Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1901)
- Date
- 1901-10-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1843 Paar eine Hochzeitsreise an, wie Harry H. angab, nach Wien. In Wirklichkeit reiste Harry H. mit seiner jungen Frau nach Buenos Aires, von wo er kurz daraus an seine Schwiegereltern einen Brief richtete, in welchem er die Aenderung des Reiseplanes durch verschiedene Ausflüchte rechtfertigte. Von seiner Frau enthielt der Brief nur wenige Zeilen. Wie sich nachträglich heraussicllte, hat Harri H. seine Frau sofort nach der Ankunft in Buenos Aires an ein öffentliches Haus verkauft. Die Unglückliche fand Energie und Kraft genug, allen Drohungen, ja selbst der Gewalt zu trotzen. Durch einen Zufall erlangte der russische Konsul Kenntniß von der Lage der bedauernswerthen Frau und seiner energischen Intervention ist es gelungen, das unglückliche Opfer den Klauen der Mädchenhändler zu entreißen. Die junge Frau ist kürzlich in Hamburg angekommen. Charakteristisch für die Frechheit, mit welcher dieser schmähliche Handel in Buenos Aires betrieben wird, ist der Umstand, daß Harry H. noch nach der Intervention des russischen Konsuls gerichtliche Schritte unternahm, um seine ihm angetraute Frau für sich zu reklamiren." Karlsbad. (Beleuchtung des Antisemirismus in einer CandidatenredeJ Professor Fournier gedachte in seiner Candidatenrede vor den Carlsbader Wählern auch des Antisemitismus. Er sagte unter Anderem: „Wir lehnen ihn aus guten Gründen ab, einmal, weil wir die persönlichen Antipathien Einzelner nicht zum politischen Prinzipe machen wollen, welches schon deshalb verderblich ist, weil es die deutsche Einigkeit zerreißt. Wir lehnen ihn zweitens ab, weil wir in den Juden tüchtige und opferwillige Mitarbeiter an der nationalen Sache gefunden haben, deren Unterstützung wir nicht leichtfertig von der Hand weisen dürfen, um sie etwa mit der Gewalt des Hasses in das Lager der nationalen Gegner zu treiben, wo man ihre unterstützende Kraft'sehr wohl zu schätzen weiß. Wir lehnen den Antisemitismus aber vor allem ab, weil wir auf dem Boden der Verfassung stehen und die mühsam für alle Staatsbürger errungenen freiheitlichen Rechte auch für alle testhalten wollen. Wir lebnen den Antisemitismus auch ab, weil wir heuie sckwn von ihm, der immer mehr jüdisches Kapital und jüdische Industrie nach Ungarn treibt, nur wirthschaftliche Nachtheile erfahren. Sie brauchen nur zu erwägen, daß die Ausfuhr österreichischer Textilwaaren nach Ungarn im letzten Jahre um eine ganz nette Anzahl von Millionen Kronen bereits abgenommen hat. Auf solche Weise schädigt man die heimische Industrie, bringt Tausende von Arbeitern hier zu Lande um ihr Brot und da die Arbeiter sehr wichtige Abnehmer für Produkte des Kleingewerbes und des Ackerbaues sind, schädigt man mittelbar auch den Bauer und Handwerker, denselben Kleingewerbetreibenden, der heute vielleicht einem Redner zujubelt, welcher ihm versichert, Juden und Judenliberale müßten niedergetreten werden. Endlich aber muß es uns doch auch etwas gelten, daß sich die genialsten Geister unserer Nation im vorigen Jahrhundert, Goethe und Bismarck, gleich entschieden gegen den Antisemitismus gewendet haben. Welche wirthschal'tlichen Consequenzen endlich der Antisemitismus speziell für Carlsbad hätte, will ich nicht beurtheilen. Wenn aber der Herr Gegenkandidat, der selbst Earlsbader ist und dessen Abwesenheit ich heute bedauere, in seinem Wahlminifest von Jenen spricht, „die sich vom fremden Schweiße nähren", so scheint es mir doch, daß „Jene" alljährlich zu Tausenden zu den Quellen dieser Stadt pilgern, nicht um sich hier „vom Schweiße der Carlsbader zu nähren." Rußland. Kiew. (Ueberall Ausnahmegesetze.) Nicht nur die Minister, welche aus eigener Machtvollkommenheit die Zahl der jüdischen Studirenden herabfetzen, auch die winzigen unteren Beamten, bis hinab zum vom Vakschisch lebenden simpeln Pristaw, erlauben sich, die russischen Juden unter Ausnahmegesetze zu stellen. Schon seit einigen Monaten machen die Behörden die krampfhaftesten Anstrengungen, die Zahl der in Kiew wohnenden Juden herabzusetzen. Diese Bemühungen haben sich bisher als sehr wenig erfolgreich erwiesen, da Kiew mitten im dichtesten Ansiedelungsrayon gelegen und es ganz unmöglich ist, die Metropole einer stark von Juden bevölkerten Gegend vor diesen ganz abzuschließen. Als die Behörden sahen, daß sie im Kampfe gegen die von allen Seiten auf Kiew eindringenden Juden unterliegen müssen, wurden sie wüthend und in der Wuth brutal. Sie sperrten jeden zu „Unrecht in Kiew sich aufhaltenden Juden," d. h. wenn sie ihn erst hatten, in's Gefängniß, von wo sie ihn, je nachdem seine Papiere sonst in Ordnung waren oder nicht, entweder per Schub in die Heimath schickten oder, wenn er sich im Besitze eines tadellosen Passes befand, ihn sofort auswiesen. Leider hat sich auch dieses drakonische Vorgehen als wenig wirksam erwiesen und die Behörden greifen jetzt zu weit schärferen Maßnahmen. Jeder Jude, der unberechtigter Weise sich in Kiew aufhält, wird, gleichviel ob seine Papiere in Ordnung sind oder nicht, per Schub in die Heimath geschickt, wo er „wegen Ueberschreitung des Paßgesetzes" unter Anklage gestellt wird. Ein solches Paßgesetz, welches den Aufenthalt an einem bestimmten Orte in Rußland unter Strafe stellt, existirt zwar nirgends, dafür existiren aber überall in Rußland antisemitische Friedensrichter, welche die Juden Ivegen Ueberschreitung dieses angeblichen Gesetzes mit einigen Rubel Strafe belegen. Wer gibt aber den Behörden von Kiew das Recht, Juden, deren Papiere vollkommen in Ordnung sind, zu verhaften und zwangsweise in die Heimath zu senden? Gibt es in Rußland keinen Richter, der die Kiewer Tschinowniks ivegen Freiheitsberaubung zur Verantwortung zieht? — T.