Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-09-19 · Heft 74-75 (19.9.1901) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 74-75 (19.9.1901)
Date
1901-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449218--54259-2504873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

48. Jahrgang. Jlf 74 & 75. Der Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. in IBtaiui. Donnerstag, den 19. September 5662 (1901). Da mit dem 1. Dctobcr 19<il ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnetttett darauf aufrnerksain zu machen, daß nametttlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1901 eingetragen unter Nr. 6762. Neu eintretende Abonnenten (Postabonneuten gegen Vorlage der Postguittung) erhalten das Blatt bis Ende dieses Monats gratis. Unsere nächste Nummer, wiederum eine Doppelnummer, erscheint de? heil. Bersöhnungstages wegen Donnerstag, den 26. September. Leitender Artikel. Dev große Styl in öer Gegenwart. IV. Die Orthodoxie muß den Beweis liefern, daß sie mehr, unendlich mehr ist, als eine ephemere Kampfpartei gegen die ephemere moderne Reform, und daß die Aufgabe der Orthodoxie nicht an Tod und Leben der Reform gebunden ist. Die Orthodoxie muß sich als die moderne Besinnung des Judenthums auf sich selbst erweisen! Es ist nicht ihre Schuld, wenn diese Selbstbesinnung gegen Personen in die Erscheinung tritt: das hängt von den Umständen ab. Wenn die Umstände es verlangen, muß die Selbstbesinnung des Judenthums als Kampf gegen Personen sich bethätigen; aber mit dem Verschwinden der Personen verschwindet nicht die Kraft, die die Form des Kampfes gegen Personen annahm, im Gegentheil: diese Kraft wird frei für neue, erhöhte, oder vielmehr für die alten, uralten, aber nie veraltenden, sondern ewig in allem Wechsel sich gleichbleibenden und stets sich verjüngenden Aufgaben des Judenthums als Religion des reinen Gottesbekenntniffes und der wahren Verbrüderung der Menschheit zum Dienste des Einig einzigen Vaters und der Erziehung des Menschen zu dieser Höhe gegenüber den nie ersterbenden, nie zum Schweigen zu bringenden Regungen der freien Menschenbrust, der Erziehung nach göttlichem Plane religionsgesetzlicher Lebensgestaltung des Judenthums. Diese uralte und ewig neue Aufgabe des Judenthums tritt mit dem Verschwinden der destruktiven Reforni wieder in ihre ungeschmälerte Rechte ein. Die Reform ist nicht mehr kampffähig, die Reform ist kampfesmüde, oder vielmehr: sie ist l e b e n s - in ü d e, der Kampf gegen die Reform hat nun aufgehört, eine würdige Bethätigung der Selbstbesinnung des Judenthums zu sein, jetzt muß innerhalb der Orthodoxie der Wettkampf der Geister zur Belebung des erschlaffenden Jnteresies entbrennen! Das erschlaffende Interesse ist eine Signatur unserer Zeit. Die moderne Lebensmüdigkeit, die „Decadence," ist eine Frucht, oder eine Erscheinungsform des allgemeinen Epigonenthums der Geister in der Gegenwart. Sie bedroht aber auch bas Judenthum, s i e bedroht auch die Orthodoxie: das ist die wichtige-Warnung, die ich der sorglosen Orthodoxie mit der Gewalt des Posaunentons zurufen möchte: hüten wir uns vor der Thorheit des Nachbars, der die Scheune des Nachbars mit Schadenfreude brennen sieht, bis endlich auch seine Scheune vom Brande ergriffen wird. Wir dürfen uns der Erkenntniß nicht verschließen, daß der religiöse Jndifferentismus, der ja die Reform zu Grabe getragen, eine große Gefahr des Judenthums überhaupt, also auch der Orthodoxie bildet. Die all-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.