Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1901)
- Date
- 1901-08-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449212--54107-2504715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*•>» . jij.iiiiy.iiBj-^Vr1 1493 Lippen entschlüpft war. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er in seinem Geständniß fort: „Ja, ich liebe Sie mehr als mein Leben, und dennoch dürfen Sie nie die Meine werden. Einsam und freudlos werde ich den Weg durch's Leben zurücklegen, meinem heiligen Berufe, meiner Menschenpslicht allein lebend, doch niemals tonnen Sie mein Weib werden. Ich bin der Sohn eines strenggläubigen Juden und eines Geistes, eines Sinnes mit meinem frommen Va ter, Nie tann eine Andersgläubige mein Weib wer oen. Das Judenthum öffnet nur jenen feine Arme, die ans tiefer, innerer Ueberzeugung, aus reiner Liebe für seinen Glauben in seinem Schoße Aufnahme suchen. Die Liebe aber, so allgewaltig sie auch sein möge, ihre Motive sind niemals rein, heilig, edel genug,, um die Glaubensgemeinde zu vergrößern. Ich wußte, daß meine Liebe hoffnungslos, — und es ist ja des Menschen Bestimmung, seine Wünsche und Hoffnungen, seine Leidenschaften einem höheren Willen unterzuordnen, dennoch mußte ich Ihnen diese gestehen, nur durch mein Schweigen nicht den Glauben zu erwecken, daß ich ein leichtfertig Spiel mit Ihnen treibe, was ja lräulender wäre, als dieses offene Wort." Das junge Mädchen kämpfte mit einer tiefen, inneren Rührung, mit großer Mühe nur tonnte sie ihre Thränen zurückdrängen, dann erwiederte sie gefaßt: „Auch ich liebe Sie! Sie haben sich in meinen Einpfindungen nicht getäuscht. Und wenn ich auch nicht so fest und unerschütterlich an meinem Glauben hafte uüe Sie, doch niemals würde ich den Glauben, in dem meine Mutter mich geboren, von mir werfen, selbst um das Glück meines Lebens nicht. Der Glaube muß auch für den Zweifler, selbst für den Ungläubigen, ein heiliges Gut sein, welches niemals mit irdischen Händen angetastet werden darf: der Glaube, in dem man geboren, man darf ihn nicht von sich werfen, auch wider seine bessere Ueberzeugung nicht." Still und geräuschlos, voll tiefer, innerer Trauer, entfernte sich Dr. Schapira, ohne auch nur zu versuchen, Helene die Hand zu drücken. Auch Helene war tief bewegt, und sie suchte ihr Zimmer auf, nachdem sie bei der Hausfrau heftige .Kopfschmerzen, vorschützend, für den weiteren Theil des Abends entschuldigt worden. II. Zur selben Stunde, als diese Szene sich im Garten des Hofbankiers sich abspielte — es war in der Sefirazeit des Jahres 66 . . saß der fromme und hochgelehrte Rabbi Wolf Schapira, der Vater des jungen Ebirurgen, in seinem Studirzimmer über seine Folianten gebeugt. Das Meer des Talmuds war der Quell, in dem er untertauchte, seine Stirne war in Falten gezogen: tief und. ernst dachte er über eine schwierrg^FnM'7r6ch7 endlich war das Problem gelöst. Da ertönten von der nahen Thurmuhr zwölf Schläge, der Rabbi seufzte aus tiefer Brust und erhob sich von seinem Sitze. Er zog sich die Schuhe von seinen Füßen, wusch die Hände und fetzte sich auf die Erde, um ein Klagelied über die Zerstörung der Gottesstadt anzustimmen. Thränen rieselten über die Wangen und den grauen Bart. Es war eine tiefernste Trauer, die sich seiner bemächtigte. „An den Strömen Babels saßen loir und weinten, vergäß ich dein, Jerusalem, dann dorre meine Rechte." Die Gebete, die Klagen, Die Thränen, die Seufzer, dem frommen Rabbi kamen sie ans. Herzengrund. Tief gebeugt saß er da. das große Gebetbuch auf seinen Knieen haltend. Die hoheitsvolle, ehrwürdige Gestalt war in so tiefe Trauer versunken, daß das Haupt fall den Fußboden berührte; der Oberkörper schaukelte und wiegte sich hin und her, konvulsivisch zuckte es durch den ganzen Leib: aber das geistsprühende, wenn auch thränenumflorte schwarze Auge verlieh der zusammengekauerten Jammergestalt den Nimbus des Hohen, Durchgeistigten, Göttlichen. Wenn das Streben nach Gutem, Edlen und Göttlichem im Aeußern des Menschen sich abspiegelt, so war es in diesem Augenblicke bei Rabbi Wolf der Fall. Rabbi Wolf war allein mit seinem Gotte, allein mit feinem Schmerze und an seinem Geiste zog vorüber all das schwere Leid und Herzweh, all die Roth und die Drangsale, die Israel auf seiner Wanderung durch die Jahrhunderte widerfahren, die einer Wanderung durch öde, wüste Steppen geglichen. All' die bluttriefenden Blätter der Geschichte Israels tauchten vor seinem Geiste auf: „Ach, vergiß uns doch nicht auf immer, Du Hort und Hüter Israels, der Du der Feinde Wurfgeschosse von Deinem schwergeprüften Volke zu allen Zeiten abgewehrt!" Lange, lange saß der Rabbi in andächtigem Gebete versunken, dann erhob er sich von der Erde. Ein mildes Lächeln umspielte die Lippen: er hatte im Gebete Trost und Seelenfrieden gefunden. Rabbi Wolf setzte sich abermals zu seinen Folianten, allein diesmal gelang es ihm nicht, sich darin zu vertiefen: unruhig ging er in seinem Zimmer auf und ab. Moses war heute nicht znm Lernen gekommen, seit einigen Wochen schon war er merklich verstimmt, beim täglichen Lernen nicht so recht bei der Sache, und das gab dem Rabbi zu denken. Allein seine Gedanken blieben bei dem Sohne nicht sieben, sein Blick schweifte weiter zurück, die Vergangenbeit rollte sich vor seinem geistigen Auge auf. Er sab sich wieder zu Füßen des großen Lehrers und Meisters auf der bäuerischen Jesckübah, erinnerte sich, wie er vor drei Dezennien als Fünfundzwanzigjähriger den Rabbinatssitz zu D. bezog, den er setzt noch verwaltete. Wer aber den Fünfundfijnszigjähriae^ so im Zimmer .imr . herirress sabjWrÄW"^W?H^ haÜU.'" "'Sbie1 Tinte, die Moscheh Rabbenu in der Feder zurückgelassen, die Erforschung des Gesetzes, die Erhaltung