Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1901)
- Date
- 1901-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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äoi6 Meise in seinen „Sprüchen" Verleumdungssucht, unmäßige Genußsucht und Lasterhastigkeit mit beißender Satyre und ätzendem Spotte geißelt. Mit den gleichen Massen kämpfen die gottbegeisterten Propheten gegen das Verbrechen des Götzendienstes, insbesondere der Prophet Jesaias im 44. Kapitel in seither nicht mehr erreichter Weise. Wir hörten dann eine Reihe von geistreichen, witzigen Sentenzen aus dem Leben unserer Weisen unter babylonischer Herrschaft, theils ihrem eigenen Munde entstammend, theils im Zusammenhang mit ihrer Person entstanden. Redner schloß seine hochbedeutsamen Ausführungen wie folgt: „Das Judenthum ist weit davon entfernt, eine Religion der Ascese und des Pessimismus zu sein, eine der düsteren Seite zugekehrte Weltanschauung zu fördern. Es kennt jedoch ebensowenig eine tolle Lustigkeit und zügellose Ausgelassenheit, denn wie allgemein bekannt, waren die höchsten Freudentage, wie das Fest des Wasserschöpfens, eine Freude vor und mit Gott. In unseren Tagen gilt noch leider unvermindert und durch nichts gemildert das Wort unserer Weisen, daß, so lange Jerusalem in Trümmern liegt und das Heiligthum nicht wieder entstanden ist, volle Freude und heller Jubel nimmermehr eine " tätte bei uns finden, wie dies der Stufengesang durch oie Worte ausdrückt: „Dann erst wird sich unser Mund zur Fröhlichkeit öffnen, unsere Zunge wird von Lobgesängen voll sein, wenn der Herr die Verbannten nach Zion zurückführt und Seine Majestät wieder von Seinem Heiligthume aus erstrahlen läßt." Bis dahin haben in Israel Scherz und Humor insoweit ihren Platz, als sie ihre Aufgabe darin finden, in düstere Wetterwinkel des Schicksals einen belebenden, herzerfrischenden Sonnenstrahl zu spenden und bestrebt sind, die Segnungen der Zufriedenheit und einer zuversichtsfrohen Lebensauffassung anzubahnen. O e st e r r e i ch. Wien, im Nov. Wenn „gut Ding Weile braucht," und die Güte eines Dinges im Verhältniß zur „Weile" steht, muß der „Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judenthums in Wien und Niederösterreich" ein gar gut Ding werden. 21/. Jahre sind seit der ersten Anregung bis zur nun erfolgten Konstituirung verflossen und mußten die Gründer gegen die verschiedensten widerstrebenden Elemente von links und rechts ankämpfen. Die Furcht der offiziellen Kreise einerseits vor einer drohenden Spaltung der Gemeinde, die Besorgniß einzelner konservativer Elemente in einem, zu hoffentlich großer Bedeutung bestimmten Vereine, ihr werthes Ich nicht zur entsprechenden Geltung bringen zu können andererseits, gestalteten die Verhandlungen nach allen Seiten äußerst schwierig. Schließlich blieb nichts übrig, als den Knoten zu durchhauen und den Verein in der Form nur mit den Elementen zu gründen, die momentan erreichbar waren. Was der Verein sein wird, muß die Zukunft lehren. Daß die Orthodoxie Wiens einer Organisation bedarf, daß die Vereinsleitung, in der alle Bezirke und nahezu alle orthodoxen Bethäuser vertreten sind, ihrer Ausgabe vollste Hingebung widmen wird, ist kein Zweifel. Ww sich Rabbinat und Kultusgemeinde zum Vereine stellen werden, ist nicht von großer Bedeutung; es wird eben alles friedlich erreicht werden, was zu erreichen ist, wenn es die offiziellen Kreise »vollen, der Verein wird aber nicht davor zurückschrecken, sein Recht auch im Kampfe zu erringen. Es ist jammerschade, daß die goldenen Worte, die der erste Vizepräsident zu seinem 70. Geburtstage in einem Dankschreiben niederschrieb: „Aeußerste Duldung ritueller Divergenzen, freie Entfaltung verschiedentlicher Anschauungen, Achtung vor der religiösen Ueberzeugung u. s. w., dies waren die Prinzipien, die mich bei der Abfassung des Gemeindestatutes leiteten, — daß diese goldenen Worte sich in der Praxis als leerer Schall erweisen. Daß der Autor dieser Worte, Herr Dr. Alfred Stern, der mit dem unvergeßlichen Dr. Lasker gar Vieles gemein hat: Beide hervorragende Juristen und Redner, beide Säulen der fortschrittlichen politischen Parteien, beide humanitären und speziell jüdischhumanitären Werken mit Aufopferung sich widmend, sich doch zur Höhe der Anschauung Lasters auf schwingen könnte. Lasker, persönlich dem praktischen Judenthum fern stehend, konnte seinen ganzen idealen Schwung, seine ganze glühende Beredsamkeit der Gerechtigkeit der orthodoxen Sache weihen, und er war es, der im preußischen Landtage das Trennungsgesetz durchbrachte. Wir in Oesterreich sind bescheidener. Wir sind es zufrieden, wenn wir im Rahmen der Kultusgemeinde unsere religiösen Bedürfnisse aus eigenen Mitteln befriedigen können. Daß wir die Organe der Kultusgemeinden in Deutsch-Oesterreich in religiöser Beziehung weder für kompetent noch für verläßlich halten, ist für Jeden, der verstehen will, klar wie die Sonne. Der Verein hat gewaltige Aufgaben vor sich, und rufen wir alle n w an, denselben geistig und materiell zu unterstützen, damit er seine Aufgabe erfülle, tt Bei der Konstituirung des Vereins wurden gewählt: Zum Obmann Berhard Hofbauer, Stellvertreter Abr. Fischer, Josef Schaalmann, Cassier F. Back, Schriftführer Pappenheim. Sim. B u ch w a l d , Kontrolleur Dr. Jos. B o n b \, Ad. Leitner. Vorstands-Mitglieder: Mor. Fels e n b u r g , Simon Hecht, Sam. H i r s ch l, F. H o s b a u e r , Jae. März, B. Schiff, Mor. S i l b e r st e i n , Dav. R o b i t s ch e k, David Stern, Elias Weiß. Zuschriften sind an den Obmann, Herr B. Hofb a u e r , I. Tuchlauben 26, zu richten.