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Der Israelit · 1901-09-12 · Heft 72 (12.9.1901) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 72 (12.9.1901)
Date
1901-09-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1LS2 und Mädchen in hohem Grade verbreitet ist? Das ist der Hauptgedanke dieses Aufsatzes und der Verfaffer desselben bezeichnet daher die Gründung des obengenannten Vereins voll Entrüstung „schamrotst" als „Jüdischer Judenhaß." Ich muß offen gestehen, daß ich mir weder diese Entrüstung, noch diese „Schamröthe" erklären kann. Die Liebe, die man für sein Volk hegt und die man seinem Volke auch schuldet, besteht nicht darin, daß man voll Hochachtung und Bewunderung für die Vorzüge dieses Volkes ist; die Mißstände aber, die in seiner Mitte auftauchen, sorgfältig zu verdecken und zu verhüllen sucht. Die wahre Liebe ist die, welche die Krankheiten des Volkskörpers zu verhüten und zu heilen sich zur Aufgabe setzt. Es hieße sich selbst betrügen und der Sache des Volkes einen sehr schlechten Dienst erweisen, wollte man leugnen, daß eine sehr große Anzahl jüdischer Frauen und Mädchen der Prostitution in die Arme fällt. Im nordwestlichen Rußland, in Polen, in den großen Städten Nord- und Südamerika's, findet man auf Schritt und Tritt jüdische Prostituirte. Es gibt sehr viele protestantische und katholische Vereine, die sich mit dem Schicksal dieser unglücklichen Frauen beschäftigen und ihnen auch oft die Möglichkeit gewähren, einen ehrbaren Lebenswandel wieder zu beginnen. Aber kein einziger jüdischer Wohlthätigkeitsverein hat bisher an die Prostituirten, die als Jüdinnen geboren und erzogen sind, gedacht. Hat ein jüdisches Mädchen einen Fehltritt gemacht, so ist sie für immer unrettbar verloren. Ihre Familie will von ihr nichts mehr wissen, aus ihrem Volke ist sie ausgestoßen, kein Mensch bekümmert sich mehr um sie, und sie sinkt von Tag zu Tag immer tiefer in den Schmutz und das Elend der Prostitution. Und hier wäre gerade ein so reiches und fruchtbares Gebiet für den Wohlthätigkeitssinn der jüdischen Frau. Die jüd. Frau sollte doch wißen, daß es ihre Schwester, die Töchter ihres eigenen Volkes sind, die so unglücklich und so elend sind. In Berlin kenne ich eine sehr geistreiche und hochgebildete Dame, die ihre ganze freie Zeit diesen bedauernswerthen Frauen widmet. Sie besucht sie in ihren Wohnungen, in den Krankenhäusern, sie bemüht sich, ihre Leiden und ihre Freuden zu verstehen; und es ist ihr auch gelungen, einige dieser Mädchen der Prostitution zu entreißen. Mit welcher Befriedigung habe ich sie von ihren Erfolgen auf diesem Gebiete, auf die sie mit vollem Recht stolz sein kann, sprechen hören? Ist auch nur eine einzige jüdische Frau dem Beispiel dieser muthigen und unerschrockenen Dame gefolgt? Nicht eine einzige hat bisher auf diesem Gebiete ihre Pflicht ihren bejammernswerthen Schwestern gegenüber erfüllt. Und was treibt denn die meisten jüdischen Frauen und Mädchen in die Arme der Prostitution? Diese Frage muß nicht etwa mit sentimentalen Entrüstungsphrasen, sondern streng-wissenschaftlich beantwortet werden. In den meisten Fällen sind es die Hungerlöhne, die den jüdischen Arbeiterinnen vo.r ihren jüdischen Arbeitgebern gezahlt werden. Wenn ich auch selbstverständlich jeden Arbeitgeber verurtheile, der seine Arbeiter und Arbeiterinnen ausbeutet, um sich schneller zu bereichern, so sind die Vorwürfe, die ich einem jüdischen Arbeitgeber mache, der in gleicher Weise seine jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen behandelt, noch viel schärfer und bitterer. Er, der jüdische Arbeitgeber, der einem Volke angehört, das im Laufe der Jahrhunderte so furchtbar unter der Ungerechtigkeit und der Ausbeutung zu leiden hatte, er sollte doch wissen, wie bitter es ist, Unrecht zu leiden. Und trotz alledem hat er all' die Lehren, die er aus der Geschichte seines eigenen Volkes ziehen könnte, vergessen und er scheut sich nicht, seine Macht dazu zu benutzen, um seine eigenen Brüder und Schwestern oft in furchtbarer Weise auszubeuten! So hat vor einiger Zeit in Dwinsk in einer Zündholzfabrik, dessen E i g e n t h ü m e r der F ü h r e r der D w i n s k e r Zionisten ist, ein Streik der Arbeiterinnen, die alle Jüdinnen sind, stattgefunden. Gerade die in der Zündholzfabrikation beschäftigten Arbeiterinnen, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit chemischen Produkten hantiren müssen, die für die Augen, für die Lungen, für den ganzen Körper durchaus schädlich sind, sollten doch wenigstens halbwegs anständig bezahlt werden. Was stellt sich nun heraus? Dieser Z i o n i st, der vielleicht in zionistischen Versammlungen von der Interessengemeinschaft aller Juden faselt, er hat seine jüdischen Arbeiterinnen, die nach einigen in seiner Fabrik verlebten Jahren siech und arbeitsunfähig werden, in der himmelschreiendsten Weise ausgebeutet. Solche Zustände sind des Volkes der Propheten unwürdig.. Und diese Zustände sind auch dafür verantwortlich zu machen, daß es eine so große Anzahl jüdischer Prostituirten gibt. Die Hauptaufgabe des Arztes ist es, Krankheiten, die etwa entstehen könnten, zu verhüten. Die Hauptaufgabe des obengenannten Vereins muß es daher sein, aus die jüdischen Arbeitgeber, die jüdische Arbeiterinnen beschäftigen, dahin zu tvirken, daß sic ihre Arbeiterinnen menschlich behandeln, und es ihnen ermöglichen, sich wenigstens satt zu essen, lind die jüdische Frau darf nicht vergessen, daß selbst die jüdischen Mädchen, die in Folge ihrer unglücklichen Lage der Prostitution anheimgefallen sind, es trotz alledem und alledem noch verdienen, daß man sich ihrer erbarme und mit ihnen Mitleid habe. Alle Männer und Frauen, die in diesem Sinne arbeiten, werden der Sache ihres Volkes und der Menschlichkeit einen großen Dienst erweisen. Man muß sich nicht entmuthigen lassen, wenn die Erfolge nicht im Verhältniß zu den Anstrengungen stehen. Aller Anfang ist schwer, und in lmio-nis volliise saf pst: es genügt, Großes gewollt zu haben. Man muß nur ernst wollen, unbmi/oir (restpouvoir. Pi-

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