Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 87 (4.11.1901)
- Date
- 1901-11-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449228--54590-2505302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mmmm 1901 dem Gouverneur von Mohilew die Entscheidung darüber zusteht, ob der Lewin auf dem Gute nothwendig sei oder nicht. Der Begriff „vorübergehend" darf keineswegs im Sinne einer Beschränkung aufgefaßt werden. * Feuilleton. Nach vierhundert fahren. 14j Von Friedrich Rott. Fräulein von Rauhenstein that, als ob sie den Brief ihres Vetters ganz vergessen hätte und wollte das Zimmer verlassen. Juanita nahm nun den Brief auf und überreichte denselben ihrer Herrin. „Ach so, den Brief meines Vetters hätte ich beinahe vergessen. Nun, ich will mal sehxn, was derselbe zu schreiben hat. Sie entfaltete den Brief und las: „Geliebte Jsabella! Zu meinem aufrichtigen Bedauern erfahre ich durch Deine Kammerfrau, daß Du Unannehmlichkeiten gehabt hast. Doch ich vermuthe, daß die treue Seele in ihrer Angst die Gefahr, in der Du angeblich geschwebt haben sollst, übertrieben hat. Jedenfalls ist es nothwendig, daß Du Dich den Leuten, die Dir behilflich waren, erkenntlich zeigst, am besten — namentlich da ein Jude dabei ist — durch ein Geldgeschenk, das ist den Juden das Höchste. Sehr unpassend ist es jedoch, daß Du, wie mir Juanita schreibt, mit den Leuten verkehrst, sie besuchst und ihre Besuche empfängst — das ist unter Deiner Würde, das kann ich von meiner zukünftigen Gemahlin nicht dulden, um keinen Preis!-" Weiter las sie nicht, sie zerriß den Brief in mehrere Stücke und warf ihn zur Erde. „Gieb die Briefmappe her und Schreibzeug," befahl sie der Zofe in kaltem, schroffen Ton, wie diese ihn noch nie von ihrer Herrin vernommen. Bleich und ohne den Blick zu erheben brachte sie das Verlangte. Jsabella nahm einen Briefbogen, schrieb hastig einige Zeilen, kouvertirte dieselben, versah den Brief mit Adresse und Marke und schien im Begriffe, ihn Juanita zur Besorgung zu übergeben, doch im selben Moment besann sie sich eines andern. Sie zweifelte zwar nicht an der Ergebenheit ihrer Dienerin, aber sie hatte doch jetzt wiederholt erkannt, daß gerade ihre Ergebenheit, verbunden mit ihrer Beschränkheit, die Zofe zu Schritten verleitet hatte, die sie sich unmöglich gefallen lassen konnte. Während sie noch überlegte, ob sie Juanita ihren Brief zur Besorgung anvertrauen oder ihn eigenhändig in den Postkasten werfen sollte, warf sich die Dienerin plötzlich vor sie nieder und umfaßte ihre Knie. — „Um aller Heiligen willen, gnädiges Fräulein! schicken Sie den Brief nicht ab — Sie haben ihn im Zorn geschrieben Herr von Rauhenstein könnte darüber beleidigt sein und —- mit Ihnen brechen." „Sei unbesorgt," versetzte Jsabella lachend, „Herr von Rauhenstein kann mit mir nicht brechen, denn ich habe in diesem Brief mit ihm gebrochen." Juanita stieß einen gellenden Schrei aus und schwur bei allen Heiligen, der Brief dürfe der Post nicht übergeben werden. „Das ist die Folge Deiner maßlosen Ueberhebung; hättest Du Dir nicht erlaubt, meine Handlungsweise zu kritisiren und zwar ihm gegenüber, so wäre es gegenwärtig noch nicht zum Bruch zwischen uns gekommen. Aber vielleicht ist es besser so." Sie wollte sich ankleiden, um den Brief selbst zur Post zu tragen, da vernahm sie draußen auf der Stiege rasche Kinderschritte, die ihr bereits bekannt waren. Sie öffnete die Thüre ihres Zimmers und trat hinaus. Sie hatte sich nicht getäuscht, Viktor und Selma übersprangen soeben die letzten Stufen. „Guten Morgen, Kinder!" rief sie, ihren Gruß erwiedernd, „wohin so eilig?" „Zum Bahnhof," erwiederte Viktor, „der Papa kommt heute." „Jetzt schon?" fragte Jsabella, „die Großmama hat mir doch gesagt, daß Euer Papa erst Nachmittags um vier Uhr kommen werde." „Ja, das hat der Papa gesagt," rief Selma hastig, damit der Bruder ihr nicht zuvor komme mit der Antwort, „aber vor vierzehn Tagen hat der Papa auch gesagt, er werde um vier Uhr kommen und ist doch schon um elf Uhr dagewesen. Darum hat' die Großmama erlaubt, daß wir jetzt zum Bahnhof gehen und Nachsehen, ob der Papa schon gekommen ist." „Da will ich Euch nicht aushalten. Aber wolltet Ihr vielleicht so freundlich sein, diesen Brief mitzunehmen und in den Postkasten zu werfen?" „Gern," riefen beide und griffen danach. Jsabella übergab ihn dem Knaben. „Du bist der Aeltere und verlierst ihn nicht." „Seien Sie unbesorgt, Fräulein Jsabella, ich werde den Brief richtig bestellen." Die Kinder grüßten und eilten davon. Jsabella blickte ihnen vom Fenster aus nach. Sie batte dieselben tief in ihr Herz geschlossen. Ihnen hatte sie es ja zu verdanken, daß in der Gefahr, in der sie auf der See geschwebt, Menschen ihr zu Hilfe eilten. Juanita aber rief grollend: „Die unglückseligen Kinder werden den Brief in den Postkasten werfen! — Von diesen Juden kommt doch alles Unheil." „Du vergissest, daß diese Kinder die Einzigen waren, die uns gesehen haben, als wir in Gefahr schwebten! Ohne sie wärest auch Du schwerlich gerettet worden."