Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1901)
- Date
- 1901-12-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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m i WWW WWWW 42. Jahrgang.: IweiteWeilage zu M100 des „Israelit". Leitende Artikel. Der erste jüdische Staatsmann. Kink Betrchtllüg zu Paruschal- WM. Von Dr. Isaak Unna, Rabbiner in Mannheim. Nachdem die Thora uns von der Wiedervereinigung der Brüder und des Vaters mit Josef erzählt, nachdem sie uns die Wanderung Jakob's nach Egypten, seine Begegnung mit Josef und sein Zusammentreffen mit Pharao geschildert, gibt sie uns eine Darstellung von den Wirkungen, welche die Hungersnoth in Egypten hatte, von der Thätigkeit Josef's und von seinen Maßregeln zum Wohle des Landes und seiner Bewohner. Es wird uns mitgetheilt, wie er zuerst den Einwohnern für ihr Geld Getreide lieferte, wie sie dann auch ihre Heerden verkauften, und wie er endlich das ganze Land zum Eigenthum des Königs machte, so daß die Bewohner nurmehr die Pächter ihres eigenen Bodens waren. Wir müssen uns aber fragen: Wozu wird uns alles dieses hier erzählt? Warum sind diese Dinge, die doch offenbar nur für die Geschichte Egyptens Interesse haben, in die Thora ausgenommen? Die Thora hat, wie schon ihr Name sagt, den Zweck der religiös-sittlichen Belehrung, nicht nur in dem Theil, in welchem sie uns positive Vorschriften gibt, sondern auch da, wo sie geschichtliche Thatsachen berührt. Schon bei der Schöpfungsgeschichte führt Raschi die Frage des Rabbi Jizchak an, weßhalb die Thora nicht mit dem ersten Gebot beginne, das Israel gegeben wurde. Und als Begründung dafür wird gesagt: Weil damit das absolute Recht Gottes, als des Herrn der Welt, zum Ausdruck kommen sollte. Die ganze Geschichte der Stammväter und später die Geschichte Israels geht darauf hinaus, daß sie das ihnen verheißene Land in Besitz nehmen und darin die Lehre ausüben sollten. Damit man nun nicht sagen könnte, auch die Kinder Israel hätten sich, wie andere Völker, durch die Gewalt der Waffen ein Land erobert, auf welches sie kein Recht hatten, darum wird vorher ausgesprochen, daß dieses Land ihnen von dem einzigen rechtmäßigen Herrn, von Gott, der die ganze Welt geschaffen, verliehen worden sei. Und so ist bei den Erzählungen der Thora überall die Tendenz vorhanden, uns zu belehren, uns eine Anweisung zu geben für's Leben. Worin liegt nun die Bedeutung jener Schilderung der Thätigkeit Josevb's? Es ist aber jene Erzählung der Thora doch nicht so gleichgiltig, wie es uns scheinen könnte, denn sie gibt uns wichtige Züge für die Beurtheilung des Charakters vvn Josef. Josef ist der erste jüdische Staatsmann, dem wir in der Geschichte begegnen. Er ist nicht der einzige geblieben, noch oft treten uns in der späteren jüdischen Geschichte Männer entgegen, die wie er dazu berufen waren, die Geschicke eines großen Landes zu lenken. Die Thora zeigt uns aber an diesem ersten Beispiel Josef's, wie er sein Amt ausfaßte, welche Eigenschaften er da bethätigte, und wie diese Eigenschaften ihn als das Muster eines Mannes erscheinen lasten, der in treuer Hingebung seine ganze Kraft dem Dienste seines Königs und seines Landes widmet. Schon früher theilt uns die Thora verschiedene Charakterzüge von ihm mit, die uns erkennen lasten, wie ein Mann beschaffen sein muß, der zu solch' hohem Amte berufen wird, damit er die Pflichten dieses Amtes auch vollkommen begreife. Wir begleiten Josef auf dem Wege nach Egypten; wir sehen, wie er auch in der Knechtschaft festhält an der Gottesfurcht und am Gottvertrauen, wie der Gedanke, „ich würde sündigen gegen Gott," ihm auch in der stärksten Versuchung die Kraft gibt, festzubleiben. Wir folgen ihm dann, wie er auch dort derselbe bleibt, wie er unter den Egyptern den Gedanken an seinen Vater und an die Lehren des Vaters nie vergißt. Und hier, bei der Schilderung des Verlaufs der Hungersnoth, wird uns nun gezeigt, wie Josef seinen Herrscherberuf ausübte, wie er es verstand, bei der edelsten Gesinnung und der rechtschaffensten Handlungsweise doch das Jntereste Aller zu wahren. Er betrachtete sein Amt nicht als ein Mittel, um für sich selbst zu sorgen, seinen Reichthum und sein Ansehen zu wahren. „Josef brachte das Geld in das Haus des Pharao." Er behielt nichts davon für sich, es war das Wohl der Gesammtheit, das er zu fördern suchte. Seine Laufbahn beginnt mit dem Rath, den er dem Pharao zum Heile des Landes gibt; und seine Einsicht und seine Macht verwendet er dazu, um das Volk in den Jahren des Hungers zu erhalten. Er will aber auch dem Könige nützen; er versorgt das Volk mit Vrod, aber dafür, sagt er dem Volke, daß der König euch erhält, soll auch das Land dem Könige gehören. Und dennoch versteht er es, diese Maßregel, die vielleicht bei einem minder einsichtsvollen Herrscher zu Aufständen geführt hätte, in eine Form zu kleiden, daß sie durchaus keinen drückenden Charakter hat. Nur den fünften Theil des Ertrages sollen sie dem Könige abliefern. Den Zehnten gaben sie wohl auch sonst als Tribut dem König, und, wie es früher heißt, hatten sie in den Jahren des Ueberflustes auch schon ein Fünftel des Ertrages beigesteuert, um für die Jahre des Hungers Vorräthe zu sammeln. „Man erhebe ein Fünftel vom Lande Egypten in den sieben Jahren des Ueberflustes." So verstand es Josef, in der glücklichsten Weise das Wohl der Gesammtheit zu fördern und dabei das Jntereste seines Königs zu wahren. Und wie dieses auch vom Volke anerkannt wurde, wie wenig sie Josef als einen Steuerminister oder, wie ein antisemitischer Schriftsteller der neueren Zeit ihn