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Der Israelit · 1901-12-16 · Heft 99 (16.12.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 99 (16.12.1901)
Date
1901-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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.......; . 2193 suchen, bevor Sie ein Herz finden, so groß, so weich und so milde, wie das meines Vaters. Und Sie kennen unsere heilige Religion nicht, aber ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, wäre mein Vater auch nicht dazwischen getreten, nie und nimmer hätte ich meinem Vetter, nachdem ich das von ihm erfahren, meine Hand gereicht,-meine Liebe für ihn war erloschen." Jsabella schüttelte den Kops. „Das' verstehe ich nicht."- „Das können Sie auch nicht verstehen, und können auch nicht verstehen, wie furchtbar ich bei der Mittheilang meines Vaters gelitten hatte." „Das nun wohl doch," murmelte das sunge Mädchen mit tiefem Seufzer. „Rein, nein, das können Sie nicht. — — Doch genug davon. — Ungefähr ein Jahr später besuchte mein Vater einen Badeort. Als er heimkam, erzählte er viel von einem jungen Arzt, mit dem er häufig zusammen gewesen war, rühmte die innige, ungeheuchelte Religiosität desselben, seine zärtliche Fürsorge für seine kränkelnde Mutter u. dgl. m. Bald darauf erhielten wir den Besuch eines älteren Ehepaares, von dem es mir ausfiel, daß sich Beide ganz besonders mit mir beschaff tigten, als wollten sie mich nach jeder Richtung hin kennen lernen. Einige Tage später — ich werde das nie vergessen — ich befand mich gerade im Garten, um Wäsche aufzuhängen — da steckte mein Vater den Kops aus dem Fenster und ries: „Linchen! Linchen! komm' doch mal herein!" Und als ich dem Ruse folgend, zu meinem Vater eilte, traf ich dort einen jungen, hochgewachseuen Mann. „Herr Dr. Müller, mit dem ich in K. . . . zusammen war," stellte ihn mein Vater mir vor. „Meine Tochter Karoline. --- Aber ich muß um Entschuldigung bitten, ich tverde zu einem Konsilium er wartet. — Einen Augenblick, mein Kind!" Er zog mich zu der anderen Seite des Zimmers und flüsterte mir zu: „Der Herr Doktor hat soeben um Deine Hand anaehaltcn!-Auf Wiedersehen, Herr Doltor!" rief er diesem zu, dann rannte er davon und ließ mich in unsäglicher Verlegenheit zurück. Mit dunkler Gluth übergossen saß oder stand ich da und fühlte die Blicke des Fremden auf mir ruhen, der mich zu seiner Lebensgefährtin erkoren hatte. — Nun trat er zu mir und in seiner einfachen und doch herzgewinnenden Weise erzählte er, seine Eltern hätten schon längst gewünscht, daß er heirathen möge. Und nachdem sie mich kennen gelernt und er so viel gute und edle Eigenschaften von ihnen über mich gehört, halte er nun um meine Hand an. Er hätte mich sehr, sehr lieb, da er sich schon in meine von meinem Vater an seine Eltern geschickte Photographie verliebt hätte. — Das Weitere können Sie sich denken. Er war ein edler, schöner Mann! — mein Sohn ist das Ebenbild seines Vaters." „Sie müssen glücklich gewesen sein - - unsäglich glücklich — —" „Ich bin glücklich gewesen, unaussprechlich glücklich an der Seite meines über alles geliebten Gatten. Obgleich er nicht die erste Neigung meines Herzens gewesen. Und so wird es auch Ihnen gehen, liebes Kind, trotz allem werden auch Sie noch an der Seite eines Ihrer würdigen Mannes des reinsten, höchsten Glückes sich erfreuen." Jsabella schüttelte abwehrend das schöne Haupt. „Ach, Sie verstehen nicht, Sie begreifen nicht —" „Doch, liebes Kind, doch, ich verstehe und begreife Sie vielleicht besser, als Sie selbst sich verstehen. Sehen Sie, liebes Kind, wir Juden haben viele Feinde, man sagt uns viel Böses nach, aber Eines können selbst unsere ärgsten Hasier nicht in Abrede stellen, daß das Familienleben der Juden im Durchschnitt weit inniger ist, als bei anderen Böllern, daß namentlich eheliche Liebe und Treue in dem Maße, wie bei Juden, bei keinem anderen Volke getroffen wird. Die Gattenliebe in der echt jüdischen Ehe wächst von Jahr zu Jahr, steigert sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, und von einem der größten Redner unseres Zeitalters habe ich bei dem Jubelfeste eines greisen Paares den Ausspruch gehört: Wohl selten bat ein Bräutigam seine Braut so geliebt, wie der siebzigjährige Greis die greise Gefährtin seiner Tage, die mit ihm getheilt des Lebens Freuden, die mit ihm getragen des Lebens Mühen, des Lebens Schmerz." „Und dennoch hat mein Onkel mich ausgelacht, als ich ihm erklärt habe, daß ich ihn lieber heirathen würde, als seinen Sohn, und Sie haben auch darüber gelacht," sagte Jsabella, einen scherzhaften Ton erzwingend. „Dieser Eiuwand ist Ihnen doch nicht Ernst, Fräulein, oder —" „Nein, Sie babeu Recht, ich wollte nur scherzen." In diesem Augenblicke ging die Wohnungsthüre. Hastig sprang Jsabella auf; sie hatte das Geräusch gehört und glaubte die Stimme des Hausherrn vernommen zu haben. „Die Lust ist heute drückend, ich fahre noch auf ein Stündchen in's Freie. Wenn die Kinder Zeit haben, könnten sie mit fahren. Wollen Sie dieselben hinunterschicken. liebe Frau Müller?" „Gern," erwiederte diese. „Das heißt Viktor hat, wie ich glaube, Unterricht, aber Selma wird glücklich sein, mit Fbnen fahren zu dürfen." „Schön, schön. Bitte, schicken Sie mir Selma baldmöglichst. Adieu! Adieu! — Auf Wiedersehen!" Naschen Schrittes verließ sie das Zimmer durch die Hauptthüre. Die alte Dame blickte ihr kopfschüttelnd nach. Das junge, schöne Mädchen, das sich ihr so vertrauensvoll angeschlossen hatte, war ihrem Kerzen theuer geworden, und dennoch wäre sie froh gewesen, wenn der vertrauliche Berkehr mit ihr aufgehört hätte. Aber die Kinder hingen an ihr, wie an einer lieben älteren Schwester, und selbst wenn sie ihn gesucht hätte, sie hätte keinen Vorwand finden können," den Verkehr auch nur zu beschränken. Kaum hatte Jsabella bas Zimmer verlassen, als durch eine Seitenthür Doktor Müller eintrat. „Guten Tag. liebe Mutter!" er blickte wie suchend umher, „war nicht Fräulein von Rauhenstein bei Dir?"

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