Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1901)
- Date
- 1901-11-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Zweite Meikage zu Jß 92 des „Israelit". Leitender Artikel. Das orthodoxe Judenthum- Bon Will). Löwy Ym in Sarbogard, Ungarn.*) Wer unseren bisherigen Ausführungen mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird wohl die Ueberzeugung gewonnen haben, daß wir durchaus nicht im Dienste irgend einer Partei stehen. Das orthodoxe Judenthum ist ja lein Parteiprogramm, sondern das theuerste Erbaut Israels und dieses möchten wir gegen jede Verunglimpfung und Entstellung nach Kräften schützen. Von wo immer das unverfälschte Judenthum von Gefahr bedroht wird, von welcher Seite immer gegen dasselbe gesündigt wird, da wollen und dürfen wir es nicht verschweigen und rufen alle Getreuen wach, auf daß sie noch rechtzeitig zur Rettung und Erhaltung unseres theuersten Kleinodes einstehen. Gottlob! ab noch gibt es eine große Anzahl jüdischer Gemeinden und Rabbiner, welche die Rabbinatswürde in ihrer ursprünglichen Reinheit und Heiligkeit Hochhalten; allein seit jiingstcr Zeit greift ein gefährlicher Krebsschaden um sich, besonders in Ungarn und Galizien, der das hehre jüdische Gemeindeleben an seinem edelsten Theile angreift; wir meinen den verwerflichen, niedrigen Schacher, der bei der Besetzung einer Rabbinerstelle getrieben wird und in erschreckender Weise 'ich i;i immer mehr Gemeinden ausbreitet. Viel wurde schon geschrieben auch gegen das Abhalten von Probepredigten. lveil sich damit die Rabbiner buchstäblich selbst an den Pranger stellen. In früheren Zeiten, und zum Theil noch heute, haben die Gemeinden, wenn sie die vaeante Rabbinerstelle besetzen lassen wollten, von rabbinischen Koryphäen Rath eingeholt und sich entsprechende Kandidaten Vorschlägen lassen, und suchten den empfohlenen Rabbiner in seinem gegenwärtigen Wirkungskreis ans. um ihn kennen zu lernen; ein Vorgehen, das echt jüdisch und sowohl des Rabbiners, als der Gemeinde am würdigsten ist. Die Zeiten und die Anschauungen haben sich jedoch geändert und wahrlich nicht zum Vortheil der heiligen Sache! Von den Gemeinden wird ein Konkurs ausgeschrieben und zum Principe erhoben, daß die Rabbinatswürde dem übertragen werde, der aus dem Wettkampfe als Sieger hervorgehen, der den größten Beifall erringen wird. Wessen Beifall? den der Gemeinde oder auch nur des Vorstandes oder — der Nichtjuden. Sind aber Gemeinde und Vorstand, von den Nichtjuden gar nicht zu *) Fortsetzung aus Nummer 85. reden, jüdisch gebildet genug, um über eine Predigt und die Leistungsfähigkeit des Rabbiners urtheilen zu können? In den meisten Fällen durchaus nicht! Der Kandidat, der vielleicht unverdient den Rabbinertitel führt, braucht nur zufällig ein „gutes Wörtchen" oder ein Moschelchen (Gleichniß) gesagt zu haben, das der Eitelkeit des Vorstandes schmeichelt, und sofort wird besiegelt und bestätigt, daß dieser der heißersehnte und langgesuchte Mann, der richtige Mann auf dem richtigen Platze sei. So wenig auch eine solche Rabbinerwahl zweckentsprechend ist, so ist doch wenigstens Ehrlichkeit dabei; das Publikum handelt bona fide und glaubt und will überzeugt sein, daß der Gewählte ein großes „Kirchenlicht," ein Stern erster Größe an dem Himmel der rabbinischen Wissenschaft sei. Ein Frevel von der gemeinsten Sorte ist es aber, und die Schamröthe steigt uns in's Gesicht, so wir daran denken, wenn sich Rabbiner so weit vergessen, daß sie die Räbbinerstellen erkaufen. Wir schweigen schon von dem großen tc-x der dabei vom Rabbiner!! übertreten wird und wollen auch nicht das vernichtende Urtheil der großen Männer Israels erloähnen, mit welchem sie über solche Creaturen den Stab brechen; wir sprechen nur vom rein menschlichen, moralischen Standpunkt. Wie wird durch eine so abscheuliche Sünde die ganze Rabbinatswürde in den Koth gezerrt und wie müssen hierdurch auch die charakterfesten Rabbiner leiden! Uns sind Fälle bekannt, daß Bewerber um eine Rabbinerstelle wegen ihrer Vergangenheit von den Gemeinden überhaupt gar nicht in Betracht gezogen wurden, als dieselben jedoch klingende Beweise für ihre Tüchtigkeit erbrachten, oder erklärten, die Rabbinatswürde billiger anzunehmen, als die übrigen Aspiranten, da wurden vie Gemeinden sofort umgestimmt und erblickten in den zuerst verworfenen Kandidaten die Tüchtigsten unter den Tüchtigen, die natürlich die Herzen Aller im Sturm erobert hatten. Bon solchen gilt das Wort des Propheten: „Wehe jenen Hirten Israels, die sich nur s e l b st weiden, während doch die Hirten die ihnen anvcrtrauten Schaafe weiden sollten. Diese essen nur das Fett, kleiden sich mit der Wolle, genießen das gemästete Vieh — allein die Schaafe weiden sie nicht!" (Jecheskel 34, 2. 3.) So lange die künstlich gemachte Begeisterung für den Rabbiner nicht geschwunden ist, steht noch der Rabbiner und die Rabbinatswürde in Ehren; wenn aber allmäblig der nüchterne Verstand zur Geltung kommt und über die Wege nachdenkt, durch welche der Rabbiner sich in die Gemeinde eingeschmuggelt, da kommt bald statt der früheren Achtung die wohlverdiente Verachtung gegen den Rabbiner bei jedem Anlasse zum Ausdrucke. Wenn es aber nur dabei bliebe! Allein das