Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 80 (10.10.1901)
- Date
- 1901-10-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1733 Juanita erhob sich langsam. „Aber Sie werden Nicht zu den Juden gehen, gnädiges Fräulein," flüsterte sie bittend. „Wohin ich gehen werde, das lümmert Dich nicht," crwiederte ihre Herrin schroff, „übrigens sage mir um's Himmelswillen, was haben die Juden Dir gethan?" „Ich habe mir sagen lassen," erwiderte Juanita, „daß sie hier in dem abscheulichen Deutschland alle Jahr vor Ostern ein paar hundert Christenlinder schlachten." Jsabella brach in ein herzliches Lachen aus. „lind das erlauben ihnen die Behörden?" „Was sollen die Behörden machen?" versetzte Juanita, „die Juden müssen ihre Osterkuchen mit Christenblut ankneten, das ist so ihr Religionsgesetz." „Darüber will ich gleich heute die Frau Müller fragen, die wird es doch wißen —" „Aber sagen wird Sie's Ihnen nicht," eiferte die treue Dienerin, „wie die Juden verlogen sind, davon hat unser Eine gar keinen Begriff — und wie sie betrügen und wie üe zudringlich sind! — und wie sie solch' entsetzlichen Odeur an sich haben — alles, alles Unglück auf der ganzen Welt kommt von den Juden." „Genug, genug!" rief Jsabella ärgerlich, „jetzt höre schon einmal auf mit Deinen Narretheien, Du solltest Dich schämen, solchen Unsinn und gar solch' bösen Unsinn zu schwatzen, denn Du weißt, daß ich mein Leben nur der Großherzigkeit eines Juden verdanke, der mit Gefährdung seines eigenen Lebens das meine gerettet hat —" „Ach, gnädiges Fräulein, glauben Sie doch so was nicht von einem Juden!" — „Wie, ich soll nicht glauben, was Du selbst mir erzählt hast? — nicht einmal, sondern vielleicht zehnmal, ilnd was auch Frau Holm bestätigt hat!?" „Nun ja, wenn der Doktor ein Jude ist, dann war's allerdings ein Jude, der Sie gerettet hat.- Aber glauben Sie nur nicht, daß er das umsonst gethan hat, der erwartet, daß Sie ihm das gehörig bezahlen." „Pfui, Juanita, für so gemein hätte ich Dich doch nicht gehalten. Aber weißt Du, daß Du auch Deine Rettung Juden verdankst? Die schönen Kinder waren die Ersten und Einzigen, die gesehen haben, wie unser Boot mit den Wellen kämpfte und die darauf schleunigst Hilfe holten. Es kommt mir nicht in den Sinn, mich bei Dir zu entschuldigen wegen des Besuches, den ich bei ihnen machen will, aber Du solltest doch wissen, daß der einfache Anstand es erfordert, daß ich die alte Dame besuche, von der Du mir erzählt hast, daß sie sich so freundlich um mich bemüht hast." Juanita machte ein sehr betrübtes Gesicht, sie sah ein, daß sie das Entsetzliche nicht werde verhindern können, ein schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Was wird der gnädige Herr Onkel dazu sagen? — er ist doch Ihr Vormund —" „Das ist er freilich noch, aber nicht länger als vier Monate. Und übrigens, dem Onkel wird gar nichts daran liegen, der ist ein kluger, lieber, alter Herr, dem wird es vielleicht ganz recht sein." „Das weiß ich nicht, aber dem jungen Herrn von Rauhenstein —" „Dem wird es freilich nicht recht sein, aber was kümmert mich das."- „Gnädiges Fräulein! — Herr von Rauhenstein ist doch Ihr Verlobter!" — „Das ist nicht wahr, noch ist er es nicht und wenn es ihm einfallen sollte, mir in der Wahl meines Umganges Beschränkungen auferlegen zu wollen, wie Du Dir das herausnehmen wolltest, so würde ich mich nie mit ibm verloben." „Gnädiges Fräulein!"-Ein leichtes Klopfen an der Zimmerthüre unterbrach Juanita, und auf Jsabella's einladendes „Herein" trat die Hauswirthin in das Zimmer. Die kleine, rundliche, frisch aussehende Frau schien verstimmt, aber sie verneigte sich tief, wie es ihrer Ansicht nach der Anstand vor einer reichen, adeligen Dame erforderte. Jsabella ging ihr mit ausgestreckter Hand entgegen. „Sie kommen mir zuvor, Frau Holm, gerade war es meine Absicht, Sie aufzusuchen, um Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl nochmals zu danken für die viele Mühe, die ich Ihnen gestern verursacht, und für alle die Unannehmlichkeiten —" „Aber ich bitte sehr, gnädiges Fräulein, das ist ja nicht der Rede werth. — Es thut mir nur so leid, so sehr sehr leid, daß Fräulein von Rauhenstein sich hier nicht behaglich fühlen —" „O." fiel Jsabella ein, „heute fühle ich mich schon ganz behaglich —" „Und dennoch wollen das gnädige Fräulein ausziehen?" — „Fällt mir nicht im Traume ein," versetze das junge Mädchen lachend, „das war nur ein dummes Geschwätz von Juanita—" Frau Holm athmete erleichtert auf. „Also gnädiges Fräulein haben mir nicht gekündigt?" „Aber liebe Frau Holm, das wäre ja den Undank auf die Svitze getrieben. Gestern mache ich Ihnen so viele Miibe und Last und heute sollte ich Ihnen kündigen? — Und übrigens, es gefällt mir bei Ihnen ausgezeichnet. Die Wohnung entspricht meinen Anforderungen und Sie und Ihr Herr Gemahl waren so liebenswürdig —" „Wir haben eben gethan, was wir thun konnten, dazu waren wir ja verpflichtet — aber darum hat es uns auch noch peinlicher berührt, daß Ihre Juanita — wo ist sie denn? — ich glaubte, sie wäre hier —" „Sie hat sich auf französische Manier empfohlen." scherzte Jsabella, „wir haben eine ziemlich erregte Auseinandersetzung gehabt. Sie ist eine treue, gutherzige Person — aber ich lann mir doch nicht gefallen lassen, daß sie eigenmächtig Verfügungen trifft —"