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Der Israelit · 1901-09-19 · Heft 74-75 (19.9.1901) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 74-75 (19.9.1901)
Date
1901-09-19
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1642 Wer noch nie eine ähnliche Anstalt besucht hat, tann sich kaum eine richtige Vorstellung machen von dem, was man hier wirklich zu sehen bekommt. Daher wollen wir im Folgenden versuchen, einige Bilder aus unserm Asyl, nur einen winzigen Theil der großen Summe des Elends, hier vorzuführen. 11 Rosa Gill, 44 Jahre alt, war einst ein glückliches Mädchen, hatte in Rußland ein Gymnasium besucht und eine gute Bildung genossen. Vor Gram wurde sie vor 20 Jahren wahnsinnig. Nachdem ihr alter, von Schmerz gebeugter Vater mehrere Psychiater in Europa vergebens konsultiert hatte, brachte er sie hoffnungslos hierher. Sie ist seit sechs Jahren in unserer Anstalt, und in ihrem Befinden ist bereits eine Besserung eingetreten. 2) Malke K., eine junge Frau, Mutter zweier Kinder, ist während des Wochenbettes in Folge einer in der Nachbarschaft plötzlich ausgebrochenen Feuersbrunft vor Schreck in einen trübsinnigen Zustand versetzt worden, der dann in Tobsucht ausartete. Diese Unglückliche befindet sich seit Gründung des Asyls in demselben und hat uns seitdem sehr viel zu schassen gemacht. 01 B. Josephsohn, aus der Kolonie Rehoboth, ist seit vier Jahren paralysiert. Nachdem ihre Kinder während dieser langen Zeitdauer vergebens alle Mittel angewendet, alle Aerzte zu Rathe gezogen und unsäglich viel von ihr gelitten hatten, wurde sie als unheilbar unserer Anstalt übergeben. Es ist herzerreißend, zu sehen, wie die arme Frau, die sonst bei vollem Verstände ist, ihre Wünsche ausdrücken und die an sie gerichteten Fragen beantworten möchte, und doch kein Glied rühren, ihre Zunge nicht bewegen kann. 4) Pesche Chabad. Sie stammt aus Rußland. Sie lebte in ihrer Heimath in guten Verhältnissen und war glückliche Mutter von sieben blühenden Kindern. Da brach das Unglück über sie herein. Ihre sämmtlichen sieben Kinder wurden ihr nacheinander vom grausamen , Tode entrissen. Der Vater folgte ihnen in's Grab. Das Geschäft ging zu Grunde, das Vermögen zerrann. Gebrochenen Herzens raffte sich die Unglückliche auf und zog nach Jerusalem, um hier auf den heiligen Stätten Trost und Linderung ihrer Schmerzen zu suchen. Der letzte Akt dieses schrecklichen Dramas spielt im Asyl. Zusammengekauert wird diese Unglückliche, ein menschliches Wrack, auf einem Tragstuhl in's Asyl gebracht. Ihre stumpfsinnigen Blicke stieren zum Boden. Ihr Leib ist voller Wunden und aus gräßliche Weise von Würmern und Ungeziefer zerfressen. Ist das die ehemalige glückliche Frau? Welche Ironie des Schicksals! Sollen wir in der Schilderung des Elends fortfahren? Wir glauben, es ist genug. Welche Qpfer nn Zeit, Geld und Mühe gehören nun dazu, um das Loos dieser Unglücklichen erträglicher zu machen. Wir unterlassen nichts, was ihre Leiden, wenn auch nur für wenige Stunden, erleichtern könnte. Dank der sorgfältigsten Pflege und liebevollen Behandlung, sind in dem Asyl für Unheilbare und Geisteskranke während seines sechsjährigen Bestehens 18 Pfleglinge vollständig genesen und konnten zu ihren früher verlassenen Kindern zurückkehren. Wir sind zu der Hoffnung berechtigt, daß das Asyl bei seinem fortschreitend guten Gedeihen sich allmählich zu einer Heilanstalt entwickeln werde, welche noch bedeutend schönere Resultate zeitigen wird. Dazu ist aber vor allem nöthig, daß die Anstalt ein eigenes Heim bekomme, dessen innere und äußere Einrichtung den Bedürfnissen entsprechen soll. Im verflossenen Berichtsjahre konnten wir bereits den ersten Schritt zur Realisierung unseres lange angestrebten Zieles machen, indem wir in gesunder Lage, fern vom Getriebe der Stadt, einen Bauplatz von 4600 Quadratmetern erworben haben. Bon den zur Verfügung gestandenen Mitteln des Bausonds ist nunmehr nur noch eine kleine Summe übrig geblieben, mit welcher wir jedoch den Neubau mit Gottes Hilfe in Kurzem beginnen wollen. Die zuversichtliche Hoffnung aus den Beistand des Allgütigen und die kräftigste Unterstützung seitens unserer edlen Glaubensgenossen, sowie derjenige Muth, mit dem tvir bis jetzt gegen alle Hindernisse angekämpst haben, diese beiden wichtigen Faktoren spornen uns au. tapfer an's Werk zu schreiten. Alle unsere Glaubensgenossen, die nie mit ihren generösen Gaben zurückhalten, wenn es gilt, unseren nothleidenden Mitmenschen zu helfen, werden auch zu diesem Werke — wir sind dessen überzeugt — gerne ihr SchLrflein beitragen. Die edlen Gönnerinnen und eifrigen Förderinnen 'unserer Institution, Frau B. Lewin-Brodsky in Karlsruhe, Frau Therese Gumpertz in Harnburg, Frau Hermann Gntmann in Stuttgart, sowie die im letzten Jahre für unsere Sache gervonnenen Wohlthäterinnen, Frau E. Rosenheim in Frankfurt a. M. und Frau James Lörve in London, deren unendlichem Bemühen die Anstalt ihre gedeihliche Entrvickelung zuiu großen Theile mit zu verdanken hat. rverden uns, roie bisher, hoffentlich auch im nächsten Jahre ihren kräftigen Beistand leihen, damit roir mit Gottes Hilfe den begonnenen Neubau wenigstens so weit fertigstellen, daß wir im nächsten Jahre die hohe Miethe sparen können. Die 'Anzahl der Kranken hat im verflossenen Berichtsjahre ztvischen 26 und 28 variirt. Darunter sind auch solche, die bereits in Europa vergebens Heilung gesucht baden. Von den Kranken sind acht tobsüchtig, fünf irr- resp. wahnsinnig, sechs gelähmt, drei sprachlos und gelähmt, zwei blind und gelähmt und einer stockblind. Wir tnaren bestrebt, allen an uns ergangenen Gesuchen um llnterstiitznng von Wöchnerinnen und armen Kranken zu genügen. 200 arme Wöchnerinnen wurden mit 706.28 Fres. und 70 Kranke mit 100.00 Fres. unterstützt

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