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Der Israelit · 1901-12-19 · Heft 100 (19.12.1901) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 100 (19.12.1901)
Date
1901-12-19
Page
– (sequence 26)
Language
German
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WWWWWWW 2226 ann?s rledrid) Jicbalze. Line Lr?ählung aus der Gegenwart- ^Nachdruck verboten.) „Judith!" „Johann!" „Laß Dich erweichen." „Unmöglich!" „Der Liebe ist Alles möglich!" „Es gibt höhere Dinge, wie die Liebe." „Der kennt die wahre Liebe nicht, der sagt, es gibt höhere Dinge." „Ich liebe Dich mehr als mein Leben und ich werde tief unglücklich sein, wenn ich nicht die Deine werde, und trotzdem geht es nicht." „Aber Deine Eltern sind doch gar nicht so fanatisch orthodox, ich glaube, sie würden sich Deiner Verbindung mit einem Andersgläubigen kaum widersetzen; warum bist Du so starr, Du stehst mit Deinen Anschauungen noch tief im Mittelalter." „Im Mittelalter haben unsere Väter und Mütter zu Tausenden freudig den Feuertod über sich ergehen lasten zur Heiligung des göttlichen Namens und ich sollte meine Hand einem Nichtjuden reichen? Nie und nimmer. Füge Dich, Johann, in das Unvermeidliche, laß uns Abschied nehmen auf immer." „Ich würde Deinethalben selbst zum Judenthum übertreten." „Auch das ist kein Ausweg; wir Juden nehmen nur solche in unseren Bund auf, die aus reiner Absicht und aus innerer Ueberzeugung in denselben eintreten,wollen und nicht aus Liebe zu einem Mädchen." „Ich werde mich erschießen!" „Auch dann bin ich nicht in der Lage, meinem Gotte und Seinem heiligen Gesetze untreu zu werden." „Mädchen, Du bist unausstehlich," kam es von den schäumenden Lippen des vor Leidenschaft fast rasenden jungen Mannes. „Ich liebe Dich nicht mehr, ich haste Dich und die ganze Judenbrut, Ihr seid lauter Gauner und Gesindel. Das Geld, das Ihr besitzt und mit dem Ihr so protzt, das habt Ihr Alle zusammengestohlen und zusammengewuchert, ich gehe unter die Antisemiten, Ihr werdet mal etwas an mir erleben!" lind wüthend stürzte er von dannen. Es wäre unrecht, den Charakter des Maurerparliers Johann Friedrich Schulze nach dem eben gehörten Wuthausbruch zu beurtheilen. Schulze war ein von Natur aus edler Mensch. Die sog. oberen Zehntausend, die da meinen, daß sie Geist, Bildung und Einsicht ausschließlich besäßen, weil sie theure Schulen besucht und theure Bücher gekauft haben, sind, wenn sie zufällig mit einem Arbeiter zusammenkommen. oft erstaunt über den hohen Grad von Intelligenz und den mächtig aufstrebenden Geist, der bei ihnen zu finden. Auch Schulze wat ein geistvoller Mann. Aber das Milieu, in dem er geboren und ausgewachsen, hatte ihm verschiedene häßliche Neigungen und Leidenschaften mit auf den Weg gegeben. Da war vor allem ein schier unauslöschlicher Neid gegen die besitzende Klasse und die Utopien der führenden Geister innerhalb der sozialistischen Bewegung thaten ein Uebriges, um den ideal veranlagten jungen Mann in eine Geistesrichtung zu preisen, in der seine hohen Ideen von Menschenliebe und Erdenglück verkümmern mußten. Die soeben geschilderte Szene fand in einem kleinen Städtchen am Mittelrhein statt. Eben haben die Glocken die Mittagsstunde eingeläutet. Bonum vinum, bonum vinum »vollen die Rheinländer aus dem Klange der Glocken heraushören. Bonum vinum war es auch, den Johann Friedrich Schulze in einer dunkelbraunen Flasche sich zur Beruhigung seines aufgeregten Gemüthes in einer nahe gelegenen Gartenwirthschaft kredenzen ließ. Er durfte sich heute diesen Luxus erlauben. Es war Samstag und der Wochenlohn war ausgezahlt worden. Schulze hatte nach Abzug der Beiträge für die Kranken-, Alters- und Jnvaliditätskasten einen Lohn von vierunddreißig Mark und sechsundvierzig Pfennigen bekommen und damit konnte er. da er alleinstehend war, sehr gut auskommen. Wohl Niemand, dem die Verhältnisse des jungen Mannes nicht bekannt waren, hätte dessen Aeußeren seinen Beruf angesehen. Ein schwarzer, wohlgepslegter Vollbart umrahmte das Gesicht des Vierundzwanzigjährigen und den Luxns wohlgepslegter Hände und Finaernägel tonnte er sich gestatten, seit er nicht mehr nöthia hatte, mit Kelle und Speis zu hantiren. Als Parlier hatte er nur die Arbeit anzuordnen und die übrigen Gesellen zu beaufsichtigen, beim Nichten des Hauses hatte er die Rede zu halten, auch das erzeugte keine Schwielen an den Händen. Seine Kleidung und seine Manieren waren tadellos. Er liebte die Tochter des jüdischen Kleiderhändlers, Judith Marx, aber seine Liebe wurde, wie wir gesehen, wenn auch erwiedert, doch zurückgewiesen. Allmählich beruhigte sich Schulze. Ein anderer Arbeiter gesellte sich zu ihm. Sichtlich widerwillig gestattete er ihm, an seinem Tische Platz zu nehmen. Er hielt sich für etwas Höheres und überragte auch thatsächlich seine Kameraden an Elastizität des Geistes und Schönheit des Körpers. „Na, Herr Parlier, nichts Neues," fragte breitspurig der aus Ostpreußen stammende Arbeiter, indem er seine schwieligen rothen Hände auf den Tisch legte. „Weiß nichts," lachte mürrisch Schulze. „Na, wann ist denn unsere nächste Versammlung?"

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