Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1903)
- Date
- 1903-11-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1953 Feuilleton. Nach vierhundert fahren. 16] Von Friedrich Rott. „Willkommen, liebes Fräulein! Wir haben Sie heute Nachmittag vergebens erwartet —" „Ich wollte nicht stören." „Sie stören nicht, Fräulein. Wir haben uns schon so sehr an Ihre liebe Gegenwart gewöhnt." Frau Müller trat dabei zu dem in der Mitte des Zimmers stehenden, mit einem weißen Tischchen bedeckten Tische, auf dem in silbernen Leuchtern zwei Kerzen sich befanden . Es war noch Heller Tag, dennoch zünsie die Hängelampe an, die über dem Tisch von dem Plafond herniederhing, dann die beiden Kerzen, hielt die Hände zwischen den brennenden Kerzen und den Augen und sprach leise flüsternd den beim Anzünden üblichen Segensspruch. Mit unverhohlenem Staunen hatte das nichtjüdische junge Mädchen ihr zugesehen. „Sie scheinen sich zu wundern, daß ich heute so früh Licht anzünde?" — „Offen gestanden, ja. Aber das ist's nicht allein, was mich staunen macht, aber daß Sie gerade zwei Kerzen anzünden —" „Das ist so Vorschrift. An jedem Sabbat Abend — d. h. an jedem Freitag Abend, denn unser Sabbat beginnt Abends, und an jedem Vorabend unserer Festtage zünden wir zwei Kerzen an." „Willst Du beten," fragte Selma, die Beiden unterbrechend, indem sie der Großmutter ein silberbeschlagenes Gebetbuch reichte. „Nachher Kind, nachher —" „Nein, nicht nachher," fiel Jsabella bittend ein, „jetzt müssen Sie beten, wie Sie es gewöhnlich zu thun scheinen. Sie dürfen sich durch meine Anwesenheit nicht stören lassen. Ich gehe inzwischen mit Selma auf die Veranda. Komm' Herzchen!" Darauf hatte das schlaue Persönchen nur gewartet, sie umschlang jubelnd das junge Mädchen und trat mit ihm hinaus auf den Balkon. Hier unterhielten sich Beide auf's köstlichste, als plötzlich Selma nach unten deutete. „Was will nur die Frau Juanita? — Sehen Sie dieselbe? Da steht sie und macht immer so mit den Händen herauf zu Ihnen." Die Kleine batte Recht, unten stand Juanita, der Veranda gegenüber und machte ihrer Herrin allerhand Zeichen. „Grüße die Großmama von mir, Selma, ich möchte sie nicht stören; ich will einmal Nachsehen, was Juanita will." ' „Sie gehen schon fort, Fräulein Bella? ach wie schade." „Morgen werden wir einander Wiedersehen. Gute Nacht, Herzchen." Sie küßte die Kleine, ging dann leisen Schrittes durch das Zimmer, in dem Frau Müller betete, grüßte diese mit freundlichem Lächeln, als sie auf einen Moment aufblickte und verließ das Zimmer, um sich in ihre eigene Wohnung zu begeben." „Nun. Juanita, was gibt's? was hast Du?" „Packete sind angekommen. Es steht wohl Ihre Adresse darauf, aber ich glaube doch, daß es ein Jrrthum ist, denn Sie können ja gar nicht Radfahren." „Wie, das Rad ist gekommen? — Nein, das ist kein Jrrthum, das habe ich bestellt und es freut mich, daß es schon da ist." „Gnädiges Fräulein werden Radfahren lernen?" „Später vielleicht, jetzt nicht. Dieses Rad ist ein Herrnrad und sür Viktor." Juanita schlug die Hände zusammen. „Ihr Heiligen des Himmels! für den Judenjungen?" „Juanita!" rief Jsabella in strengem Ton, „noch ein einziges Mal ein derartiger Ausdruck und Du bist sofort entlassen. Dieses Rad ist für den lieben braven Knaben bestimmt, der Leute zu Hilfe gerufen hat, als er uns, Dich und mich, in Gefahr gesehen hat. Uebrigens habe ich geglaubt, daß Du Dein Unrecht gegenüber den Kindern bereits eingesehen hättest. Mittags sagtest Du mir doch, daß Du noch nie ein so gutes Kind gesehen habest, wie die kleine Selma." „Ja die Kleine, das ist ganz was'anders, die ist gut. Aber wissen Sie, gnädiges Fräulein, was ich glaube? — Das heißt, ich bin überzeugt, daß das kleine Mädchen kein Judenkind ist. Es hat doch hellblondes Haar und blaue Augen und einen blendend weißen Teint. So sehen Judenkinder nicht aus, das lasse ich mir nicht weiß machen. Aber man hört doch so häufig, daß Zigeuner kleine Kinder stehlen, wahrscheinlich thun das die Juden auch, und da haben sie das schöne kleine Christenkind gestohlen — wer weiß, ob sie's nicht zu ihren Ostern schlachten werden —" „Hör' auf, ich bitte Dich, mit Deinem grenzenlosen Unsinn," entgegnete Jsabella ungeduldig. „Aber was ist denn noch gekommen? — Zeige her." „Noch ein großes Packet; hier ist es. soll ich es aufmachen?" „Laß nur, das hat Zeit bis morgen-oder meinethalben, mach's auf." Die neugierige Kammerfrau hatte die Umhüllung des Packeis rasch entfernt und ein Laut der Bewunderung entfuhr ihren Lippen, als sie eine schöne große Puppe, wenig kleiner als das Kind, für das sie bestimmt war, vor sich sah. „Die ist gewiß für das schöne gute Kind, für die kleine Selma!? — Soll ich sie ihr hinauf bringen?"