verschmitztes