Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 66 (22.8.1901)
- Date
- 1901-08-22
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Die erziehliche Thätigkeit der Alliance Israelite Universelle. Von Dr. Arnold Ascher. (IV. Fortsetzung.*) Das sind allerdings vorzügliche Anleitungen, wird man sagen; wie verhält es sich aber in Wirklichkeit mit den Resultaten der Erziehung? Nun darf man vor Allem nicht vergessen, dass sich das Netz der Alliance-Schulen über eine Bevölkerung von 500,000 Seelen ausdehnt, und die Schulen erst seit verhältnissmässig kurzer Zeit bestehen, während man doch mindestens den Wechsel einer Generation abwarten müsste, um greifbare Resultate wahrnehmen zu können; ferner, dass in den Ländern, in denen Schulen gegründet wurden, erst Alles herbeigeschafft werden musste: Immobilien, Mobilien und Material, ja, es mussten sogar die Lehrer, welche den neuen Ideen den Weg bahnen sollten, erst herangebildet werden. Man sollte doch bedenken, welch’ ein schwerer Kampf mit einer Bevölkerung ausgekämpft werden musste, welcher der blosse Gedanke an eine Schule, wie nicht selten, bis zur Feindseligkeit gesteigertes Misstrauen einflösste. War ja die Alliance anfangs geächtet von Rabbinern, deren Vorurtheil oder Interesse die Verewigung der altherkömmlichen Unwissenheit anstrebten! Vergegenwärtigt man sich alle diese Hindernisse und Schwierigkeiten, so wird man über die bereits erzielten Resultate staunen. Ein Aufsatz eines fünfzehnjährigen Knaben aus der obersten Klasse der Schule zu Adrianopel, aus welchem wir hier einen Theil wiedergeben, erklärt dies am besten. Der Aufsatz ist überschrieben: „Die Leiden wirken oft verbessernd auf die Individuen, und durch Verfolgungen erstarken die von ihnen heimgesuchten Völker." Hier die Ausführung dieses Gedankens: „Mit unheilbaren Krankheiten behaftete Personen, sowie Individuen, welche begangene Verbrechen in Zwangsarbeiten abbüssen müssen, solche, welche dem Elende verfallen, werden durch die ausgestandenen Leiden gebessert. In Russland werden beispielsweise Verurtheilte nach Sibirien verbannt, woselbst sie den Acker zu bebauen gezwungen sind. Was zeigt sich da? Nach Verlauf einiger Zeit gewöhnen sich die Verbannten an die Arbeit, und ihre Besserung schreitet vor. Es wäre in der That der Mühe werth, den Ursachen nachzuspähen, welche edlere Gefühle in diesen grausamen Menschen wachrufen. Sie waren eben gewöhnt zu stehlen, oder sich durch Gewalt das Nöthige *) S. Nr. 780. zu verschaffen. Nun aber, sich selbst überlassen, lernen sie die Nützlichkeit der Arbeit kennen, und beginnen zu begreifen, warum sich so viele Menschen solche Mühe geben, Dinge zu verfertigen, die ihnen nothwendig. So werden sie allmählich nützliche und rechtschaffene Bürger. —--— — —- „Die Hebräer hatten sich in der Leidensschule in Egypten herangebildet, und konnten in der Folge alle Entbehrungen ertragen. — Die Schmerzen und Leiden erzeugen im Menschen gewisse Tugenden, vorzüglich aber jene der Güte, so dass sie dem Elende und den Verfolgungen, von welchen ihre Brüder heimgesucht werden, nicht mit Gleichmuth Zusehen können, sondern ihnen mit Freuden Hilfe und Unterstützung entgegenbringen. Wie in einer Familie die Bruderliebe reger wird und die Bande derselben sich enger Zusammenschlüssen, wenn das Schicksal ein Glied aus demselben reisst, verhält es sich ähnlich bei ganzen Völkern. Auch diese schliessen sich bei drohenden Verfolgungen enger aneinander, und reger und inniger wird ihr Empfinden für die Freiheit und den Glauben. So bewährten sich denn die Verfolgungen im Völkerleben wiederholt als eine Wohlthat. Sie schützten Nationen vor dem Untergange. In einem ähnlichen Falle befindet sich Israel, welches unterjocht, zerstreut, verfolgt und jeder Lebenssicherheit beraubt, seinen Fortbestand dem engen Zusammenhalten verdankt. „Das Bindemittel aber war die Religion, deren erhabene Moral die Seelen der Israeliten kräftigte, deren hygienische Gesetze die Körper wunderbar stählten. Die Verfolgungen, denen dieses Volk ausgesetzt war, sind zahlreich. Je mehr sie aber verfolgt wurden, je enger man sie in den Ghetti einschloss, desto stolzer hob sich ihre Brust, Juden zu sein. Die ganze jüdische Geschichte bildet lediglich eine Märtyrergeschichte. Das Mittelalter ist von ihrem Blute getränkt. Alle die zahlreichen, für den Glauben gefallenen Märtyrer stärkten den Muth der Nation, dass sie alles Ungemach, alle Verleumdungen u. Verfolgungen zu ertragen fähig wurde.“ Nicht minder charakteristisch sind die folgenden Auszüge aus Aufsätzen, welche in den Schulen von Konstantinopel und Damaskus im Jahre 1898 verfasst wurden. Das Thema lautet: „Haben wir Ursache, darauf stolz zu sein, dass wir Israeliten sind?“ (Fortsetzung folgt.) Druck der J o k. Wirt h’scheu Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschatt, Mainz.