Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-12-19 · Heft 100 (19.12.1901) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 100 (19.12.1901)
Date
1901-12-19
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449241--54951-2505007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

PTOPSWI.ygi?IHWPPl '|.UJ' - t--*~. 3323 die Littet, „möglichst viel Anteilscheine der von uns begründeten „Bodenkulturgesellschaft m. b. H." unterzubringen." Für einen Versuch (als solchen bezeichnet der Verein selbst ja das ganze Unternehmen) Kapital aufzubringen, zu einer Zeit, da man sich wirklich so viel als irgend möglich konzentriren sollte, erscheint mir viel verlangt. In dem Zirkular heißt es nun: „Es gilt die Ehre des Vereins und der Gesammtjudenheit Deutschlands zu wahren, es gibt kein „Zurück" mehr, nur noch ein „Vorwärts." Das klingt ein bischen stark phrasenhaft und rhetorisch-pathetisch, und i st auch wirklich eine recht leere Phrase. Gilt es ernstlich die Ehre der „Gesammt- Judenheit Deutschlands", oder vielleicht nur die Ehre dieses Vereins? Wenn das unsere Gegner — die Antisemiten — lesen, werden sie ihren ohnedies schon merkwürdigen Begriff über jüdische Bescheidenheit noch merkwürdiger gestalten. Die Ehre ist gewiß eines Jeden höchstes Gut, und auch der Verein hat ein Recht, sie hochzuhalten. Aber die Ehre der Gesammtjudenheit in einem Athem ifftt der seinigen zu nennen, und diese zwei Dinge als eines und dasselbe betrachten, dazu kann der Verein wohl seine Berechtigung nicht darthun. Schön klingt's, aber was steckt dahinter, wenn der Verein ausruft: „Es gibt kein „Zurück" mehr, nur noch ein „Vorwärts." Ich fürchte leider, daß die Neigung, Alles im günstigsten Lichte zu betrachten, in dieser Sache eine viel zu große ist, betone aber dabei ausdrücklich, daß ich den Bestrebungen, welchen u. A. der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" zu dienen sich ursprünglich zur Ausgabe gemacht hat, sehr wohlwollend a-menüberstehe. Wie aber die Dinge bei dieser Spekulation auf „Gut Glück" (oder um mit dem Bodenkulturverein zu sprechen auf „Gut Neuhof) liegen, möchte ich warnend ausrufen: Es gibt ein „Zurück," und es wäre bester setzt, als erst dann, wenn ein Fiasko den Schritt als einen eiligen, unpraktischen erwiesen haben wird. (Eine soeben eingetroffene Einsendung zu G u n st e n des Gutes Neuhof soll in einer späteren Nummer veröffentlicht werden. Red d. „Jsr.") O e st e r r e i ch. Pilsen, 10. Dez. Der Kreisturnrath des fünfzehnten Kreises Hai in seiner Sitzung vom 2. und 3. v. Mts. in Wien beschlossen, alle jene ihm angehörigen Turnvereine, welche dem Pfingstbeschluffe, satzungsgemäß nur Deutsche arischer Abkunft als Mitglieder aufzunehmen, noch nicht nachgekommen sind, aufzufordern, dies bis 20. Nov. L I. zu thun. Jene Vereine, die bis dahin keine oder eine ablehnende Erklärung abgeben, sollen als aus der deutschen Turnerschaft ausgeschieden betrachtet werden. Hierzu hat der Vorstand des Turnvereins „Aar" in Pilsen in seiner Sitzung vom 22. v. Mts. mit fvl gendem Beschlüsse Stellung genommen: 1) Der Turnverein „Aar" schließt sich dem in Folge des Pfingstbeschlusses entstandenen Verbände der deutsch-freiheitlichen Vereine an, 2) er verständigt in Gemeinschaft mit den übrigen gleichgesinnten Vereinen den Ausschuß der deutschen Turnerschaft, daß er den Pfingstbeschluß des fünfzehnten Kreises nicht anerkennt, 3) hiervon benachrichtigt er die derzeitige Leitung des westböhmischen Turngaues, sowie die zum Gau gehörigen Turnvereine. Die Annahme eines Ausscheidens aus der deutschen Turnerschaft aus diesem Grunde bezeichnet der Vorstand des Turnvereins „Aar" als gänzlich ausgeschlossen und weist die betreffende Aeußerung des Kreisturnrathes als vollkommen unberechtigt auf's entschiedenste zurück, unter Berufung auf den Heidelberger Beschluß, welcher lautet: „Der Ausschuß der deutschen Turnerschaft erklärt es als seine Pflicht, die durch den Beschluß des fünfzehnten Kreises mit Ausschluß bedrohten Vereine zu schützen und unter Hinweis auf die in letzter Nummer der „Turner-Zeitung" veröffentlichte Erklärung des Vorsitzenden der deutschen Turnerschaft, Dr. Götz, daß der Ausschuß der deutschen Turnerschaft es verstehen werde, alten, treuen Vereinen, die übel angebrachter Fanatismus hinausdrängt, in ihren Rechten und ihrem Verbleiben in der deutschen Turnerschaft den entsprechenden Schutz angedeihen zu lasten." Bulgarien. Sofia, im Dez. Der jüdische Leutnant Graschjanow wurde vor sechs Monaten von dem Armeelieferanten Petroff, dessen Bestechungs-Versuche er entrüstet zurückgewiesen hatte, in einer mondhellen Nacht überfallen und derart mißhandelt, daß er mehrere Wochen das Bett hüten mußte. Als er, nothdürftig genesen, zum ersten Male wieder die Straße betrat, traf er Petroff, der ihn mit den Worten anschrie: „Du Hund von einem Juden lebst immer noch? Wart', jetzt will ich Dich ganz todtmachen!" Als er mit seinem Knotenstock zum Schlage ausholte, zog Graschjanow seinen Degen und stach den Angreifer nieder. Das Vorkommniß erregte begreifliches Aufsehen, doch waren die allgemeinen Sympathien auf Seiten Grasckianow's; namentlich die Offiziere waren seines Lobes voll, und als ihm der Prozeß gemacht wurde, erboten sich mehr als hundert Kameraden zu seiner Vertheidigung. Vom Kriegsminister wurden 120 Offiziere aller Waffengattungen zu der Verhandlung kommandirt, „damit sie lernen, wie ein Offizier seine Ebre zu wahren hat." Trotzdem wurde Graschjanow zu acht Monaten Gefängniß, der höchsten auf Todtschlag in Nothwehr stehenden Strafe, vorn Kriegsgericht verurtheilt, was einhellig als eine Frucht des Judenhasses bezeichnet wird, der auch in die Armee eingedrungen ist. Selbst verständlich wurde gegen dieses llrtheil Berufung eingelegt und man ist überzeugt, daß im Falle ihrer Ver werfuug Fürst Ferdinand von seinem Begnadigungs recht Gebrauch machen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.