Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1901)
- Date
- 1901-09-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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42. Jahrgang. Erste Anlage zu M 72 des „Israelit." Leitender Artikel Der große Styl in der Gegenwart. m. Was wir meinen, ist Folgendes: Wenn die Orthodoxie bisher die Ausgabe verfolgte, das alte, echte, traditionelle, gesetzestreue Judenthum gegenüber den drohenden Bestrebungen der Reform zu erhalten, so erwächst heute, da diese aufgehört hat, bedrohliche Lebenskraft zu besitzen, der Orthodoxie eine neue Aufgabe zu der alten hinzu: den Tod, den Schlaf, das Phlegma, den Jndifferentism u s im Judenthum zu bekämpfen. Bisher war das Uebermaß, der Uebermuth, der vor Nichts haltmachende Neuerungsdrang des modernen Subjektivismus, waren es die ungesunden, krankhaft sich ausbreitenden, bösartigen Gebilde, die durch fremdartige Ueberwucherung das Leben des Organismus bedrohten, was die Orthodoxie niederzuhalten, zu beseitigen, todt zu machen suchen mußte. Heute ist es das Gegentheil, ist es die Erschlaffung, die Müdigkeit, der Mangel an Rührigkeit, mit einem Worte: Die Gleichgültigkeit, die zu überwinden, aufzurütteln, zu beleben, aus dem Schlaf, aus dem Tod zu erwecken, die Orthodoxie als hochwichtige Aufgabe in's Auge fassen muß. Wir dürfen uns nicht täuschen: Wo Kampf i st, d a i st L e b e n; wo der Kampf aufhört, da ist das Leben zu Ende. Es liegt unendlich viel menschheitspsychologische Wahrheit in dem Wort des großen Staatsmannes: „Wenn ich keine Opposition hätte, so würde ich mir Opposition schaffen." Ich bin ja weit entfernt, eine Auferstehung der thatkräftigen, destruktiven Reform für wünschenswerth zu halten. Was wünschenswerth ist, das ist nicht der Kampf in der Krankheit, sondern der Kampf in der G e s u n dheit: der Wettkampf der Geister in großen, anziehenden, das Interesse aufrüttelnden, den Sturm der Kräfte zu erhöhter Leistungsfähigkeit entfesselnden Schöpfungen. Das jui'nna in verba magistvi ist ja in relrgionsgesetzlicher Hinsicht in Bezug auf die großen Lehrer unseres klassisch religiösen Alterthums in weitem Umfange Pflicht und Vorschrift: aber die Zeitgenossen untereinander müssen nach Selbstständigkeit, nach Originalität streben, denn nur die Originalität ist ein Baum des Lebens. Epigonenthum ist auch im religiösen Leben des Judenthums verhängnißvoll, weil Epigonentum langweilig ist, einschläfert, ertödtet. So lange die Reform lebendig und gefährlich war, da strotzte, und schäumte, und sprudelte es von Originalität, von origineller Genialität, sobald sich das traditionelle Judenthum auf sich selbst besonnen und gesammelt hatte. Orthodoxie ist Selbstbesinnung und Sammlung des echten Judenthums gegenüber der modernen Zerstreuung und Nachäffung des Fremden. Wer Geist nöthig hat, der hat Geist: gegenüber der übermüthigen, frischen Reform hatte die Orthodoxie Geist nöthig, war sich die Orthodoxie bewußt, Geist nöthig zu haben. Die Reform blendete, sie spiegelte Geist vor; ja sie hielt sich, sie gab sich aus für d e n Geist des Judenthums kat erochen, während sie das gesetzestreue Judenthum für veraltetes Zeremonien-Wesen, für gedankenlose Formen ausgab. Da traten die Begründer und Klassiker der modernen Orthodoxie auf und bewiesen durch die Thatsache ihres Auftretens und durch geniale, geist- und schwungvolle Leistungen, daß die Reform nichts weniger als den Geist des Judenthums in Erbpacht genommen — vielleicht überhaupt nicht den Geist, aber gewiß nicht den Geist des Judent h u m s. Mit überlegenem Geiste setzten sie die Welt in Erstaunen mit ihren Darstellungen vom Geiste des Judenthums. Das war ein mächtiger Wogenschlag von G e i st, der in den ersten Jahrzehnten die moderne Orthodoxie von Sieg zu Sieg führte. Der verhängnißvolle Jrrthum der Orthodoxie in unserer unmittelbaren Gegenwart ist die unglückselige Vorstellung: die Orthodoxie braucht keinen G e i st mehr, denn die Reform ist todt! Und ich sage im Gegentheil: die Orthodoxie braucht auch heute noch Geist, obgleich die Reform todt ist! Ja, ich gehe noch weiter: die Orthodoxie braucht heute erst recht und in viel höherem Maße Geist und Originalität und Größe, und überwältigende Erhabenheit, weil die Reform todt ist! So lange die Reform lebendig war, konnte man auf d e n Gebieten, auf denen die Reform die alten Bahnen wandelte: auf dem Gebiete der Philosophie, der Litteratur, der Poesie, und auch zum Theil der Geschichte, da, wo es sich um Thatsachen und nicht um Auffassungen und Beurteilungen handelte, auch von den Männern der Reform gewisse Beiträge und Leistungen zur Anregung des Interesses erwarten, wie ja der Kampf der Reform schon an sich einen, wenn auch nicht gerade wünschenswerthen Hebel des Interesses bildete. Heute ist die Reform todt, sie leistet gar nichts mehr: epigonenhafte Phrase ist alles, worin sie noch fortvegetirt. Darum muß die Orthodoxie heute groß und Leben und Interesse fördernd sein durch große, geistvolle, originelle, geniale Schöpfungen auf allen Gebieten des religiösen Denkens, Fühlens und Schaffens!