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Der Israelit · 1901-10-14 · Heft 81 (14.10.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 81 (14.10.1901)
Date
1901-10-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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42. Jahrgangs Zweite Aeikage zu M 81 des „Israelit". Leitender Artikel. Das orthodoxe Audentyum. Von Wilh. Löwy in Sarbogard, Ungarn.*) VIII. Wenn mein dem Talmud alles, was gut, edel und human ist, abzusprechen sich erkühnt, wenn man durch völlige Unkenntniß seiner Sprache und gewaltsame Verdrehung seines Inhaltes alles Böse und Schlechte, das im eigenen Innern aufgespeichert liegt, dem Talmud unterschieben möchte, Eins wird man doch nicht in Abrede zu stellen wagen, wenn man nur einige Kapitel, oder auch nur einige Blätter aus dem rabbinischen Schriftthum kennen gelernt hat, nämlich: die Würdigung und Hochschätzung des Jugendunterrichts und der Jugendlehrer, die daselbst so offenkundig zu Tage tritt. Die Lehrer des Talmud wetteifern förmlich miteinander, um die Nothwendigkeit und Wichtigkeit des Jugendunterrichts hervorzuhebcn und die gebührende Achrüng den Jugendbildnern zu sichern. Und was unsere Talmudfürsten lehrten und bethätigten, halten auch ihre würdigen Nachkommen, die nachtalmudischen Lehrer. Hat doch das Talmuv-Judenthum über keinen größeren Ehrentitel zu verfügen, als 21 — Rabbiner Lehrer! Die Werthschätzung des Jugendunterrichtes, die als eine der größten Errungenschaften der Neuzeit gepriesen wird, hat das Judenthum nicht von der Neuzeit abgelernt, und hat ihr dafür auch nicht dankbar zu sein; der Jude kennt und würdigt ihn seit jener Zeit, als ihm die Thora sein Erbgut geworden. djtk nrnnbi DD'jn n« heißt es daselbst (6. B. M., 11, 19). Lehret eure Kinder!, und so sehen wir schon im grauen Alterthum, wenn auch nicht den Schulzwang, so doch den L e h r z w a n g als ein wichtiges Postulat des Judenthums. Dieser Lehrzwang bewegt sich in einem viel weiteren Kreis, als der moderne Schulzwang. Der moderne Schulzwang kann überhaupt nur dort stattfinden, wo eine Schule existirt, während das „alterthümliche" Lehrgesetz des Judenthums einen Unterricht ü b e r al l fordert. Der moderne Schulzwang beschränkt sich nur auf das 6. bis 12. Lebensjahr des Kindes, während der jüdische Lehrzwang sich aus das ganze Leben des Menschen erstreckt. Nun hören wir schon fragen: Wenn das orthodoxe Judenthum thatsächlich den Jugend-Unterricht, das Lehren so hochschätzt, warum nicht heute auch den Unterrichtgeber, den Lehrer? Warum hat in ortho- *) Fortsetzung anö Nummer OU. doxen Kreisen Ungarns der jüdische Lehrer jene Achtung nicht, die der nichtjüdische Lehrer bei seinen Glaubensgenoffen ja genießt und die ihm — wie vorher erwähnt — nach jüdisch-religiöser Auffassung allerdings zukommen müßte? Und wie treffend drückt der Talmud diese Frage aus: Wie thöricht handeln doch jene Menschen, welche der Lehre selbst die gebührende Achtung und Ehre erweisen, ihren Trägern aber dieselbe versagen! (Tr. Makkoth 22 b.) Um diese Frage als Anklage zu widerlegen, brauchen wir ja nicht das Mittel eines gewöhnlichen Delinquenten zll ergreifen, nämlich das hartnäckige Leugnen. Wenn wir auch die in Rede stehende Erscheinung zum Theil zugeben müssen, so kann sie doch keinesfalls als berechtigter und begründeter Anklagevunkt gegen das orthodoxe Judenthum oder die orthodoxe Judenheit dienen. Denn um den wahren Grund dieser weniger entsprechenden Achtung den jüdischen Lehrern gegenüber herauszufinden, ist es nur nöthig, das vorhergehende Kapitel über den Religionsunterricht mit einiger Aufmerksamkeit zu lesen. Der Jude, der für seinen Glauben begeisterte Jude, hat nun einmal die Schwäche, von Jedermann zu fordern, daß sein Charakter mit dem Berufe, den er erwählt, mit dem Titel, den er führt, im vollkommenen Einklänge stehe. Dem orthodoxen Juden ist seine Religion — kein Sport, seine Synagoge — kein Künstlerheim, sein Rabbiner — kein Schauspieler und Schleppträger, sein Gottesdienst — keine Unterhaltung und der Lehrer seiner Kinder soll — kein Philosoph oder Missionär, sondern einzig und allein: jüdischer Lehrer sein! Unsere gefeierten Talmudlehrer waren außerhalb ihres Beth-Hamidrasch Alles: Handwerker, Taglöhner, Kaufleute etc etc., innerhalb ihres Studirzimmers oder Lehrhauses waren sie nur Lehrer oder — Schüler. Bei den Lehrern unserer Zeit ist es, mit wenigen Ausnahmen, umgekehrt: außerhalb der Schule sind sie auch Lehrer; sie haben es Gottlob nicht nöthig, einen andern Erwerbszweig zu ergreifen, aber in der Schule sind sie: Naturforscher, Religionskritiker und Philosophen, Missionäre und der l. Himmel weiß was noch, nur jüdische Lehrer sind sie nicht. Fern sei es von uns, den jüdischen Lehrerstand der Gegenwart im Ganzen verurtheilen und über ihn den Stab brechen zu wollen. So wissen wir es, daß z. B. in Deutschland die jüdischen Lehrer der orthodoxen Gemeinden auch vom religiösen Standpunkt aus die größte Anerkennung verdienen; unser Vorwurf trifft bloß die Majorität des ungarischen Lehrkörpers. Auch müssen wir es freudig anerkennen, daß gesinnungstüchtige, gesetzestreue Lehrer auch in Ungarn nicht zu den größten Seltenheiten gehören, aber vom rein jüd. Standpunkt aus müssen wir es rügen, daß die meisten Lehrer

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