Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1901)
- Date
- 1901-11-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1921 „Wenn Sie davon überzeugt sind, dann glaube ich allerdings nicht, daß Sie und Ihr Vetter zu einander gepaßt hätten. — - Aber wo sind denn die Kinder? Die können es heute vor Ungeduld nicht aushalten, weil üe den Vater erwarten." „Dort gehen sie. - - Aber sehen Sie nur, Frau Müller, die Kleine hat es durchgesetzt, der angeblich leidenden Juanita zu helfen. Wie sie das große Packet da schleppt — es ist nur gut, daß es leicht ist. Aber ich bin neugierig, ob Juanita die glühenden Kohlen empfindet, die das liebliche Kind aus ihr Haupt streut." „Sie wird vermuthlich, sobald sie nach Hause kommt, Räucherkerzchen anzünden," sagte Frau Müller lächelnd. „Das wird sie nicht thun," versetzte Jsabella init Bestimmtheit, „denn ich habe es ihr ernstlich verboten. Und ich weiß auch nicht —- sie hat sich jetzt eben zu der .Kleinen umgewandt — ihr Gesicht hatte durchaus nicht mehr den verbiffenen Ausdruck von vorhin. Ich glaube, es ist der Kleinen gelungen, ihre Feindin in eine Freundin umzuwandeln." Jsabella hatte recht gesehen, die Zofe konnte dem Liebreiz des mitleidigen Kindes, das sich beständig nach ihrem Befinden erkundigte und so dringend gebeten batte, sie das große Packet tragen zu lassen, nicht widerstehen. Als sie nach Hause kam, gestand sie ihrer Herrin beschämt, daß es mit den Juden doch wohl nicht so arg sein müsse, da sie noch nie ein so gutes Kind gesehen habe, wie die kleine Selma. Jsabella war von Herzen froh über die Wandlung der Gesinnung ihrer Zofe, die sie wegen ihrer Treue schätzte, deren bessändiaes Schmollen in den jüngsten Tagen sie jedoch oft belästigt hatte. Heute, da Frau Müller ihren Sohn erwartete, hielt sich Jsabella fern. Sie wollte die Familie nicht stören und begab sich daher in das Kurhaus: als sie wieder heimkam. berichtete ihr Juanita, daß der Erwartete zur bestimmten Zeit angekommen, und daß sie den Jubel der Kinder vernommen habe. Es war jetzt nicht weit von sieben Uhr. Jsabella glaubte, nicht länger zögern zu sollen, demjenigen, dem sie die Rettung ihres Lebens verdankte, nochmals ihren Dank auszusvrechen. Sie begab sich daher hinauf und klopfte an die Zimmertbüre. Kinderstimmen riefen: „Herein!" Grüßend sprangen beide ibr entgegen. „Wo ist denn Euer Papa und die Großmama?" fragte Jsabella, „sind sie ausaegangen?" „D nein," erwiederte Viktor, „um diese Zeit geben sie nie aus, es ist sehr bald Sabbat. Die Großmama hat nur noch eine Kleinigkeit in der Küche zu thun und kommt dann-herein, und der Papa auch, er wollte nur den Eplinder holen, um mit mir zum Abendgottesdienst zu geben. . Da ist schon der Papa. —.- Pava, Fräulein Jsabella ist da." Doktor Müller war höflich grüßend dem iungen Mädchen näher getreten. „Ah, Fräulein von Rauhenstein! Freut inich außerordentlich, Sie wohlauf zu sehen, Sie haben sich ja prächtig wieder heraus gemacht, und die Kinder haben mir so viel Schönes von Ihnen erzählt." Jsabella lächelte, während dunkle Gluth ihr liebliches Antlitz überzog. Eine seltsame Befangenheit, wie sie solche nie gekannt, hatte sich plötzlich ihrer bemächtigt. „Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich störe — aber ich konnte nicht länger warten, dem Manne, dem ich die Rettung meines Lebens verdanke, meinen innigsten. tiefempfundenen Dank auszusprechen —" „Aber ich bitte sehr, verehrtes Fräulein! Sie sind mir durchaus keinen Dank schuldig, denn ich habe nichts anderes gethan, als das, wozu ich verpflichtet war." „Wie, Sie waren verpflichtet?" „Ganz gewiß, wenn ich einen Menschen in Lebensgefahr sehe und ihm helfen kann, so wäre ich ein Mörder, wenn ich's nicht thäte. — Aber Sie glauben doch nicht, daß Sie mir dafür Dank schulden, daß ich kein Mörder bin?" Es war ihr unmöglich, auf seinen scherzenden Ton einzngehen, das nervöse Lächeln, das noch immer ihre Lippen umspielte, glich mehr einem Zucken. „Mit Ihnen kann ich nicht disputiren," sagte sie gepreßt, „aber mein Herz ist voll von Dank — und —" „Ich sehe es," entgegnete er ernst, „Sie sind ergriffen durch die Erinnerung an jenen entsetzlichen Moment und ich komme da mit einem dummen Witz —- ich muß sehr, sehr um Entschuldigung bitten." „Aber Herr Doktor!"- „Nun, ich weiß. Sie nehmen es mir nicht übel. Aber ich bitte sehr, mein Fräulein, denken Sie nicht mehr daran, lassen wir dieses Thema ruhen." „Sofort, nur noch wenige Minuten lasten Sie mich davon reden. Es ist mir dringendes Bedürfniß, meinem Dank gegen Gort durch einen Akt der Wohkthätigkeit Ausdruck zu verleihen. Gestatten Sie, daß ich zu diesein Zwecke Ihnen eine Summe - sagen wir 10,000 Mark übergebe mit der Bitte, dieselbe noch Ihrer Einsicht zu verwenden?" „Gern, verehrtes Fräulein, gern will ich Ihnen hierbei behilflich sein und werde mich dabei Ihnen hoch verpflichtet fühlen. Als Arzt sehe ich tagtäglich so viel Kummer, so viel Elend, wo nicht selten durch eine kleinere oder größere Summe gelindert werden könnte. Ich setze voraus, daß Sie das Geld für Hilfsbedürftige ohne Unterschied der Konfestion bestimmt haben —" „Nein," erwiederte sie, abermals erröthend, „einem Israeliten verdanke ich die Rettung meines Lebens, darum babe ich diese Summe ausschließlich für israelitische Hilfsbedürftige bestimmt. Das heißt, ich habe es mir eigentlich so gedacht, daß diese Summe angelegt werde und daß Sie alljährlich am 23. Juli die Zinsen für hilfsbedürftige Israeliten verwenden —"