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Der Israelit · 1901-09-05 · Heft 70 (5.9.1901) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 70 (5.9.1901)
Date
1901-09-05
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1552 Wohl kaum zu sagen, wie gerade hier die Giftsaat des Antisemitismus ihre Blüthen treibt. Ganz abgesehen von antisemitisch verseuchten Gegenden unseres lieben Vaterlandes, wo man offen den Warnruf ertönen läßt und immer wieder die „Lehre" einschärft: dient nicht bei Juden; auch in anderen, sozusagen bester gesinnten Gauen Deutschlands, hält es selbst gegen hohen Lohn oft schwer, christliche Dienstboten zum Eintritt bei jüdischen Herrschaften zu bewegen. Der latente Judenhaß wirkt hier mit, und der ist zuweilen gefährlicher, als der Radau-Antisemitismus. Und welch' hohen Lohn muß nicht oft eine israelitische Familie zahlen, welche Zugeständnisse machen für die mannigfachsten Dienstleistungen im Hause, für die freie Zeit, für Sonntage und Feiertage, Zugeständnisse, die man bei christlichen Herrschaften weder verlangen, noch erlangen würde. Es sind mir Fälle bekannt, wo das Dienstmädchen zu Weihnachten 50 Mark als Geschenk bekam. Der Dank war natürlich nicht der Größe des Geschenkes entsprechend: „Die reichen Juden können sich das ja leisten." Dem gegenüber fragt es sich doch endlich, ob nicht ein Akt der ehrenvollen Selbsthilfe hier am Platze sei!? Die Herren Antisemiten werden wob! nichts dagegen einzuwenden haben, wenn wir ihrer freundlichen Devise gerecht zu werden suchen und sagen: Wir Juden wollen unsere Arbeit durch Juden thun lassen, so zwar, daß damit noch ein edles Werk zu Stande kommt. Der Antisemitismus hätte stch dann wieder einmal als einen Theil jener Kraft erwiesen, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Zu dem Ende erlaube ich mir folgenden Vorschlag! der großen OeNentlichkeit zu unterbreiten. Es könnten > für die Juden Deutschlands — so viel ist sicher — noch I Tausende von Dienstboten Verwendung finden. j Könnte man nun d i e s e T a u s e n d e nicht > a n £■ Der Reihe unserer jüdischen j G l a u b e n s b r ü d e r i n R u ß l a n d ober Sat lizien n e h in e n? Würde man nicht, auf d i e s e W e i s e ein höchst e d l e s H i l f s - , werk schaffen oder fördern? Könnte man nicht damit der großen Mizwoh von - in schönster Farm genügen? Und wer würde nicht eher , einem jüdischen Mädchen 200 Mk. Lohn zahlen, als einem antisemitischen Dienstboten 150 Mk.? Unter unseren im weiten Osten wohnenden Glaubensbrüdern finden sich mehr arbeitsfähige, aber auch a r b e i t s - f r o h e Kräfte, als bei uns der Bedarf erfordert. Das Ganze bedarf nur der Organisation. Freilich dürfen wir uns dabei nicht von antisemitischen Soldschreibern und Soldschreiern irre machen lasten, nach dem einfachen Grundsätze: Thue Recht und scheue Niemand! Und unfern Gegnern ist ja ohnehin nichts recht zu machen. Doch zur Hauptsache: Wie soll das Ganze organisirt!v erden? höre ich viele fragen. Hat die Sache nicht ihre großen Schwierigkeiten? Könnten rustische Mädchen, jeder deutschen Bildung bar, an Land, Sprache, Sitten und gesellschaftlichen Umgang nicht gewöhnt, bei uns überhaupt Eingang finden? Würde nicht so mancher schon im Interesse seiner Kindererziehung davon absehen wollen? Zur Regelung all' dieser Fragen habe ich mir die Sache so ausgedacht: Es müßte ein sog. „Auslieferungstomitee" in Rußland sich begründen, zusammengesetzt aus bewährten, ebenso moralisch zuverlästigen, als praktisch geschulten Männern, die nach planmäßig festgelegten Forderungen und Anforderungen die entsprechenden Arbeitskräfte nach Deutschland vermitteln. Mehrere Komitees in Deutschland — der geographischen Ausdehnung Rechnung tragend, etwa in Berlin, Frankfurt a. M.. Stuttgart oder München — müßten die Ausbildung solcher Mädchen nach oben erwähnten Richtungen bethätigen, sie sozusagen germ a n i s i r e n. Eine Art H a u s h altungsschule rn i t e t ft» a halbjähriger Einst b u n g s - oder Lehrzeit dürfte im allgemeinen genügen, für den deutschen S t e l l e n d i e n st vorzubereiten. Der Plan ginge nicht einmal — wie man zu sagen pflegt — in's Blaue. Bei dem trotz der neuen Dienstbotenordnung nur allzu häufigen Stellenwechsel dürfte eine sonoirende Umfrage bei jüdischen Familien für die Frist eines Jahres Hunderte von Stellenangeboten ergeben. Das wäre schon ein Material als Unterlage für das Unternehmen. Von den .Komitees aus wäre dann auch die Stellenvermittelung im engeren Sinne zu betreiben, um sowohl den Ansprüchen der Herrschaften, wie den Leistungsfähigkeiten der Dienstsuchenden vollauf gerecht zu werden. Um auch den Schein eines sogenannten Mädchenschachers zu vermeiden, um auch den Schatten eines Verdachtes in dieser Beziehung nicht aufkommen zu lasten, würde sich nach angetretenem Dienste noch eine Art Kontrole empfehlen, ausgeübt durch die Komitees. Diese Kontrole hätte sich auf die Herrschaften sowohl, als auch aus die Dienenden zu beziehen und zwar im Jntereste beider, besonders wenn für gute Führung eine kleine Prämie ausgesetzt würde. Doch soll für heute der Gedanke nicht bis in seine Details ausgeführt werden. Ich wollte nur die Anregung geben, die Grundlinien zeichnen, auf denen Berufenere weiter bauen könnten. Die Frage ist akut, der Zweck ein edler und die Ausführung nicht allzufchwer. Die verehrl. Redaktion dieser gesch. Bl. wird gewiß gerne der Diskustion darüber Raum gewähren. (Ja. Red.)

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