Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1901)
- Date
- 1901-09-12
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449216--54228-2504840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sagte er leise: „O, mein Vater, Großes hast Du gesprochen und wie klein erscheine ich Dir gegenüber; ein erhabenes Ziel hast Du mir gezeigt; ich aber suhle mich zu schwach, es zu erreichen, ich kann es nicht." „Du mußt können," sagte der Rabbi, „Du mußt Dich bezwingen." Doch Jizchak schüttelte nur das Haupt. Finster brütete er vor sich hin, und finstere Sorge beschlich auch des Rabbi Herz. Da fuhr plötzlich Jizchak wild auf. „Nein," schrie er heftig, „das verlangt Gott nicht, nicht Er will, daß ich zwischen vier Wände mich einschließe und verkümmere, ich aber trenne Gott von dem harten Gesetz, Gott ist milde, liebevoll, das Gesetz aber." „Jizchak, Jizchak," rief warnend der Rabbi. Doch Jizchak hörte ihn nicht mehr, wie rasend fuhr er fort: „Ich hasse das Gesetz, das mich tödten will, ich aber laste mich nicht tödten, niemals wieder werde ich lernen, verflucht das Gesetz, ich .... " Warum verstummte plötzlich der Unglückliche, warum erstarb das Wort auf seinen Lippen, warum schaute er so starr auf seinen Vater? Der stand hochausgerichtet da, ein weiter Riß klaffte in seinem Rocke, die ausgestreckte Hand wies auf die Thüre. Leichenbläste überzog das Gesicht des Sohnes, langsam drehte er sich um und schritt hinaus in die Nacht: Er sah seinen Vater nicht wieder. Dieser stand noch immer. Eine Thräne perlte in seinem Auge, unaussprechlicher Schmerz, doch auch unaussprechlicher Stolz lag in seinem Gesichte; noch eine Minute, und er setzte sich, küßte das große Buch und begann wieder zu lernen in jener seltsamen Melodie, deren Ursprung man nicht kennt. Wir haben dem Leser in unserer kurzen Erzählung einen Seelenkampf zu schildern versucht, wie er gar häufig in den finsteren Zeiten des Mittelalters mag geführt worden sein. Tie Zeiten haben sich geändert, die Menschen sind aufgeklärter geworden, sie haben die Juden in ihre Reihen ausgenommen. Wenn aber auch die Pforten der Emanzipation sich noch nicht ganz geöffnet haben, wenn auch manche Berufszweige uns noch versagt sind, wir wollen unser Gesetz nur um so feuriger lieben, denn wofür die Väter freudig Marter und Tod erlitten, das wollen wir, die glücklicheren Enkel, nimmer verlassen! Tcihrzeit. Skizze von Rosa Ehrlich, Fransurt a. M. (Zu unserem Bilde.) Es war an einem Freitag Abend, mit welchem wie dieses Mal das neue Jahr begann. Einsam, in trübe Gedanken versunken, sitzt der alte Aaron Strauß in seinem Stübchen vor den Sabbatlichtern. Er weiß es wohl, daß man am Sabbat und Jomtauf nicht traurig sein soll, aber er fühlte sich gerade heute Abend doppelt verlaßen. Vor kaum einigen Monaten noch, da hatte seine Frau die Sabbatlichter angezündet und den Segen gesprochen. Jetzt war sie todt, die Einzige, welche Freude und Leid mit ihm getragen. Freude hatte es zwar im Uebermatze nicht, bei ihnen gegeben, sie waren arm, und die drei Kinder, welche ihnen Gott gegeben, waren ihnen auch früh wieder genommen worden. Aber so unglücklich hatte sich der alte Mann noch nie gefühlt, als seit dem Tage, der ihn einsam auf der Welt gemacht, seit Niemand mehr um ihn sorgte, und ihn nicht mehr die Pflicht, für Andere zu sorgen, an's Dasein band. In allen Kämpfen und Sorgen, welche ihm das Leben gebracht, hatte er Trost und Muth darin gefunden, daß er sie auch noch für ein anderes Wesen trug. Aber jetzt sehnte er sich nach Ruhe, denn war es der Mühe werth, alle Mühseligkeiten nur für sich allein zu tragen? Wenn er wenigstens nicht so arm wäre, und Anderen Wohlrhaten erzeigen könnte! Seufzend griff er nach dem Gebetbuch, welches vor ihm auf dem Tische lag und öffnete es. Ein kleines, dünnes Büchelchen fiel ihm daraus entgegen. Es war ein jüdischer Kalender. Einige Minuten sah der alte Mann sinnend darauf nieder, dann öffnete er ihn und drehte hastig einige Blätter um. Ja, hier war es, was er suchte, nächste Woche war der Jahrzeitstag für seine Mutter! Thronenden Auges blickte er auf den Kalender nieder, es war plötzlich wie eine Offenbarung über den einsamen Mann gekommen. Noch nie war ihm die Größe der Pflicht, für Diejenigen, welche ihm das Leben gegeben, um ewiges Leben zu bitten, so klar zum Bewußtsein gekommen, wie heute, in seiner Einsamkeit. Und wunderbar! Alle Bilder seines Lebens zogen an seinem geistigen Auge vorüber und leise flüsterte er: „Ich lebe noch für meine Eltern, auch wenn ich sie nicht mehr sehen kann. Wer das göttliche Gesetz nach besten Kräften erfüllt, ist kein unnützer Mensch, und kein Tag; seines Lebens ist zwecklos; — und ich bin trotz meiner Einsamkeit nicht verlassen. Verantwortliche Redacrion: Oscar Lebmann in Mainz. — Expedition deS .Israelit", Schottftraße Nr. 2, Mainz, nnd Verlag der Job. Wirth'ichen Hotbuchkruckerei Aetien-M*sellfkbo^ in Mainz.