Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1901)
- Date
- 1901-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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42. Jahrgang. s 88. Der Israelit. Ein Aenlrat-Hrgan für das orlhodoXe Iudenthum. Begründet von Dr. le^mann in ZN«inz Donnerstage de« 7 November 5662 (1961). Leitender Artikel. -€i< Eine Fabel. -LS- Freund Reineke gelüstete es einst nach dem Blute des Schäfchens. Es zu wagen, selbst in die Hürde einzudringen und sich der Gefahr auszuserzen, mit dem dicken Knüttel des Schäfers nähere Bekanntschaft zu machen, dazu war unser Füchslein viel zu schlau. Wozu auch? Wozu sind denn die dummen Hunde, die täppischen Bären, die troddelhasten Wölfe und anderes blödes Thiervolk da? Die werden schon das waghalsige Geschäft für mich besorgen, während ich in Sicherheit bleibe, sagte sich der Schlaukopf hochvergnügt über den gelungenen Einfall. Also auf zur That! Und er berief eine allgemeine Thierversammlung ein, und hielt da eine große, tiefdurchdachte Rede, in der er ausführte, wie an allem Uebel in der Welt nur das böse Schaf schuld sei, da es zu keiner manuellen Arbeit fähig, träge und faul wäre, die besten Weideplätze für sich in Anspruch nehme, feist und dick sich mäste und recht angenehm in warmer Wolle stecke; der rechte Schmarotzer, der wahre Parasit unter den Thieren. Wir höheren Thierrassen aber müssen uns schinden und plagen, um unser bischen Futter zu erringen. Was muß z. B. der edle Esel, das aristokratische Pferd, der hochachtbare Hund leisten, bevor sie ihre Nahrung bekommen! Sie sind die reinen Lohnsklaven, die um einen Schundlohn sich zu Tode arbeiten müssen. Aber auch das Patriziergeschlecht unter uns ist keineswegs auf Rosen gebettet, dessen hohe Ahnen berühmte Helden waren, die mit ihren Waffen, mit ihren scharfen Zähnen und Pranken das Vaterland vor jeder Gefahr geschützt und gerettet haben, ihre Nachkommen müssen oft tagelang die Wüste durchwandern und frierend ungeheure Schneefelder durchwaten, bevor sie sich satt essen können. Daran ist kein Anderer schuld, als dieser verkappte Blutsauger, dieser Vampyr von Hammel! Frenetischer Beifall folgte diesen Worten. Einige würdevoll aussehende Mastochsen sagten zwar mit diplomatischer Ruhe: „Pah, das ist ja das alte abgedroschene Märchen vom Schäfchen, das dem Wolfe sein Wässerlein trübt, aber die große Menge johlte, heulte, brüllte, täte und bellte, was Zeug hielt. Eine geharnischte Resolution wurde endlich gefaßt: Den Erzfeind des gesummten Thierreiches, den Ausbund aller Niedertracht und Schlechtigkeit, dieses gottverfluchte Lämmervolk mit allen raubthiergesetzlichen Mitteln zu bekämpfen und möglichst auszurotten. Unser Füchslein triumphirte. Durch die von ihm beraufbefchworene Bewegung stieg es immer mehr im Ansehen, Ehren und Würden wurden ihm vielfach zu Theil und schließlich wurde es zum Oberhaupt eines großen Gemeinwesens gewählt. In seiner Ueberhebung wuchs es von Tag zu Tag, bis es keine Autorität mehr achten wollte, als die seinige, und selbst gegen den Löwen sich auflehnte. Sagt ja auch die Gemarah: Wenn der Fuchs zur Macht gelangt, fordert er. n'p 'ty;i daß sich auch der Löwe seinem Witten füge und sich vor ihm bücke. Aber der eigentliche Triumpf sollte erst kommen Eines schönen Tages wurde im Walde ein junges, zerrissenes Wölfchen todt aufgefunden, dem natürlich Niemand anderer als die Genossen Reinelens den Garaus gemacht, und alle Nachforschungen waren vergeblich, um den ruchlosen Thäter herauszufinden. Anfangs sprach man nicht einmal von der Sache. Denn ein solches Ereigniß ist ja etivas ganz Gewöhnliches, Alltägliches, um davon viel Aufhebens zu machen. Kommt es doch unter den Raubthieren fast tagtäglich vor, daß das Eine das Andere erschlägt, daß Mütter ihre eigne Brut, und Junge ihre Alten zu zerfleischen und aufzufressen pflegen. Aber diesmal soll die Sache nicht so glatt ablaufen und das blutige Verbrechen soll zu höheren Zwecken dienen und gehörig ausgenützt werden.