Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1901)
- Date
- 1901-08-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449212--54119-2504727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1505 imposante Stellungnahme des Rostocker Verbandstages der deutschen Fleischer-Innungen stachelte ihn zu wahrhaften Wuth-Ansällen, denen er in der von ihm herausgegebenen „Thier-Börse" Luft macht. Das ist begreiflich genug! Wurde ja Herr Behringer nicht müde, den unbequemen Gutachten der fachwifsenschaftlichen Autoriläten, der Physiologen und Veterinäre, die „allein maßgebenden" Urtheile der „Praktiker," „die das Schachten aus eigener, unmittelbarer Beobachtung rennen," gegenüberzustellen! Und nun mußte er den Schmerz erleben, daß diese „Praktiker" ihm so gründlich das Concept verdarben, daß sie das Ansinnen, seinen schächtfeindlichen Gelüsten Vorspanndienste zu leisten, so kräftig zurückwiesen! Um das Gewicht dieser schniählichen Niederlage abzuschwächen, wurde in der antisemitischen Presse das Stichwort ausgegeben, daß der Beschluß des Rostocker Verbandstages nicht der Meinungsaustausch der deutschen Fleischer-Innungen sei, welche vielmehr in ihrer überwiegenden Mehrheit das Schächten als „scheußliche Thierquälerei" betrachten und unterdrückt zu sehen wünschen. So wenig diese Albernheit ernst genommen zu werden verdient, erscheint es dennoch angebracht, auch die neueste Verlegenheits- Ausflucht nicht unwidersprochen zu lassen, und von dieser zutreffenden Ansicht geleitet, wandte sich Herr Rabbiner Dr. Kopfstein an den Vorstand der hiesigen Fleischer-Innung, welcher seinem Ersuchen um eine gutachtliche Aeußerung über das Schächten mit nachstehender Kundgebung Folge leistete, die Hrn. Behringer und Genossen wenig Freude bereiten dürfte: Freie Beuthen O.-S., 6. Aug. 1901. Fleischer-Innung. Herr Rabbiner Dr. Kopfstein hier ersuchte uns um ein Gutachten über das rituelle Schächten, welches wir in Nachstehendem abgeben: Am 28. Juli d. I. hielt die „Freie Fleischer- Innung Beuthen O.-S." ihre Quartal- und General- Versammlung ab, welche von achtzig Mitgliedern besucht war. Auf der Tagesordnung stand u. A.: „Abgabe eines Gutachtens über das rituelle Schächten für die jüdische Gemeinde." Nach kurzer Debatte waren sämmtliche achtzig anwesende Innung s m e i st e r sich darüber einig, daß bei genügenden Vorrichtungen zum Werfen der Thiere „d a 2 Schächten die beste und schmerzloseste Tödtungsart der Schlachtthiere i st." Durch den Halsschnitt, mit einem haarscharfen Messer ausgesühri, entleeren sich sofort die Hauptblutorgane und der Tod triti so f o r t ein. Ferner ist das Schächten nicht nur die schnellste -Tödtungsart; es fällt noch in's Gewicht, daß das FleAch eines geschächteten Thieres sich im Sommer 2— 3 Tage länger hält, als das Fleisch eines geschlagenen Thieres. Das Aussehen des Fleisches ist frischer und gesünder, auch ist es zarter und schmeckt bester. Die meisten hiesigen Jnnungsmeister lasten namentlich an schwerem Vieh, auch wenn es nicht in Consum der jüdischen Gemeinde kommt, durch den jüdischen Kultusbeamten den Halsschnitt vollziehen. Nach langjährigen Erfahrungen in verschiedenen Arten von Schlachtungen geben wir gern das Gutachten ab: „daß der Hals schnitt ohne vorherige Betäubung allen anderen Sch lacht Methoden vozu ziehen ist." Der Vorstand d. „Fr. Fleischer-Innung Beuthen O.-S. Jakob P a i k e r t, Obermeister, Joh. K i r s ch n i d , Jos. Michallik, Paul Marry, JNawrath. O e st e r r e i ch. Wien, im Aug. (Rohheit antisemitischer M o n a r ch i st e n.) Ein Artikel der „Ostdeutsch. Rundschau," das Hauptorgan der antisemitischen „Alldeutschen" in Oesterreich, hat über den Tod der Kaiserin Friedrich einen Artikel gebracht, der so gemein gehalten ist, und derartig von den schmutzigsten und frechsten Schimpfworten wimmelt, daß wir ihn auch nur andeutungsweise wiedergeben können. Diese bodenlose Gefühlsrohheit ist um so eckelerregender, als sie sich kundthat in dem Augenblick, in dem die edle Dulderin eben erst die Augen geschlossen hatte und ihre Leiche noch über der Erde war. Da sollte sich dieses Gesindes doch ein Muster an der sozialdemokratischen Presse nehmen. Trotz der bekannten Stellung der Sozialdemokraten der Monarchie gegenüber schrieb der Abg. Auer nach den 99 Tagen im „Berliner Volksblatt." dem Vorgänger des „Vorwärts," als die „nationale" Presse Deutschlands ähnliche Schmutzigkeiten beging, wie jetzt die alldeutschen „Brüder" in Oesterreich, Folgendes: „Das bis zum Tode getreue und hingebende Weib bleibt immer ein erhabener Anblick, ob es uns im Palaste oder in der Hütte begegnet," und heute lesen wir in einem sozialdemokratischen Blatte: „Der Frau, die standhaft schwerste Leiden getragen bat, zollen wir auch heute menschliche Sympathie." Rußland. Warschau. Angesichts der erfolgten weiteren Beschränkung der Aufnahme von Juden in die mittleren Lehranstalten Rußlands wird, nach Mittheilung der Warschauer Blätter, inmitten der Warschauer Finanzleute die Errichtung einer mittleren Lehranstalt aus Privatmitteln für Juden geplant, die nicht in den ministeriellen Gymnasien Aufnahme gefunden haben. Die Warschauer Juden hatten sich zuvor an Lehranstalten des Auslandes gewandt, in der Absicht, ihre Kinder dort unterzubringen. Hierbei ist aus Frankreich die Antwort eingegangen, daß an eine Aufnahme fremdländischer Schüler in die französischen staatlichen Anstalten nicht zu denken sei, da die Aufnahme solcher Schüler schon in nächster Zeit eine beschränkte werden würde. —