Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1901)
- Date
- 1901-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449227--54559-2505270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
42. Jahrgang Krste Aeikage zu M 86 des „Israelit." Leitender Artiket. Oc: Oerein der Hess. Thierärzte und die Sehächtsrage. Cassel, 28. Oktober. Die Agitation des Berliner ThierschutzvereinZ zlocü» Crlaß eines allgemeinen Verbotes des Schächten» beschäftigte am letzten Sonntag den Verein der Kurhessischen Thierärzte in seiner hier abgehaltenen Jahresversammlung. Von betheiligter Seite loar alles geschehen, um in der Versammlung auch die Anhänger des Schächtens zum Worte kommen zu lassen, und so nahm denn die Debatte einen andern Verlauf und führte zu einem andern Crgebniß, als man es von Seiten der Agitatoren gewünscht hatte. Hiesige Tageszeitungen berichten über die Verhandlungen Folgendes.' „Herr Thiecarzt Dr. Günther-Rothenburg hielt darauf iiber die Frage einen kurzen interessanten Vortrag, der in der Beantwortung der beiden folgenden Fragen gipfelte: „Sind die Hülfsmittel, die nöthig find, um die Tbiere gam Schächten wehrlos zu machen, derart ideale, daß das Niederlegen der Thiere in humaner Weise vor sich geht, und tritt nach dem Sehächtschnitt sofort anhaltend Bewußtlosigkeit ein, so das; das Thier Schmerzen nicht erleidet?" Redner rührt einleitend aus, das; die Thierschutzvereine und viele Thierärzte seit Langem bestrebt sind, eine Schlachtrefom dahinzielend einzuführen, das; überall Betäubung vor der Cntblutung eintritt. Cin Haupthindernis ist nun das Schächten nach talmudischer Observanz. Wenn auch die Rabbiner mehr als 200 Gutachten beibrächten für die Schmerzlosigkeit und Vorzüglichkeit des Sehächtschnittes, so leien doch wohl tausend andere praktisch erfahrene Leute der begründeten Ansicht, das; das Schächten ohne vorherige Betäubung eine arge Thierauälerei sei. blicht alle Juden, fährt Redner fort, hielten am Schächten fest, es gäbe eine grosse Anzahl, die cs als grausam verwerfen. Im Mose'schen Gesetz sei keine Spur von der Vorschrift des Schächten» zu finden, ebensowenig ein Verbot, daß das auf andere Weise geschlachtete Vieh von den Israeliten nicht genossen werden dürre ete. Redner kommt nun in der Beantwortung obiger zwei Fragen auf die wissenschaftlichen Gutachten, ferner auch ans die zahlreichen Praktischen Crsahrnngen der Thierärztc und namentlich der Schlachthaus-Direktoren zn sprechen und gelangt zu dem eingehend motivirten Schlüsse, daß die beiden Fragen entschieden mit Rein zu beantworten sind. Unter Anderem hebt er die Tbatsache hervor, das; es mehrfach vorgelommen, die geschächteten Thiere hätten sich hernach losgerissen und seien noch minutenlang in der Schlachthalle herumgerannt. Auch erinnert er an die regelmäßigen Kopfnnd Augenbewegungen, starken Zuckungen, Losreißversuche der Schächtthiere ete. Der Vereinskassirer, Herr H o r n i h a l - Cassel, ist entschieden anderer Ansicht, indem er betont, daß 253 Gutachten von Autoritäten und Gelehrten vorliegen, darunter Gerlach, Airchow, Pettenkofer, Du Bois-Reyinond etc., die sich übereinstiinmend dafür ausgesprochen haben, das; das Schächten eine gute, empfehlenswerthe Schlachtmethode sei. Derselben Ansicht seien nicht nur Professoren, auch Thi'erärzte, Schlachthaus-Direktoren und ebenso die oberste Medizinalbehörde in Preußen. Das Schächten habe so viele Vorzüge, daß es in allen Militärlonservensabriken eingeführt sei, ebenso benutzten es die Ameritaner bei allen Thieren, deren Fleisch sie zu Konserven verwenden wollen. Daß eine Besserung in Bezug ans das Niederlegen der Schächtthiere wünsckenswerth. ivolle er nicht bestreiken. Uebrigens kämen Mißgriffe überall, auch beim Schlagen des Viehes vor. In der Debatte sind die Meinungen getheikk. Herr Dr. Grips- Witzenhausen ist der Ansicht Vortragenden; er erinnert im klebrigen daran, daß ans der Berliner Hochschule neuerdings exaete Versuche gemacht wurden, wodurch es nachgewiesen sei, daß die Cmvsindnng der geschächteten Thiere nicht geschwunden ist. Demnach müsse der ganze Akt des Schächtens als grausame Thierquälerei bezeichnet werden. Cinige Redner meinen, die Befiirworter des Schächtens in früheren Jahren seien mehr Theoretiker als Praktiker, andere Redner wieder betonten, auch Hühner und Gänse etc. flögen mit abgeschnittenem Kopse noch ein Stück fort etc., übrigens komme es hierijtt, wie bei allen, aus die Art der Ausführung wesentlich an. Schließlich wird ans Antrag des Herrn Kreistbierarztes Dr. S ch l i tz b e r g e r - Cassel eine Resolution angenommen, wonach es der Verein ablehnt, Stellung;u dieser Frage zu nehmen, es vielmehr seinen Mitgliedern überläßt, ihren Standpunkt zu vertreten." So weit der Bericht. „Was wir von den einzelnen Mitgliedern zu erwarten haben," ist leicht zu errathen. Diese tragen das Vorurtheil in ihre Kreise und sorgen für die allgemeine Verbreitung der Ideen des deutschen Tbicrschutzvereins. Möchte doch auch in unseren Kreisen für die heil. Sache kräftig und zielbewußt gearbeitet werden.