Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1901)
- Date
- 1901-12-19
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449241--54957-2505013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2229 „Weiß nicht." „Horen Sie mal, Schulze, Sie sind heute verdammt eklisch, wat ist Ihnen denn eijentlich über de Lewer jekrochen? Sie benehmen sich, wees Jott, nich wie en Commerzienrathssohn." „Aber der bin ich doch auch gar nicht." „Zum Donner, jetzt kennt dieser Mensch nich mal seenen Spitzname." „Ja, aus welchem Grunde nennt man mich denn so?" — „Doch det wissen Se nich? Droben in de Meyersche Villa de junge Herr, der steht doch jenau wie Ihnen aus de Viehsjonomie geschnitten aus, dat janze Nest spricht ja davon." „Das ist wahr, der junge Meyer hat eine frappante Aehnlichkeit mit mir, ich selbst erschrak, als ich ihm das erste Mal begegnete: ich glaubte, in einen wandgroßen Spiegel zu blicken und mußte mehrmals ihn anschauen, um mich von dem merkwürdigen Naturspiel zu überzeugen." „Wenn ik Sie wäre, würde ik mir mal auf den Namen von dem alten Meyer wat zusammenpumpen." „Ich verbitte mir dringend derartige Spässe; meinen Sie. es wäre überhaupt ein Vergnügen, einem Juden ähnlich zu sehen?" „Na, na, Sic alter Schäker, als wenn man es nicht wüßte, daß Sie's mit einem Judenmädel haben!" „Das ist vorbei, lieber Neumann; ich hasse das Mädel und bin von heute ab Antisemit. Statt einer sozialdemokratischen werden wir demnächst hier eine antisemitische Versammlung abhalten und ich werde die Rede halten. Die Leute sollen mal staunen." „Dazu werden Sie uns aber nich kriejen, ich schlage Sie mit Ihre eijene Worte in de jüngste Versammlung. Wie sagten Sie doch, als im „Rheingauer Bürgerfreund" Stadtrath Levy so heftig angegriffen wurde? „Dat Kapital ist interkonfessionell" und dabei bleibts!" Schulze zahlte seinen Wein und erhob sich. Es war ein drückend heißer Tag, so heiß, wie in Deutschland die Tage nur am Rhein zu sein pflegen, wenn die köstliche Traube von den glühenden Sonnenstrahlen süß gekocht wird. In der Meyer'schen Villa auf dem nahen Abhange, wo die Weinberge aufhören und der Tannenwald beginnt, herrschte tiefer Frieden. Ausgestreckt auf Schaukelstllhlen lag die ganze Familie auf der durch Rollläden und Jalousien dunkel gemachten Veranda. Ab und zu wurde von einer Dienerin Sorbet und Brauselimonate servirt. „Höre mal, Joseph," sprach Papa Meyer gähnend zu seinem Aeliesten. „Du weißt wohl noch gar nicht, daß Du bei mir denunzirt worden bist. Gestern Abend nach dem Diner nahm mich der Amtsrichter bei Seite, um mir mit feierlicher Miene eine ernste Mkttheilung zu machen. „Er kenne," sagte er, „meine politische Gesinnung, er wisse, wie treu ich zu unserem Fürsten und dessen Regierung stehe, um so schmerzlicher habe es ihn berührt, Dich nicht auf den gleichen Pfaden zu finden. Neulich habest Du in einer sozialdemokratischen Versammlung Ansichten zum Besten gegeben, die dem rothesten Revolutionär zur Ehre gereicht hätten." Ich habe den jungen Mann natürlich ausgelacht und ihm bedeutet, daß hier eine Verwechslung vorliegen müsse, aber zum Ueberdruß will ich Dich mal fragen, ob Du was von der Geschichte weißt?" „Natürlich weiß ich was davon," schrie Joseph erregt, denn sein Vater war schwerhörig. „Es läuft hier ein Maurergeselle herum, gesehen habe ich ihn noch nicht, der soll mir aber verteufelt ähnlich sehen, und der hat auch die sozialdemokratischen Reden in jener Versammlung gehalten. Wie der Goj nur zu meiner Gestalt kommen mag?" „Wie oft," bemerkte vorwurfsvoll Kommerzienrath Mever, „soll ich Dich, lieber Joseph, bitten, das Gemauschel zu lassen. Wir haben alles Jüdische längst abgestreift, willst Du es in der Sprache denn immer beibehalten? Bedenke, es würde Dir bei Hofe ein derartiges Wort entfahren, wei peinlich wäre das für Dich und die ganze Familie!" Joseph reagirte nicht auf diese Zurechtweisung. Dagegen nahm die Gouvernante der beiden im Backfischalter sich befindenden Töchter des Hauses das Wort. Sie war zwar schon dreiundvierzig Jahre alt, schwärmte aber immer noch für die Männer und machte deren Benehmen, Figur und Gestchtsausdrücke zu ihrem Spezialstudium. „Ich habe d-m Doppelgänger des jungen Herrn unten schon öfters zu beobachten Gelegenheit gehabt. Die Aehnlichkeit ist in der That sehr frappant, aber ein gewisses Etwas läßt doch die beiden Herren sehr genau unterscheiden. Die verschiedene Rasse läßt sich nicht verleugnen; während die Nase unseres jungen Herrn sanft nach unter gebogen ist, geht diejenige des Doppelgängers ebenso sanft in die Höhe. Das sind eben Unterscheidungsmerkmale zwischen der semitischen und der arischteutonischen Rasse." Angeekelt von dem faden Geschwätz des ältlichen Fräuleins sprang Joseph in die Höhe; er drückte auf einen elektrischen Knopf und der Diener erschien. „Jean," rief er diesem zu, „bringe mir, bitte, mein Rad in den Hof, die Sonne geht zur Neige, ich will ein Rheinbad nehmen." Die beiden Schwestern Joseph's, zwei bildhübsche junge Mädchen, die ssch seither ruhig verhalten hatten, wurden auf einmal lebendig. „Ach nimm uns mit, Joseph, wir möchten so gerne eine Radpartie mit Dir machen." „Nein Kinder, heute bei dieser Gluth muß ich mich in's Wasser stürzen." „Du bist ein abscheulicher Mensch," riefen beide zugleich. „zur Strafe wirst Du, wenn Du wieder kommst, von uns abgeküßt, so sehr Du Dich auch gegen solche Liebkosungen zu wehren Pflegst."