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Der Israelit · 1901-12-24 · Heft 101-102 (24.12.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 101-102 (24.12.1901)
Date
1901-12-24
Page
– (sequence 17)
Language
German
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42. Jahrgang.; Zweite Aeik. zu M101 & 102 des „Israelit". Leitende Artikel. Lin jüüifches Lreüitinstitut. Zu dieser Frage sind bis heute folgende Aeußeruno.en eingelaufen: Frankfurt a. M., im Dezember. Nr. 98 des „Israelit" enthielt unter dieser Ueberschrist einen Artikel, der die Errichtung eines jüdischen Ereditinstituts für Deutschland zur Diskussion stellt, und die Redaktion fordert in einer Anmerkung „ihre Freunde aus der Finanzwelt" auf, sich zur Sache zu äußern. Ich kann mich leider nicht zur Finanzwelt zählen, nicht einmal, wenn dieser Begriff in seinem weitesten Sinne genommen wird. Wenn ich trotzdem hierzu das Wort ergreife, so glaube ich, meine Legitimation dafür in anderer Weise darthun zu können. , In dem angezogenen Artikel ist des „Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit" in freundlicher Weise gedacht. Ich habe die Ehre, seit Gründung dieses Vereins an seiner Spitze zu stehen und gerade die Erfahrungen, die ich in dieser Eigenschaft sammeln konnte, veranlassen mich zu meinen heutigen Ausführungen. Unser Verein pflegt neben seiner eigentlichen Aufgabe, der Versicherung, in ausgedehntem Maße auch die Stellenvermittelung. Unsere bezüglichen Einrichtungen sind den besten Vorbildern aus den Reihen der großen kaufmännischen Vereinigungen entnommen; ein Theil der Vorstandsmitglieder sowie ein besoldeter Geschäftsführer widmen sich mit Eifer dieser Aufgabe, und was ist das Resultats Im Jahre 1900 wurden 60 Stellen vermittelt, im laufenden Jahre werden es, in Folge der allgemeinen wirth'schaftlichen Depression, weniger sein; dafür wurden in diesem Jahre schon über 2000 Mk. an Entschädigungen für Stellenlose ausgezahlt! Das Ergebniß unserer Stellenvermittlung wird Jedem, der die Verhältnisse kennt, als relativ günstig erscheinen. Aber das ist ja das Schlimme, daß so kleine Ziffern uns schon mit einer gewissen Befriedigung erfüllen können. Sie zeigen eben, wie klein die Zahl der Geschäfte ist, die noch am Sabbat geschloffen halten. Und wenn diese Zahl noch konstant bliebe! Aber leider bröckelt unter dem doppelten Einfluffe der sich mehr und mehr verschärfenden Sonntagsruhe und unter der Ungunst der allgemeinen Verhältniffe ein Steinchen nach dem andern ab, und wenige sind es, die neu hinzukommen. Wer da weiß, daß für die Mehrzahl der orthodoxen Juden in Deutschland kaum eine anderer Laufbahn als die kaufmännische in Betracht kommen kann — die paar Akademiker zählen nicht mit — den muß diese Entwickelung mit schwerer Sorge für die Zukunft erfüllen. Von diesen Thatsachen ausgehend, habe ich schon vor mehr als Jahresfrist den Gedanken erwogen, ob sich jener Entwickelung nicht durch Gründung eines Creditinstitutes entgegenarbeiten ließe. Aufgabe dieses Institutes würde es vor allem sein, die „Gründung neuer Geschäfte, die am Sabbat geschlossen halten," anzuregen und durch Commanditirung, Gewährung von Crediten etc., zu begünstigen. Zur Deckung seiner Spesen könnte das Institut, das selbstredend nach streng kaufmännischen Grundsätzen geleitet sein müßte, alle in das Bankfach einschlagenden Geschäfte übernehmen. Ebenso käme die Üeberführung bestehender Geschäfte in geeignete Hände in Betracht. Zur Gründung eines solchen Institutes wäre im Minimum ein Kapital von 1—2 Millionen erforderlich, das, nach und nach eingezahlt, bald Verwendung finden würde. Als Beweis will ich nur einen Punkt herausgreifen. Der deutsche Exporthandel hat sich in den letzten 16 Jahren nahezu verdoppelt. An dieser koloffalen Steigerung sind am Sabbat geschlossene Geschäfte, so weit ich die Verhältniffe zu überschauen vermag, nur ganz minimal beiheiligt. Und doch wird gerade im Exportgeschäft der Sabbatschluß viel weniger störend empfunden, als in irgend einer anderen Branche. Der Tetaillist, der am Sabbat und Sonntag geschlossen halten muß, wird in den meisten Fällen seiner Konkurrenz nicht gewachsen sein; der Bankier, der am Sabbat die Börse versäumen muß, wird auf manchen Kunden zu verzichten haben u. s. f. Wer aber für den Export, vielleicht gar für den überseeischen, arbeitet, dem verschlägt es in den meisten Fällen nichts, wenn die Korrespondenz einen Tag länger liegen bleibt. Ein Institut, wie das, dessen Gründung mir vorschwebt, könnte die Anknüpfung von Exportbeziehungen in die Hand nehmen und mit verhältnißmäßig geringen Opfern wohl auch durchführen. Den vorstehend in aller Kürze skizzirten Plan habe ich im Laufe des letzten Jahres einer Reihe von Finanzleuten vorgelegt, von denen ich weiß, daß sie für das orthodoxe Judenthum ein lebhaftes Interesse haben. Leider war das Ergebniß nicht sehr ermuthigend. Man stimmte mir zu, daß etwas geschehen muffe, daß man unmöglich dieser Entwicklung der Dinge länger mit verschränkten Armen Zusehen könne u. s. w. Aber meinem Wunsche, dieser theoretischen Zustimmung auch eine praktische Folge zu geben und an den nöthigen Vorarbeiten Theil zu nehmen, ist fast überall eine Ablehnung zu Theil geworden, die allerdings vielfach mit der Ungunst unserer augenblicklichen Geschäftslage begründet wurde.

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