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Der Israelit · 1901-11-21 · Heft 92 (21.11.1901) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 92 (21.11.1901)
Date
1901-11-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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3014 geßlichen Rabbiners Dr. I. Hildesheimer s. A., dessen Neffe der Verewigte war, das Haupt und die Krone der Familie gewesen ist. Ein leidgebeugtes, von schweren Schickungen erfülltes Leben war ihm beschieden. Seit Jahrzehnten in der grauenvollen Nacht völliger Blindheit, trug er sein Geschick, gestützt und geführt von seiner edlen Gattin, mit übermenschlicher Geduld, und lieh sich mitten in seinem Leid auch nicht im Allergeringsten auf dem heiligen Wege beirren, den er sein ganzes Leben lang gegangen war. In der Erfüllung der göttlichen Gebote peinlich gewissenhaft, bescheiden und anspruchslos in seinen Bedürfnissen, herzlich und liebevoll gegen die Armen, freundlich und theilnamsvoll gegen Jedermann, ging er, der Blinde, uns Allen als Muster und Beispiel voran. Keinen Gottesdienst versäumte er; wenn es sein Zustand nur irgend erlaubte, ließ er sich zum Gotteshause führen und ergoß seine Seele in inbrünstigem Gebete, wie es nur aus einem reichen Herzen und aus einem wahrhaft frommem Gemllthe hervorouillt. Man darf sagen: Ob auch u m ihn Nacht war, in seiner Seele leuchtete unverlöschlich das Licht unserer heiligen Religion und verklärte seinen Lebensweg mit strahlendem Schimmer. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer schönen Kundgebung für den Verewigten. Zahlreiche Verwandte und Bekannte des Entschlafenen aus Nah und Fern, ja aus England herüber, waren gekommen, dem Theuren das letzte Geleite zu geben. Selbstverständlich waren die Glieder unserer Gemeinde, die einen so schweren Verlust erleidet, vollzählig erschienen. Auf dem Friedhofe widmete Herr Rabbiner Dr. Ackermann in tiefdurchdachter Rede dem Verklärten warme Worte des Gedenkens und pries ihn als ein leuchtendes Vorbild, dem wir Alle in Treue nacheisern dürften. Wehmuthsvoll, thränennassen Auges schieden wir vom Grabe des frommen Mannes. -Möge ihm in einem besseren Leben reicher Lohn beschieden sein. München, 17. Nov. Am 13. d. Mts. hielt Herr Rabb. Dr. Ehrentreu im hiesigen „Verein für jüd. Geschichte und Litteratur" einen Vortrag über „Scherz und Humor im Talmud." Die Litteraturvereine erfreuen sich, namentlich in gesetzestreuen Kreisen, bekanntermaßen nicht ungetheilter Sympathien. Man macht ihnen häufig zum Vorwurf, es würden, wenigstens da und dort, nur schon sattsam behandelte Themata zum Vortrag gebracht, oder Inhalt und Disposition der Ausführungen seien derart, daß gerade die am meisten Belehrungsbedürftigen am wenigsten davon profitiren könnten. Nun, bei dem oben erwähnten, von Herrn Dr. Ehrentreu behandelten Thema trifft gewiß keiner der angezogenen Vorwürfe zu. Es erscheint mir fraglich, ob überhaupt in einem Litteraturverein „Scherz und Humor im Talmud" den Gegenstand eines Vortrages gebildet haben, und andererseits wußte der Herr Vortragende seine Ausführungen so kunstvoll aufzubauen, die einzelnen Beispiele mit solch' meisterhaftem Kennerblick zu wählen und in plastischer Weise an einander zu gliedern, daß die Zuhörer vom Anfang bis zum Schluß mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten und einig waren in dem Urtheil: Nicht allzu häufig wird eine Stunde so nützlich, so anregend und interessefördernd zugebrackt, wie diejenige, welche auf das Anhören des erwähnten Vortrages verwendet wurde. Zunächst bemerkte der Redner, daß er auf dieses Thema nicht aus eigener Wahl, sondern vielmehr in Folge Anregung von geschätzter Seite gekommen sei. Eigentlich biete der Talmud, dieses Riesenwerk menschlicher Geistesarbeit, diese ohne Gleichen dastehende Schöpfung der Edelsten und Besten im Reiche der Gedanken und des Forschens, für Scherz und Humor sehr wenig Boden. Medizinisches und Juristisches, Naturwissenschaftliches und Sprachwissenschaftliches finden sich im Talmud oft in weitem Rahmen und mit ebensoviel Sachkenntniß, als haarscharfer Logik behandelt; der leichtgeschürzten Muse des Humors ist jedoch hier eine Pflanzstätte nicht vergönnt worden, weder in der hochernsten Halacha, noch in der poesieumwobenen Hagada, die durch und durch elegisch, streng national, zionistisch im besten Sinne des Wortes, von jeder humorvollen Anwandlung sehr weit entfernt ist. Deßhalb können Scherz und Humor niemals eigentliche Bestandtheile, vielmehr nur Annexa des Talmud, beziehungsweise seiner Kenner, Ausleger und Förderer sein. Natürlich wird Niemand vernünftiger Weise in diesem Falle an nur zeitvertrödelnde Possenreißereien und Ulkereien denken. Wenn von Humor des Talmuds die Rede ist, so kann hierunter nur philosophische Resignation mit dem bei uns Juden hervorstechenden Zug der Selbstironie, in graziöser Weise geübte Geistesgymnastik, die Kunst, unter Thränen zu lachen, das Bestreben und die Fertigkeit, den Dingen die bessere Seite abzugewinnen, verstanden werden. Der Talmud erzählt, daß der Prophet Elijahu einst auf einem von vielen Hunderten besuchten Jahrmarkt erschien; befragt, wer unter diesen Vielen wohl der himmlischen Seligkeit theilhaftig würde, deutete er auf zwei Männer. Der Fragesteller ging, hierdurch wißbegierig gemacht, diesen Männern nach und wollte wissen, wer sie seien. „Wir sind lustige Leute," war die Antwort, „unsere Art ist es, Trauernde zu trösten, durch unser munteres Wesen Leidende ihren Schmerz vergessen zu machen." In solchen Dienst gestellt und auf diese Weise geübt, haben Scherz und Humor auch vom rein jüdischen Standpunkte aus ihre volle Berechtigung. Redner zeigt nun an einer klassisch gewählten Reihe von Beispielen, wie schon in der Thora Personen von fragwürdigem Charakter für denjenigen, der zwischen den Zeilen lesen kann, der wohlverdienten Lächerlichkeit überliefert werden, wie z. B. Ephron und Laban; erwähnt dann die Talmuderzählungen über sodomitisches Thun und Treiben, namentlich über sodomitische Rechtsprechung, zeigt -hierauf, wie der gekrönte

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