Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1901)
- Date
- 1901-11-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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2029 stützt imirbe und daher untern Tisch fallen mußte. Diesesmal fand der antijüdische Antrag reichliche Unterstützung, und wurde daher über ihn sehr ernstlich diskutirt. Die Debatte konnte aber in dieser Sitzung nicht $u Ende geführt und mußte auf das nächste Mal verschoben werden. Inzwischen waren aber die „Englischen Brüder" ebenfalls nicht müßig geblieben. Sie rieten an demselben Tage in Bethnal Green zu London eine große Volksversammlung ein. welche von über 5000 „Brüdern" besucht wurde. In seiner Ansprache behauptete der Vorsitzende der Liga, daß die Jmigrationsfrage eine nationale und keine politische Frage sei. Der englische Arbeiter, der in East-London geboren wurde und früher sein ganzes Leben daselbst verbracht hat. werde jetzt von den Fremden verdrängt. In seinem bescheidenen aber netten Hause, das früher von ihm allein bewohnt wurde, hausen jetzt 5 6 fremde Familien, welche in ihrem Schmutz eine Gefahr für die sanitären Zustände Londons würden. Der Redner schlug eine Petition an das Parlament vor, die Einwanderung der Fremden mit aller Kraft zu verhindern. — Daß die angebliche Ueberschwemmung Londons durch Fremde eine grobe antisemitische Lüge ist, haben wiederum die letzten vom gewiß fremdenfeindlichen Board of Trades veröffentlichten Zahlen abermals bis zur Evidenz bewiesen. Es sind im Monat September über England nach außereuropäischen Ländern ausgewandert 8912 Personen (gegen 7249 im Sept. 1900). Dagegen betrug die Zahl der Fremden, welche in England sich niedergelassen haben, 6969 gegen 9868. Während der ersten 9 Monate dieses Jahres haben 121,131 Fremde England berührt (1467), davon sind aber nur 65,322 einstweilen in England verblieben, gegen 61.738 im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Es sind also in diesem Jahre 6416 Personen weniger in England verblieben. Davon gehen noch 12,000 Matrosen ab, so daß diese Zahl sich auf 43,322 redueirt. Weiter ergeben die vom Board of Trades veröffentlichten Zahlen, daß von diesen 43,000 Einwanderern der allergrößte Theil nur ganz vorübergehend auf englischem Boden verweilt und nach kurzem wenige Monate dauernden Aufenthalte weiter wandert. Rach Ablaus eines Jahres dürfte von den 43,000 Fremden kaum 6—7000 noch in England zu finden sein. Da die Geburten in England in steter Abnahme begriffen sind, andererseits aber das Mutterland alljährlich ca. 60,000 Menschen an seine zahlreichen und stets wachsenden Kolonien abgeben muß, so könnte England einen Zuwachs von 10,000 fleißigen Fremden, welche überdies in kaum einer Generation sich in echte Engländer zu verwandeln wiffen, schon ganz gut vertragen. Rußland. Kiew. Dürfen Juden, welche sich im ganzen russischen Reiche aufhalten können, auch in den Dörfern des Ansiedelungsrayons wohnen? Diese Frage ist vom russischen Senate in Uebereinstimmung mit dem gesunden Menschenverstände schon mehrere Male in bejahendem Sinne beantwortet worden. Dennoch fahren die ebenso bakschischgierigen, wie unwissenden kleinen Tschinowniks auf dem flachen Lande fort, jüdische Handwerker und andere privikegirten Juden, welche sich in Dörfern des Ansiedelungsrayons nrederlassen, ohne ihnen dafür das übliche monatliche Schweigegeld zu zahlen, auszuweisen. Ein eklatanter Fall dieser Art, welcher in Rußland großes Aufsehen erregte, hat sich Mitte Juli im Dorfe Swjatoschin, Gouvernement Kiew, zugeiragen. Das Dorf wird wegen seiner gesunden Lage von den Einwohnern Kiews gern als Sommerfrische benutzt, und auch Dr. Brodski, praktischer Arzt in Kiew, zog mit seiner Familie zur Erholung nach Swjatoschin. Kaum jedoch ist er in seinem provisorischen Wohnorte warm geworden, als der Pristav des Ortes bei ihm erschien und ihn aufforderte, beim Gouverneur von Kiew um die spezielle Erlaubniß, sich für die Dauer des Sommers in Swjatoschin aufhalten zu dürfen, nachzusuchen, widrigenfalls er, der Pristav, ibn per Schub nach Kiew zurückschicken müsse. Dr. Brodski wollte aber im Bewußtsein seines guten Rechtes den deutlichen Wink des Bakschisch lüsternen Prisiaws nicht verstehen und kümmerte sich um dessen Drohung nicht weiter. Am 22. Juli erschien jedoch der Pristaw in Begleitung eines Gendarmen bei Dr. Brodski and erklärte ihn für verhaftet. Er wurde durch den Gendarmen nach dem nächsten Städtchen transportirt, von wo er richtig per Schub nach Kiew geschickt wurde. Zwei Tage später kam auch die Familie des Dr. Brodski. bestehend aus einer Frau und zwei kleinen Kindern, im Alter von 1 und 2 Jahren, per Schub in Kiew an. Das jüngste Kind lag fieberkrank in seinem Betichen, dennoch wurde es vom Krankenlager emvorgerissen und eiligst abgeschoben. Bezeichnend ist, daß derselbe Pristaw von Swjatoschin bereits drei jüdische Aerzie auf diese Weise aus dem Bereiche seiner Tyrannei auszuweisen versucht hat. die Ausweisungen wurden jedoch durch Senatsverfügung iedesmal auullirt. Leider gelten Verfügungen des russischen Senats immer nur für die betreffende Person und den gegebenen Fall, so daß ein böswilliger Tschinownik sich immer wieder ungestraft dumm stellen und bei einem andern völlig gleichen Falle die Juden von neuem maltraitiren darf. Der Fall des Dr. Brodski hat u. a. auch bewiesen, wie werthlos russische Senatsentscheidungen sind, wenn böswillige Tschinowniks es auf Mißhandlung von Juden abgesehen haben. Singers Haushaltungsbuch für das Jahr 1902. Dieses bereits im dritten Jahrgang erscheinende Buck kann allen Hausfrauen wegen seiner überaus praktischen Eintbeilung und seiner großen Billigkeit aufs Wärmste cmvfohlen werden. Verlag von Josef Singer, Straßburg 1 E.