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Der Israelit · 1901-12-24 · Heft 101-102 (24.12.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 101-102 (24.12.1901)
Date
1901-12-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2245 rierul Judicar" den Artikel 7 der Verfassung in einer Weise zu interpretiren, daß den wahren Patrioten die Haare zu Berge steigen mußten. Sektionschef G. Flaischlen (der Name klingt zwar etwas österreichisch, inan hat es hier aber trotzdem mit einem veritablen Rumänen zu lkjnnj suchte in einem langen Artikel darzulegen, daß es ein falscher Patriotismus sei, der gedeihlichen Entwickelung der wirthschaftlichen Verhältnisse im Wege zu stehen, und dies thue der berühmte Artikel 7 aus der Verfassung. Unter der Gesetzgebung non 1879 durften wenigstens die Fremden christlicher Religion Immobilien erstehen, und wir vermögen nicht einzusehen, daß dieses System irgend welche Unzukommlichkeit Hinterlagen hätte. Der Eintritt der meisten Familien mit fremden Namen in die Reihen der Rumänen batirt aus jener Epoche. Warum sollten wir uns also fürchten, zu einem Zustande zurückzukehren, an den wir bereits gewöhnt waren, und der sich als gut und gedeihlich erwiesen hat? Die Furcht bezieht sich also nur auf die Nichtchristen. Wenn unsere Regierenden wirklich glauben, daß der Rumäne nicht im Stande ist, wirkst schastlich mit dem nichtchristlichen Elemente zu kämpfen und besonders mit den Juden, so heißt das nichts an dercs. als sich selbst ein Armuthszeugniß ausstellen. Seltionschef Flaischlen siebt sein Vaterland in den rosigsten Farben, sobald man den Artikel 7 der Verfassung dahin abändert, daß auch fremde Juden in Zukunft ländlichen Grundbesitz erwerben können. Feuilleton. Johann Friedrich Schulze. Eine Erzählung aus der Gegenwart. 2} j Nachdruck verboten. Zu derselben. Zeii, zu der die Familie des Herrn Kommerzienrath Meyer ans der Veranda ihrer Sommerwohnung der Ruhe pflegte, ging der Maurerparlier Johann Friedrich Schulze am Rheinufer in der nur wenig Schatten spendenden Kastanienallee nachdenklich auf und ab. Judiths Zurückweisung konnte er doch nicht so leicht verwinden und mit dem Uebergang von der Liebe zum Haffe war für ihn kein Ausweg gefunden, um aus seiner Seelenpein yerauszukommen. Je länger er sein Herz trug, desto eher fand er, daß der Haß gegen die jüdische Nation nicht in dasselbe eingezogen war, daß dagegen die Liebe zu Judith noch hell darin loderte. Momentan befand er sich in einer tief melancholischen Stimmung, er grollte, grollte der ganzen Welt. Die ungleiche Vertheilnng der irdischen Güter. das war sein Lieblingsthema, wenn er sich in solcher Stimmung befand. Da sitzen sie ringsherum in ihren Villen, schneiden oon Zeit zu Zeit ihre Eoupons ab und brauchen den lieben langen Tag nichts zu arbeiten, es gibt keinen Genuß auf dieser Welt, den sie sich versagen müßten, diese Mastbürger und Ausbeuter, und Unsereiner muß im Schweiße seines Angesichts den ganzen Tag wie ein Lastthier arbeiten. Jetzt eben nach sechse war erst Feierabend und heute früh um sechse mußte schon begonnen werden. Wie ist das aus die Dauer zu ertragen für einen Mann von meinen Fähigkeiten und von meinem zarten Körperbau? Der Leitartikel, den er vorige Woche in der „Volksstimme" gelesen, kam ihm unwillkürlich in den Kopf. Ganz recht hatte der Redakteur, wenn er darin auf das Energischste die Beseitigung jeglichen Klassenunterschiedes und der kapitalistischen Produktionsweise forderte. Diese Protzen werden auch zu übermüthig. Gleichheit in Arbeit, Ertrag und Genuß muß hergestellt werden, alles Privateigenthnm muß aufgehoben und an Stelle desselben die Gütergemeinschaft der ganzen Gesellschaft treten. Religion muß mittels Staatsgewalt zur Privatsache erklärt werden, dann will ich einmal sehen, wer mir meine Judith rauben kann. Der Klang einer Hellen Radglocke ertönte hinter ibm mehrere Male und immer heftiger. Er aber ist so in seine Gedanken vertieft, daß er sie nicht hört. Da sanft auch schon sein Doppelgänger an ihm vorüber. „Können Sie denn nicht zur Seite treten," ruft er ilnn im Vorübersahren zu. Schulze aber, froh, eine Ablenkung für seinen Unmuth zu haben, ergeht sich in Schmähungen über den reichen Faulenzer, der ihm noch überdies einen Spitz namen eingetragen. In Schweiß gebadet gelangt er an das Ende der Allee, wo Joseph Meyer bereits entkleidet mit kühnem Sprung kopfüber sich in die Fluthen des Rheines stürzt. „Das kann ick mir auch noch leisten." sagt Schulze balblaut zu sich. Er folgt dem Beispiele des eben noch so heftig Geschmähten und nach kurzer Zeit schwimmen die beiden jungen Leute, die man für Zwillingsbrüder halten konnte, nebeneinander, die erquickend kühlen Wellen fick öfters über den Kopf gehen lassend. Meyer macht allerhand Kunststücke: er schwimmt unter .Kähnen und Nachen durch, um auf der anderen Seite wieder emporzutauchen. Als aber ein Salondampfer oorüberjagk, auf allen Seiten hohe Wellen schlagend, da tauchte Meyer nicht wieder empor. Aus das Geschrei Schulzes kamen zwei Schiffer mit Stangen, die den Verunglückten retten wollten. Aber sie kamen zu spät. Erst viel weiter unten kam Meyer wieder an die Wasseroberfläche. Die Schiffer zogen den Körper an's Land: das Leben war bereits entflohen. Zn den beiden Schiffern gesellten sich noch andere Personen, die auf den Lärm herbeigeeilt waren. Auch ein Schutzmann erschien. Er richtete an den noch immer entkleidet dastehenden Schulze einige Fragen, die er in sein Notizbuch schrieb.

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