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Der Israelit · 1901-08-14 · Heft 64 (14.8.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 64 (14.8.1901)
Date
1901-08-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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WWWWWW ^2. Jahrgang. Zweite Aeikage z« jn 64 des „Israelit". Leitender Artikel. Tic ckciiiMiuc TarstcllW eines ‘ 6 »rsjtffcs. Die Verheerungen, welche religiöser Fanatismus und religiöse Unduldsamleit angerichtet haben und noch immer anrichten, bilden eines der traurigsten Kapitel der Geschichte der Menschheit. Geht man diesen beschämenden, sich leider ununterbrochen wiederholenden Erscheinungen nach, so ist das Betrübendste dabei, daß man es hier nicht blos mit historischen Ereignissen zu thun hat, daß vielmehr dieser gräuliche Wahn noch immer in den Köpfen spukt und noch immerfort Böses gebärt. Die Veranstalter dieser Hetzen berufen sich mit Vorliebe auf historische Zeugnisse zur Bestätigung ihrer lügenhaften Behauptungen. Eines ihrer beliebtesten Beweismittel ist die Berufung auf den an dem Knaben Simon von Trient im Jahre 1476 begangenen „Ritualmord". Es wird sich darum verlohnen, diesen Fall mit historischer Treue auf Grund der im Jnsbrucker Statthalterei-Archive aufbewahrten Akten im Anschlüsse an die Darstellung Scherer's in seinem überaus verdienstlichen, inhaltsreichen und gründlichen Werke*) zu schildern. In Trient bestand eine blühende Judenniederlassung. Die Juden wurden in dem Betriebe ihrer Geschäfte von den Bischöfen geschützt. Friedlich lebten sie mit ihren christlichen Mitbürgern und standen mit ihnen in regem Verkehr. Dies währte so bis zum Jahre l476: da änderte sich mit einem Male dieses erfreuliche Verhältniß. Es begann nämlich in diesem Jahre Bernardinus von Feltre seine Thätigkeit in Trient als Guardian des Franziskanerklosters. Er war „einer jener gefährlichen Fanatiker, welche wähnen, ihre Liebe zu Gott am wirksamsten dadurch zu bethätiaen, wenn sie ihre andersgläubigen Mitmenschen mit glühendem Hasse verfolgen." Ueberall, wohin er kam, predigte er mit giftigem Hasse gegen die Juden und suchte die Bevölkerung gegen sie aufzureizen, so daß ihm Herzog Galeazzo von Mailand 1480 das Predigen in seinem Gebiete untersagte und ihm in Florenz der weitere Aufenthalt verboten wurde. *) „Die Rechtsverhältnisse der Juden in den deutschösterreichischen Ländern." Leizig 1901. Duncker u. Humblot.! Das friedliche Zusammenleben der Juden und , Christen in Trient war ihm ein Dorn im Auge; darum i hetzte er in seinen Fastenpredigten im Jahre 1476 gegen die Juden. Da jedoch sein haßerfülltes Vorgehen selbst von vielen Christen mißbilligt wurde und diese die Bemerkung wagten, er thue den Juden Unrecht, „da sie, wenn sie auch nicht den wahren Glauben hätten, doch gute Menschen seien," rief der fanatische Mönch aus: j „Ihr wißt es nicht, wie viel Böses diese Menschen Euch! zufügen; es wird jedoch das Passa des Herrn nicht j vorübergehen, bevor nicht diese Leute einen würdigen ' Beweis ihrer Güte geliefert haben."! Es braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden, daß sich diese „Prophezeiung" alsbald erfüllte; denn wie hätten diese ununterbrochenen Hetzpredigten ihre Wirkung auf die abergläubische, unduldsame Menge verfehlen können? Rasch reifte die so sorgfältig ausgestreute Saat. „Am Gründonnerstag (23. März) 1476 verschwand das am 26. November 1472 geborene Söhnchen Simon des j in Trient in Contrada del Fossata wohnenden Schuhflickers oder Gerbers Andreas Unferdorben. Bernardin von Feltre, der in der Nachbarschaft der Juden wohnende Johannes Schweizer und andere Judenfeinde, so ivie die Knaben auf der Gasse behaupteten gleich anfangs, das Kind müsse bei den Juden gesucht werden. Nach langen, auch im Hause des Juden Samuel in der Fossnda vorgenommenen vergeblichen Nachforschungen nach seinem vermißten Söhnchen, rief Andreas Unferdorben die Intervention des Bischofs Johann IV. (Hinterbach) von Trient an; allein sowohl die über des Letzteren Anordnung von dem Podesta Johann Sala veranlaßte öffentliche Ausrufung, als wiederholte Hausdurchsuchungen (auch bei Juden) blieben erfolglos. In der Nacht des Ostersonntags (26. März) zeigte zuerst der jüdische Arzt Tobias allein, später in Begleitung der Juden Angelus und Samuel, im bischöflichen Kastell an, daß in dem unter dem Hause des Samuel fließenden Wasser der Leichnam eines Kindes gefunden worden sei; sie wurden aber vor den Bischof nicht vorgelassen. Dagegen erschien noch in derselben Nacht der Podesta Sala mit dem Kapitän Jakob Sporo und Anderen in dem bezeichneten Hause, wo die Juden Samuel, Angelus, Tobias, Israel und Bonaventura anwesend waren, erhoben den todten Körper, fanden an demselben zahlreiche Wunden und blaue Flecken und ließen die fünf genannten Juden, ferner Joeff und Bonaventura, den Koch, noch Nachts verhaften. Da bei der am 27. März vorgenommenen Todtenschau die von dem Prätor beigezogenen Aerzte Archangelus Baldinus, Johann Mathias Tiberinus und Christoph de Fatis erklärten, daß das Kind nicht ertrunken, sondern getödtet wor- D^^B

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