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Der Israelit · 1901-10-31 · Heft 86 (31.10.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 86 (31.10.1901)
Date
1901-10-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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«WWW WvlWWWWWVWWM-Kp,MW«.. »■ 1877 zu tfjun, wenn ich nämlich nicht daran vergesse. Denn das muß doch sehr vortheilhaft für die Gesundheit sein. Man nimmt im Laufe des Tages so viele Dinge in die Hand, wovon die Hände unsauber werden können, wenn sie auch ganz rein aussehen. Bis jetzt habe ich daran nicht gedacht, erst seit ich gesehen habe, daß Ihr Eure Hände waschet, bevor Ihr Brod esset und seit Eure Großmama mir gesagt hat, daß das der Talmud bestehlt —" „Ach, wenn alle Menschen thun würden, was der Talmud gebietet, dann gäbe es ganz gewiß nicht einen einzigen schlechten Menschen auf der ganzen Welt, das weiß ich bestimmt, und ich glaube, daß es dann auch nur ganz wenig Kranke gäbe —" „Na. na, na, jetzt übertreibst Du, glaube ich." „Nein, gewiß nicht. Ach, Fräulein Jsabella, Sie kennen den Talmud nicht. Wissen Sie, was mir neulich mein Lehrer gesagt? Erst in der Gegenwart hat man doch durch die Chemie und ich glaube, auch durch die Optik so viele, kleine Lebewesen entdeckt, die man häufig, ohne es zu wissen, einathmet und wovon man krank wird —" „Du meinst Baccillen —" „Ja, ja, Baccillen, ich habe mich im Augenblick nicht auf das Wort erinnern können; — und nun geben Sie bitte Acht: daß es Baccillen gibt, das hat man doch erst in der Gegenwart entdeckt, der Talmud ist aber schon viele hundert Jahre alt. Und nun hat mir mein Lehrer eine Stelle im Talmud gezeigt, wo es heißt: „Wenn der Mensch wüßte, von wie vielen unsichtbaren Gefahren er umgeben ist, so könnte er vor Angst gar nicht bestehen." Daraus geht hervor, so sagte mir mein Lehrer, daß unsere Weisen, das sind nämlich die Verfasser des Talmuds, schon damals die Baccillen kannten, die die Gelehrten anderer Völker erst jetzt entdeckt haben. Ist das nicht interessant?" „Sehr interessant," bestätigte Jsabella, „Du mußt mir mehr dergleichen erzählen." „Wenn mir etwas einfällt, will ich es gerne thun. Aber Fräulein Jsabella, wissen Sie was?"- „Nein, Herr Viktor, ich weiß nicht was." Beide Kinder lachten hell auf über ihren seltsam ernsten Ton. „Ich meine nur," fuhr Viktor fort, „weil Sie doch so gerne hören, was im Talmud steht — übermorgen kommt der Papa her und wird mich wahrscheinlich am folgenden Tag, das ist Samstags, Alles prüfen, was ich in diesem Sommer in der Gemarah gelernt habe. Wenn Sie vielleicht dabei sein wollten, der Papa erklärt mir dann auch Vieles — das ist so schön —" „Das ist in Wirklichkeit keine üble Idee und hätte ich vielleicht Lust, — nur kommt es darauf an, ob Deinem Papa meine Gegenwart bei Deiner Prüfung nicht unangenehm sein würde." „Ach nein, gewiß nicht, die Großmama ist auch zuweilen dabei." „Die Großmama, das ist was anders." „Also soll ich's Ihnen sagen. Fräulein Jsabella. wenn der Papa mich prüfen will und werden Sie dann heraufkommen?" „Erst mußt Du den Papa fragen, ob es ihm recht ist, wenn ich Deiner Prüfung beiwohne." „Also gut, ich werde den Papa zuerst fragen, aber ich weiß ganz bestimmt die Antwort voraus, der Papa wird sagen: ich habe nichts dagegen." „Das kannst Du mit Bestimmtheit doch nicht wissen. Du selbst hast mir gesagt, daß es ausdrücklich verboten ist, seine Tochter im Talmud zu unterrichten und daß Du daraus schließest, daß es überhaupt nicht gestattet ist, Mädchen darin zu unterrichten. Also —" „Aber das ist doch etwas ganz anderes. Die Großmama weiß auch sehr viele Sachen, die im Talmud stehen, weil sie häufig zugehöri hat, wenn der Großpapa und der Papa gelernt haben, aber sie ist auch nicht im Talmud unterrichtet worden und kann auch nicht lernen." „Nun also, wenn Dein Papa es erlaubt, daß ich zuhöre, komme ich bestimmt." So schritten sie dahin in traulicher Unterhaltung; die Kinder waren überglücklich, aber auch Jsabella fühlte sich frisch und froh. Am anderen Tage verbrachte Fräulein v. Rauhenstein den weitaus größten Theil ihrer Zeit in Gesellschaft der Familie Müller. Sie begleitete dieselbe zum Bade, machte gemeinschaftliche Spaziergänge mit denselben, es war, als ob sie zur Familie gehörte. Juanita war außer sich; mit Bestimmtheit hoffte sie zwar, daß gegen Abend Herr von Rauhenstein jr. auf ihre diesbezügliche Mittheilung erscheinen und dem llnfug ein Ende machen werde. Inzwischen mußte sie jedoch höflich und sogar freundlich gegen die verhaßten Juden sein, wann und wo sie dieselben traf. Aber der Tag verstrich und der Abend brach herein, Herr von Rauhenstein ließ sich jedoch nicht blicken. Am folgenden Morgen aber hatte sie die Genugthuung, von dem Postboten zwei Briefe für ihr Fräulein zu übernehmen und zwar von den beiden Herren von Rauhenstein. Es lag ein gewisser Triumph in ihren Zügen, als sie dieselben ihrer Herrin überreichte. Jsabella gewahrte es und lächelte gleichfalls, zweifelte sie doch keinen Augenblick, daß es die Antworten auf Juanita's Klagen waren. „Vom Onkel und vom Vetter — So, so. Na, zuerst wollen wir doch sehen, was der liebe, gute Onkel schreibt." Sie erbrach das betreffende Schreiben und las, während Juanita sich im Zimmer zu thun machte, dabei aber die Lesende im Auge behielt, um den Eindruck zu beobachten, den die Lektüre der Briefe auf sie machen werde. Der Brief des alten Herrn von Rauhenstein lautete:

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