Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1901)
- Date
- 1901-12-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2209 „Ich weiß es nicht, aber ich halte es nicht für unmöglich." „Dann werde ich es jedenfalls nicht thun, denn es hätte in Wirklichkeit keinen Zweck. Weißt Du, liebe Mutter, wenn man so etwas Schönes erfährt, da wird's einem so warm um's Herz und man glaubt-" Seine Mutter blickte lächelnd zu ihm auf. „Warum verherrlichst Du das, was Du von Fräulein von Rauhenstein erfahren hast, so außergewöhnlich, während Du dasselbe oder ähnliches Tag für Tag thust?" „Aber Mama, das ist doch etwas anderes. Was ich thue, ist meine Pflicht." Sie zuckte die Achseln. „Fräulein von Rauhenstein würde Dir vermutlich erwiedern, daß sie auch nichts anderes als ihre Pflicht gethan hat, als sie einen hinfälligen Greis unterstützte und vorm Sturze bewahrte." „Möglich, möglich, sogar wahrscheinlich, daß sie mir das erwiedern würde — und dennoch ist es ungleich anders, ungleich mehr —" „Ich würde Dir trotzdem nicht empfehlen, mit ihr darüber zu sprechen." „Wenn Du es widerräthst, werde ich es gewiß nicht thun." Gr hatte den Hut auf den Tisch gelegt, fuhr sich mit der Hand mehrere Male über die hohe Denkerstirne, während er wie sinnend aus und nieder wandelte. Seine Mutter vertiefte sich in ihre Handarbeit: hin und wieder blickte sie jedoch wie forschend auf den Sohn. „Led," begann sie nach einigen Minuten Schweigens. Er hörte sie nicht, setzte vielmehr seine Wanderung ohne Unterbrechung fort. „Led!" wiederholte sie etwas lauter. Er blieb stehen und blickte zu ihr herüber. „Du wünschest, liebe Mutter?" „Meier Rüben ist vorhin da gewesen." „Meier Rüben? Was will denn der schon wieder?" „Das kannst Du Dir doch denken. Vor einem halben Jahre hat er mich gefragt, ob Du Gefallen an Fräulein Lucie Kohn hättest. Ich kenne das junge Mädchen, in jeder Beziehung wäre sie mir als Schwiegertochter willkommen gewesen, und hätte ich sehr gewünscht, Du hättest Dich damals zustimmend geäußert. Aber Du wolltest nichts davon hören — noch nicht, wie Du Dich ausdrücktest. Ich habe ihn daher mit Deiner Zustimmung nicht vollständig zurückgewiesen, sondern vielmehr die Wahrscheinlichkeit durchblicken lasten, daß Du Dich nach einiger Zeit doch vielleicht entschließen würdest, der Sache näher zu treten." Der Doktor hatte seine Zimmerwanderung wieder ausgenommen, wie vorhin fuhr er sich wiederholt mit der flachen Hand über die Stirne, als wolle er von derselben einen lästigen Gedanken verscheuchen. „Es war vorauszusehen, daß er nach einiger Zeit wieder anfragen würde," sagte Frau Müller. Er zuckte die Achseln. „Warum hätte das ausgezeichnete Mädchen nicht inzwischen eine andere Verbindung eingehen können?" „Dasselbe hat Meier Rüben gesagt, aber er hat hinzugefügt, er glaube, die junge Dame habe eine besondere Vorliebe für Herrn Doktor Müller." Einige Minuten ging der Doktor wieder im Zimmer auf und ab. „Mutier," sprach er dann leise, „liebe Mutter! Du liesest in meinem Herzen wie in einem aufgeschlagenen Buche. Muß ich in Wirtlichkeit die Frage, die Du an mich gerichtet hast, beantworten? — Kennst Du die Antwort nicht im Voraus?" Sie athmete schwer auf, indem sie den Druck seiner Hände erwiederte. „Es ist wahr, ich lese in Deinem Herzen und längst habe ich es kommen sehen. Aber ich weiß auch, daß Du ein Mann bist, ein echter, rechter Jude, und als solcher wirst Du jedes unberechtigte Gefühl in Deiner Brust beherrschen, ersticken —" „Beherrschen wohl, aber ersticken —" er schüttelte trübe lächelnd den Kopf, „Du hälft mich für stärker, als ich bin." „Nein, nein, ich kenne Dich, ich weiß, daß Du nie vergiftest, was Du Dir, was Du Deinen Kindern schuldig bist —" „Gewiß werde ich das nie vergessen. Aber wenn ich mich wieder oerheirathe, so darf ich auch nie vergessen, was ich meiner zukünftigen Frau schuldig wäre." „Das wirst Du nie vergessen, davon bin ich überzeugt." Er zuckte abermals die Achseln. „Ich weiß doch nicht, ob ich nicht unwillkürlich Vergleiche ziehen würde — und ob die gerade zu Gunsten meiner Frau ausfallen würden?" „Lucie Kohn ist ein ausgezeichnetes Mädchen in jeder Beziehung." „Dem kann ich nicht widersprechen, da ich sie nicht weiter kenne." „Darum lerne sie kennen, nichts ist leichter und einfacher." »Ich-ich kann es nicht, liebe Mutter!" „Aber ich bitte Dich um's Himmelswillen! Du weißt doch, — Du bist doch überzeugt, daß Dasjenige, was Dein Herz ersehnt, sich nie verwirklichen kann." — „Davon bin ich allerdings überzeugt, und darum hoffe ich auch mit Zuversicht, daß ich mit der Zeit jedes unberechtigte Gefühl, wie Du es nennst, überwinden, vielleicht gar ersticken werde. — Aber die dazu gehörige Zeit mußt Du mir lassen." Frau Müller schüttelte unmuthig den Kopf. „Mit Dir ist nichts anzufangen." „Zürne mir nicht, liebe Mutter!" „Ich zürne Dir ja nicht!-Aber lieber Himmel! Ich habe ja ganz vergessen, daß ich Fräulein von Rauhenstein versprochen habe, Selma hinunterzuschicken, um mit ihr auszusahren." „Das Kind muß den Mantel nehmen, es ist heute kühles Wetter." „Gewiß, gewiß. Ich werde sie gleich anziehen." Frau Müller warf die Handarbeit aus den Tisch und verließ raschen Schrittes das Zimmer.