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Der Israelit · 1901-09-12 · Heft 72 (12.9.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 72 (12.9.1901)
Date
1901-09-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1581 „Ach, wie lieb von Ihnen, Frau Müller,'" sagte Frau Holm, „gehen Sie, Herr Doktor, in wenigen Minuten werden wir fertig sein." „Gut, ich werde in einigen Minuten wieder da sein," versetzte der Arzt und entfernte sich eilends. Die Begleiterin der Ohnmächtigen, die kraftlos in einem Sessel lehnte, stieß einen wimmernden Laut aus. „Er geht fort! — Der Herr Doktor geht fort!" „Er tvird sofort wieder hier sein," erwiederte seine Mutter, „und was augenblicklich zu thun ist, das können wir ebensogut lute er." In der Thal entledigten sich die beiden Frauen ihrer Aufgabe überaus rasch. Auch der Doktor war eben so rasch wieder unten. Mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit unternahm er das Erforderliche zur Wieaerbelebung der Ohnmächtigen, und kaum waren fünf Minuten verstrichen, als die Augenlider Zuckten;- wenige Minuten später öffneten sich ihre Augen vollends und mit dem Ausdrucke maßlosen Staunens blickten sie in dem ihnen unbekannten Raume umher. „Juanita," flüsterte sie, „wo sind wir?" Die Angeredete stieß einen Freudenschrei aus und umr im Begriff, sich über ihre junge Herrin zu werfen; der Arzt jedoch hielt sie mit Geivalt zurück. „Sie müssen sich mäßigen," sprach er in ziemlich strengem Ton, „Sie dürfen das Fräulein nicht aufregen, die junge Dame bedarf der Ruhe. — Sehen Sie, die Augen sind ihr wieder zugefallen, cs wäre das Beste, wenn sie ein Weilchen schlafen könnte. Wenn ich sicher wäre, daß Sie sich vollkommen ruhig verhalten und die Patientin — denn das ist Ihr Fräulein augenblicklich noch — in keiner Weise aufregen, so wäre es das Richtigste, wenn Sie mit ihr allein bleiben." „Herr Doktor können unbesorgt sein," betheuerte Juanita, indem sie die gefalteten Hände gegen die Brüll drückte, „kein Wort wird über meine Lippen kommen." „Dann wollen wir uns entfernen. Jst's gefällig, liebe Mutter? — Frau Holm, Sie kommen doch auch mit. Das Fräulein scheint zu schlummern und es ist besser, wenn sic beim Erwachen keine fremden Gesichter um sich sieht." „Geiviß gehe ich mit," sagte Frau Holm aufstehend, „und wenn Sie irgend etwas wünschen sollten, Frau Juanita, so drücken Sie nur dort auf den Schellenknopf, da ist gleich eines von den Mädchen da, oder ich komme selbst." „Und wenn Sie. was ich jedoch nicht glaube, irgend eine beunruhigende Veränderung wahrnehmen sollten, so lallen Sie es mich wissen," sagte der Doktor, „ich wohne hier oben im Hause und wäre dann sofort zur Stelle." Er grüßte leicht und verließ mit feiner Mutter und Frau Holm das Zimmer. Juanita rückte ihren Sessel möglichst nahe zu dem Bette, um die Schlummernde aufmerksam beobachten zu können; es war ihr heiliger Ernst mit dem Versprechen, daß kein Wort über ihre Lippen kommen sollte; — aber kaum hatte sich die Thüre hinter den sich Entfernenden geschloffen, als die Patientin die Augen wieder aufschlug und sie im Zimmer umherschweifen ließ. „Sind sie fort?" fragte sie im Flüsterton, „sage mir nur. Juanita, wer sind denn die Leute? — Die schöne alte Frau mit dem lieben Gesicht und der Herr — Du hast Herr Doktor zu ihm gesagt — was will denn der bei mir? — Bin ich denn krank?" „Ach du meine Güte! — ich darf ja nicht mit Ihnen sprechen, gnädiges Fräulein, der Herr Doktor hat's verboten, Sie sollten schlafen." „Aber warum denn? — so sprich doch, warum? — Bin ich denn krank?"- „Da sei Gott vor! Aber ich glaube, Sie sollen schlafen, damit Sie nicht krank werden." „Aber warum denn? was ist denn geschehen? und so sage mir doch, wo wir sind?" „Aber wissen Sie's denn nicht? Wir sind doch in H., sind gestern Abend mit dem letzten Zug hier angetommen —" „Ja, ja, ich erinnere mich, gestern spät am Abend sind wir angekommen und sind vorläufig im Kaiserhof abgestiegen— also sind wir hier im Kaiserhof?" „Es ist ein schweres Unrecht, daß ich mit Ihnen spreche, ich habe dem Herrn Doktor versprochen, es nicht zu thun, aber wenn Sie's durchaus wissen wollen —" „Gerviß will ich's wissen — und überdies, was kümmert Dich der Doktor?" „Was mich der Doktor kümmert? — Ach, gnädiges Fräulein, so dürfen Sie nicht reden, denn wo wären Sie, iveun der Doktor nicht wäre-" „Wirklich? — ich bin also krank gewesen?" „Aber nein! — Erinnern Sie sich denn an gar nichts? — - Wir sind doch in einem Boote gefahren, und auf einmal ist ein so starker Sturm gekommen, daß das Boot beinahe umgekippt wäre — und es ist beinahe voll Wasser gelaufen und hat nicht weiter fahren können — und da haben wir alle geschrien und die Taschentücher hoch in die Luft gehalten. Und da ist ein anderes Boot uns entgegengekommen, um uns Zu helfen, und da — auf einmal —" Schaudernd fyelt sie inne unb bedeckte die Augen mit der Hand. „Run, warum erzählst Du nicht weiter? — Was war da auf einmal?"- „Aber wissen Sie denn von gar nichts mehr? — Auf einmal sind Sie in's Wasser gefallen, und wenn der Herr Doktor Ihnen nicht nachgesprungen, so wären Sie sicherlich ertrunken." Das junge Mädchen stieß einen Schreckensruf aus und wechselte die Farbe; ihr Aussehen rechtfertigte volltommen die Anordnung des Arztes, der vollständige ' Ruhe geboten hatte, aber Juanita, einmal in's Reden gekommen, plauderte frisch daruf los.

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