Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 64 (14.8.1901)
- Date
- 1901-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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-■!! MWWMWWEMWWM' 1409 Ich that es, und nun erzählte mir das würdige Männchen ohne abzusetzen, was ich Dir in Folgendem berichte; offenbar hat der Alte die Geschichte schon so oft erzählt, daß er sie auch im Schlafe hätte hersagen können. Es ist mir leider nicht möglich, die Erzählung Dir in der naiven, frischen, ungekünstelten Form des Reb Frohm wiederzugeben. Ihr neckt mich ja ohnedies stets mit meiner Vorliebe, alles von der poetischen Seite aufzufassen. So gestatte mir auch jetzt, die schlichte Erzählung Reb Frohm's in kunstgerechterer Weise wiederzugeben: „Also mir hat mein Großvater die Geschichte erzählt," so begann Reb Frohm, „als er mich vor 76 Jahren auf seinen Knieen schaukelte; er selbst hatte sie gleichfalls von seinem Großvater geerbt. Das umfaßt also bereits gegen 760 Jahre. Die Geschichte selbst spielt um den Anfang des dreißigjährigen Krieges, also um das Jahr 1620. Die Kriegsstürme hatten unser Städtchen noch nicht berührt, die Reformation aber schon Eingang gefunden Dort drüben auf dem Berge, wo die Ruine steht, erhob sich ein gewaltiges, festungsartiges Schloß, auf welchem der Graf Ostetten residirte, ein edler Mann, beliebt bei allen Unterthanen; der ganze Umkreis des Schloßberges und auch das Städtchen Ostetten war ihm unterthan. Bei den Juden genoß er ganz besonderes Ansehen, denn er hatte die für jene Zeit seltene Anschauung, daß die Juden ebensolche Menschen sind, wie die Andersgläubigen auch. Auch hatte er stets die Erfahrung gemacht, daß er in allen seinen Geschäften bei ihnen wirkliche Ehrlichkeit gefunden hatte, mehr oft, als bei seinen eigenen Glaubensbrüdern, welche die Juden des Betruges Ziehen. Sein intimster Freund, allem Gespötte der Standesgenossen zum Trotz, war ein Jude aus Ostetten: Reb Jsak. Dieser war Faktotum auf dem Schloß, alle Geschäftsangelegenheiten gingen durch seine Hände, und der Graf lvußte, daß sie dort gut aufgehoben waren. Zwischen der Judenfamilie und der gräflichen Familie herrschte ein inniger Wechselverkehr, eine herzliche, auf Gegenseitigkeit beruhende Freundschaft. Auch die Gräfin >var edel und gut, der einzige Sohn dagegen, der neunzehnjährige Konrad, war von Abenteuerlust erfüllt, die Freundschaft mit dem „Judenpack" war nicht nach seinem Geschmack. Kriegsgetümmel, das war sein Panier, und hätte seine Mutter ihn nicht zurückgehalten, er hätte sich schon längst in die Wirren des dreißigjährigen Krieges verstrickt; und wäre nicht der edel wirkende Einfluß des Vaters gewesen, der den Sohn mit unheimlicher Furcht oder auch Ehrfurcht erfüllte, er hätte schon längst mit seinen ihm ergebenen Bauern — als schwachen Ersatz für das Kriegsleben — eine kleine Judenverfolgung arrangirt. Aber Konrad kannte seinen Vater, er kannte dessen Grundsätze und Anordnungen; wehe dem, der es gewagt hätte, ihnen zuwiderzuhandeln und wäre es sein Sohn selbst gewesen. — Dahingegen war die kleine 3—4jährige Schloß-Elfe in der Familie des Reb Jsak wie zu Hause. Wenn sie auf dem Schlosse vermißt wurde, so brauchte man nicht 3 lange zu suchen, man wußte, sie war unten im Ort bei Reb Jsak, wo sie besonders mit der Tochter desselben, der sechzehnjährigen Sara, innige Freundschaft geschlossen zu haben schien. Es war am Vorabend zum Rüsttage des Schowuausfestes. Die Sonne verschwand soeben hinter dem Schloßberg und übergoß mit ihren letzten Strahlen die Zinnen des Schlosses. Wie verklärt lag die ganze Natur da.; Im Hause des Reb Jsak war reges Leben. Rifka, die Hausfrau, war mit Kochen und Kuchenbacken bev schäftigt, wirksam unterstützt hierbei von der einzigen Tochter Sara. Das ganze Haus war festlich geschmückt, alles war blank gescheuert, es glänzte und schimmerte! in schneeiger Reinheit in jedem Winkel des behaglichen Wohnzimmers. Kein Wunder auch, man wollte ja das morgige Schowuausfest würdig empfangen. Aber bei j Reb Jsak kam noch ein anderer Grund hinzu. Man j erwartete morgen den einzigen Sohn von der Jeschiwoh j (Hochschule) in der Nachbarschaft, denn er sollte am j Schowuausfeste „Bar mizwoh" werden. Q, wie wurde j dieser Freudentag von den liebevollen Familienmitglie-! dern herbeigesebnt.! „Mutterlieb," Hub Sara an, „laß mich in diesem Jahre für Esra den Omerkuchen backen." (Ein Gebäck für diejenigen Familienangehörigen als Lohn, die nicht ein einziges Mal das Omerzählen vergessen haben.) Du bist heute zu gerührt und würdest ganz gewiß mit Deinen heißen Thränen aus überschwenglicher Liebe den Kuchen noch versalzen. Ich möchte für Esra wenigstens auch eine Kleinigkeit zu Ehren seines Freudenfestes widmen; ich werde viele Rosinen Hineinthun. Aber Mutterlieb, Mutterlieb, warum weinst Du denn gar so sehr?" „Laß', Saralieb; ich >veiß selbst nicht, warum; die Thränen geben mir Erleichterung. Ach, ein unerklärliches, drückendes Gefühl beschleicht mich schon den ganzen Tag!" „Geh doch, Mutter, wer wird so grießgrämig sein, >vo so herrliche Freuden uns bevorstehen. Da sieh nur die schönen Sachen, welche für Esra's „Bar mizwoh"- * Feier schon jetzt als Geschenke eingelaufen sind, und diese prachtvolle Taschenuhr vom Grafen, die dieser Mittag fiir Esra geschickt hat." Von außen wurde an's Fenster geklopft. Eine Schloßmagd war es. „Ist denn Else wirklich nicht bei Euch?" „Wir haben Euch doch schon sagen lassen, daß sie sich heute den ganzen Tag noch nicht bei uns blicken ließ," rief Sara hinaus. Die Magd entfernte sich. „Mutterlieb, jetzt haben sie schon dreimal nach Elsa fragen lassen."-