Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1901)
- Date
- 1901-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Erste Anlage zu M 68 des „Israelit." Leitender Artikel. jüdischer Judenhaß. Non onnck. phil Hermann Klein—Bcrn. (Äö iiibi Rtenschen, die überall mir die Schaltern feilen sehen, die hinter der glänzendsten Hülle das verborgene (Ztend wahrnehmen, die einen geschärften Blick für die Nachtseiten des Lebens haben. Diese Menschen sind oft die unglücklichsten Wesen, denn sie verlernen es nach und nach, an eine Besseriiiigsmöglichkeit zu glauben, und ihre Verzweiflung am Menschen schlägt gewöhnlich in einen glühenden Menschenhaß um. Wir sind uns bewußt, nicht zu diesen Menschen zu gehören, inen»; auch uns leider nur zu oft das Häßliche in die Augen springt. Wir schildern das Häßliche nicht aus Freude au ihm, und auch nicht deßhalb, weil wir der Ueberzeugung leben, daß es mit uns immer bergab gehen müsse, sondern weil wir im Gegentheil dec Meinung sind, daß man oft durch ein einziges Wort, durch einen Hinweis auf eine Unsitte zur Beseitigung derselben viel beitragen könne. Wir haben unlängst in diesen Blättern über die fürchterliche Unklarheit, die über das Wesen des Judenthums herrscht, geklagt. Dieser Unklarheit über Sein und Wesen des Juden t h u m s läuft eine solche über das Welen der Juden h e i t parallel. Nur Unwissenheit kann die Quelle der Veranlassung und des Hasses sein, mit denen Juden oftmals ihre Brüder verfolgen. Die Juden der westlichen Länder verrathen die Juden des Qstens; der „Pollak" ist dem gebildeten Hilden der Inbegriff aller Niedrigkeit, Unredlichkeit und Schmutzigkeit. Wie oft hört man nicht Juden j über die elenden, haßerfüllten und dummen „Pollacken- > nütze" der von Juden erhaltenen und zumeist auch redigirten Witzblätter lachen, als ob sie in direkter Linie iwn Hermann und Thusnelda abstammen würden, als ob nicht sie das Modell zu den verzerrten Judenbildern geliefert hätten. Es ist leider eine Verwirrung der Begriffe eingetreten, die den Bruder den Bruder nicht mehr kennen läßt, und wie ungeheure Dimensionen diese Verwirrung angenommen hat, kann nur derjenige wissen, der sich die Mühe genommen hat, das Leben und Treiben unserer östlichen Brüder im Westen genau ’,u beobachten. Diese Aermsten der Armen, die durch; die Rohheit der Herren von der heimathlichen Scholle "! vertriebet-.wurden'; finden Üttch im'Westen keinen Ort, { der ihnen die Heimath ersetzen sollte. Litten sie in der ' Heimath durch den Haß des Pöbels, so leiden sie in der 1 Fremde doppelt, einmal von den Nichtjuden, zweitens — die Feder sträubt sich, diese traurige Wahrheit niederzuschreiben — von ihren Brüdern, die ihnen mit feindseligem Mißtrauen entgegenkommen. Man hat diese Armen schon dahin gebracht, daß sie selbst an sich verzweifeln, sie glauben fast schon selbst, daß sic inferiore Wesen sind. Wenn man ihnen Wohlthaten eriveist, so geschieht dies in einer solchen demüthigenden Weise, daß die Wohlthat in ihr Gegentheil umschlägt. Ich kenne einige Männer und Frauen, denen das Loos ihrer Brüder nicht gleichgiltig ist, die vielmehr bestrebt sind, die Noth der Armen zu lindern, und doch haben sie etwas geradezu Ungeheuerliches gethan. Von falschen Nathgebern verführt, gründeten vor einigen Jahren einige Männer und Frauen, deren reine Absichten ich nicht bezweifeln möchte, in einer süddeutschen Stadt einen „Verein zur Steuerung der Unsittlichkeit unter den galizisch-jüdischeu Frauen und Mädchen." — Die Schamröthe steigt mir in's Gesicht, wenn ich daran denke, Inas wohl unsere Feinde zu einem solchen Vereine sagen. Es sind Juden, die diesen Verein gegründet haben, Juden sind Mitglieder dieses Vereins, wenn auch nicht diejenigen Juden, die unsere Gesinnungsgenossen sind, die mit uns für die Erhaltung und Erstarkung des alten Judenthums kämpfen. Diese wären und sind auch nicht fähig, einen solchen Verein, der allem iüdischen Denken und Fühlen Hohn spricht, der der alten jüdischen Wohlthätigkeit in's Gesicht schlägt, zu unterstützen. Man bedenke wohl, jüdische Männer und Frauen haben es für nöthig gefunden, sich zu einem Vereine zusammenzuthun. um ihre östlichen Schwestern der Unsittlichkcit zu zeihen. Was sollen nun unsere Feinde, die ja ohnehin alles zu zentralisiren gewohnt sind, zu einem solchen Vereine sagen? Haben sie dann nicht das Reckt, von einer spezifisch jüdischen Unsittlichkeit zu sprechen? Gewiß haben sie es, ebenso wie diese Juden es haben, von einer galizischjüdischen Unsittlichkeit zu sprechen. Die Unsittlichkeit ist international und ich könnte dem Vereine ein weit ersprießlicheres Thätigkeitsfeld anweisen. Es ist beschämend für uns, wenn wir es recht sagen müssen, daß ein solcher Verein nur antisemitischen Regungen seine Entstehung verdankt, daß für einen solchen Verein Rektor Ahlwardt der passendste Präsident wäre. Wenn wir nun nach den Ursachen forschen, die eine solche Entfremdung unter uns Juden hervorgerufen haben, so sind es vornehmlich zwei, die sich uns aufdrängen, wie es ja auch zweierlei Gründe sind, die die westlichen Juden je, ihrer PgrteMsspmgM^.gL/^nd machen. lHie Est^ir 1' mochten sehr gerne daran vergessen, daß sie Juden sind und noch lieber hätten sie es. wenn die Anderen daran vergäßen. Diese wünschen, daß die Juden überhaupt verschwinden sollen, nun