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Der Israelit · 1901-08-19 · Heft 65 (19.8.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 65 (19.8.1901)
Date
1901-08-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1437 schlagen, und schon züngelten die Flammen aus dem Innern heraus; Jsak und seine Frau aber lagen ermordet — zertreten — vor dem Haus. Die Bestien hatten Blut geleckt. „Auf zur Judenschul!" Der Haufe wälzte sich zur Synagoge, wo die Gemeinde betend versammelt war. Auch hier begann alsbald Vas Zerftörungswerk. Schon wurden die Thüren erbrochen, die Fenster zertrümmert, schon flogen Steine -da sprengte der Graf heran. Er hatte zu spät von der so schnell entfesselten Volkswuth Kunde erhalten. „Haltet ein," schrie er mit Donnerstimme, doch alles war vergebens. „Sie haben Euer Kind geschlachtet," tönte es ihm entgegen. Ein rettender Gedanke durchkreuzte des Grafen Hirn. „Hört, Leute! Warum sollten die Juden denn das Kind tobten? Sie brauchen das Blut doch nur für Ostern. Jetzt aber stehen wir vor dem Pfingstfest." — Bei diesen Worten wurden doch Einzelne stutzig, es entstand eine Pause und diese genügte, um dem Grafen seine alte Autorität bei dem Volke wiederzugeben. „Kinder," rief er, „jetzt geht nach Hause; wer es wagt, in dieser Nacht einen Finger gegen einen Juden zu erbeben," und dabei hob er drohend sein Gewehr, „den erschieße ich mit eigener Hand." Der Pöbel entfernte sich, die Synagoge als Ruine zurücklassend. „Wir beide aber," so wandte sich der Graf an seinen Sohn, der gerne unbemerkt sich davon geschlichen hätte und sich in den Hintergrund gedrückt hatte, „wir werden die Begebenheiten dieses Abend noch einmal unter vier Augen besprechen." Spruchs und ritt davon. Die Nacht war angebrochen, schauerlich erleuchtet von dem Feuer, welches Reb Jsaks Haus und die Nachbarhäuser ergriffen hatte.- Der Rüst tag des Schowuaussestes war angebrochen Die ganze Natur leuchtete im Farbenschmelz der Blüthen und der maigrünen Blätter und alles war in die Lichtfluthen der herrlichsten Sonne getaucht. Frieden athmete Wald und Flur, als wenn sie zwölf Stunden vorher nicht von den schrecklichsten Gräueln entweiht worden wären. Es war in der letzten Vormittagsstunde. Auf dem Wege, der von der nächsten Stadt durch den Wald nach Ostetten führte, schritt rüstig ein Knabe seinem Ziele zu. Jugendfreude und Maienlust übten ihren gemeinsamen Zauber auf sein Herz. Jetzt fängt er sogar zu singen an, die Melodie eines „Lecho daudi" schmetterte aus der Kehle des Knaben fröhlich und munter in dem Tempel des Waldes, ein vielfaches Echo erweckend. ■ Jetzt kam er an eine große Waldlichtung. Er j kannte sie recht wohl, von hier aus war es nur noch eine! halbe Stunde Entfernung nach seinem Heimathsorte Ostetten. Unter einer großen Linde, die auf der Mitte des freien Platzes stand, machte er Rast. Er nahm aus einer versteckten Quelle einen kräftigen Schluck des kristallhellen Wassers und ließ sich dann im Schatten des Baumes auf der Erde nieder, wie um sich noch einmal recht zu sammeln auf die große Freude des Wiedersehens von Eltern und Schwester. Aus der Tasche holte er ein Blatt Papier und begann zu memoriren; es war seine Droschoh (Vortrag), die er übermorgen, am Varmizwoh-Tage, vor versammelter Gemeinde vortragen wollte. Es ist nicht nöthig, besonders zu betonen, daß wir den kaum dreizehnjährigen Esra vor uns sehen. Er mochte kaum zwei Minuten gesessen haben, da schreckte er auf. Wie? war das nicht eine jammernde Menschenstimme? — doch jetzt hörte er nichts mehr. — Halt! Wieder vernahm er die Stimme.-Er sprang auf, vielleicht konnte er irgend einem Menschen helfend beispringen. Jetzt hörte er genau eine Kindesstimme. Er ging dem Laut nach und stehe da, dort am Waldes - säume lag ein jammerndes Kind und streckte seine Aermchen flehend zu ihm empor. — Doch wie, — das ist ja das Elschen vom Schloß. „Wie kommst Du denn hierher?" Ein jämmerliches Weinen war die Antwort. Esra spähte umher, ob nicht vielleicht ein Angehöriger der gräflichen Familie in der Nähe sei, der für kurze Zeit das Kind verlassen habe. Es war nicht der Fall. Er besann sich nun nicht lange, hob das Kind aus seine Arme, nahm sein Bündelchen und zog weiter gen Ostetten, mit dem frohen Bewußtsein, den besorgten Eltern des Kindes einen Dienst zu leisten. Es dauerte lange, bis er das jammernde Mädchen zum Sprechen veranlassen konnte. Das einzige, was er aus seinen unzusammenhängenden Worten erfuhr, war, daß es bei der Jagd auf einen Schmetterling immer weiter in den Wald gerathen, sich dort verirrte und vielleicht sogar hier übernachtete, über welchen Punkt aber bei dem Kleinen nichts Genaueres zu erfahren war. Esra war wohl hoch aufgeschossen und kräftig für sein Alter gewachsen, aber in der glühenden Mittagshitze ein fall vierjähriges Kind tragen, das überstieg fast seine doch immerhin noch kindlichen Kräfte. So verzögerte sich sein Marsch, streckenweise führte er das Kind am Arme. Endlich tauchte in aller Nähe dos Schloß Ostetten über den Baumwipfeln auf. Nur noch zwei Minuten und er mußte dort an der Felsenecke des Berges angelangt sein, wo der Weg scharf herumbiegi und plötzlich der Wanderer unmittelbar vor dem bis dahin völlig unsichtbaren Städtchen steht. Schon hörte er das Gebell des Schloßhundes herüber. Esra's Herz schlug höher. Er verdoppelte in Aussicht des nahen Wiedersehens mit seinen Lieben seine

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