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Der Israelit · 1901-08-12 · Heft 63 (12.8.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 63 (12.8.1901)
Date
1901-08-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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3393 ' -^WWWMMMIWMWMMMWMDWWWWWWW vor etwa 300 Jahren gelebt habe. Genaueres wußte sie nicht hierüber. Im Älter von fünf Jahren hatte sie bereits den Schauplatz jener dunklen Ereignisse, ihren Geburtsort Ostetten, als geschwisterlose Doppelwaise, verlassen müssen. Verwandte in Posen nahmen sich ihrer an. Dort gründete sie auch ihr Lebensglllck. Und als wir vor vier Jahren unser Heim und Geschäft hierher in die Residenz verlegten, da hätte sie. ach so gerne, noch einmal den letzten sehnlichsten Wunsch ihres Herzens erfüllt gesehen. — noch einmal hätte sie gerne die Heimath ihrer Väter ausgesucht. Doch ach, der unerbittliche Tod vereitelte diesen Plan, den Du nun als heiliges, mütterliches Erbe ausfllhren sollst. Zur Erleichterung Deiner Studien möchte ich Dich noch an etwas erinnern. Dil kennst das handschriftliche Buch, das Buch Ruth, das sich in unserer Familie weitervererbt hat und jetzt in meinem Besitz ist. Aus dem Titelsteht. offenbar von Frauenhand geschrieben, und zwar in der hebräischen Ursprache, die Stelle aus dem Buche Ruth: Boruch hu laschein ascher lau osav chasdau cshachaim w'es hammesim. „Gesegnet sei vom Ewigen, der nicht fahren läßt seine Liebe gegen die Lebenden, tvie gegen die Tobten." lRuth 2, V. 20.) Dies also sind die Anknüpfungspunkte für Deine Forschungen. Und nun viel Glück hierzu! Deine Reise von Basel nach dem im südlichen Württemberg gelegenen Ostetten ist nicht groß. - Deine Frau und Deine kleine Ruth, tvie auch meine Familie sind in bester Gesundheit und grüßen Dich alle. Vor allem aber grüßt Dich Dein heiter Bruder I s a k. Ostetten. 20. Mai 188 . Mein lieber I s a k! Erlasse mir heute die üblichen Eingangsformeln, lieber Bruder, denn mein Herz ist zu voll gewaltiger Gefühle. Ich empfing Deinen lieben Brief gestern Abend in Basel, und schon in aller Frühe saß ich heute Morgen in der Eisenbahn, um pflichtgetreu sofort Deinen Wunsch zu erfüllen. Empfange schon jetzt, bevor ich Dir meine heutigen Ereigniffe und Eindrücke zu schildern beginne, die Nachricht, daß diese Reise in ungeahnter Weise von Erfolg gekrönt ist. Das Dampfroß führte mich durch die herrlichsten Frllhlingsauen, mein Herr schwoll von Lebenslust und Lebensfreude, und die Allmacht des Weltenschöpfers anbetend und preisend war ich versunken in den Anblick der erwachten Naturreize. Je mehr ich mich aber dem Reiseziele näherte, desto mehr machte sich eine gewisse Unruhe Raum in ineinen Gedanken, ein Gefühl, daß dieser Tag nicht ganz ohne Einfluß auf mein Seelenleben sein werde. Als der Zug die letzte Station verließ, zeigte mir ein Reisegefährte in weiter Ferne eine ragende Burgruine: „Das ist die Ruine Ostetten bei Ostetten." Ich ließ die Ruine, der wir uns immer mehr näherten, nicht mehr aus den Augen, wie gebannt hingen meine Blicke an der reizenden Silhouette, die sich immer schärfer von dem wolkenlosen, tiefblauen Himmel abhob. Dort also liegt die Geburtsstätte meiner sel. Mutter, dort lebten und wirkten meine Vorfahren in grauer Vorzeit. Mit weihevoller Stimmung, mit Ehrfurcht fast und Beklommenheit, ja fast mit Zagen war mein Herz erfüllt, als mir meine Uhr anzeigte, daß nur noch fünf Minuten Fahrzeit mich von dem Ziele meiner Sehnsucht trennte. Auch das Ungewiffe, das Verschleierte hat seine Reize; und ist es nicht fast eine Entweihung, das geheimnißvolle, ehrwürdige Dunkel, das vielleicht nur deßhalb uns ehrwürdig erscheint, weil cs dunkel und geheimnißvoll ist zu lüften aus keinem anderen Grunde, als dem der Neugierde. Jetzt war die Ruine plötzlich hinter den Bäumen des Waldes verschwunden, der uns aus beiden Seiten unserer Fahrstrecke begleitete, - - jetzt wurde dieser Wald durch von einer großen Lichtung unterbrochen, in deren Mitte eine wohl jahrhunderte alte Linde stand — und nun, ein Pfiff — der Zug rollte in den Bahnhof ein. „Ostetten-Aussteigen." Ich war der einzige, der ausstieg, außer den Bahn Hofsbeamten war keine menschliche Seele auf dem Bahnsteige. Fast fühlte ich mich entnüchtert, jedenfalls aber vereinsamt. „An ivelchem Punkte sollte ich ansetzen?," so überlegte ich, um unser Räthsel zu lösen. Ein Gedanke jedoch stand fest bei mir, der nämlich, daß mein erster Gang mich zu der Stätte führen muß, wo unsere Ahnen zu ewigem Schlafe ruhen. Mit ihnen wollte ich gleichsam zuerst eine geistige Verbindung Herstellen, an ihren Gräbern meiner ehrfurchtsvollen und andachtsvollen Stimmung zunächst einen Ausdruck geben. So in Gedanken versunken, war ich durch das Vahnhofsgäßcben hindurch auf einen kleinen Platz des Ortes, offenbar der Marktplatz, gelangt. Hier sah ich auch das erste inenschliche Wesen. Ein junges Mädchen, offenbar eine Glaubensschwester, füllte an einem Brunnen ihren Eimer. Ich trat näher. „Sie könnten mir vielleicht sagen, werthcs Fräulein. Ivo der jüdische Gemeindediener wohnt? Ich möchte ihn gerne sprechen." „O gewiß! Ich werde ihn gleich holen." Svrachs, und ließ mich in einziger Gesellschaft ihres Eimers stehen, um davon zu laufen. Ich stand starr ob dieser Dienstfertigkeit und mußte unlvillkürlich an die Szene „Rebekka am Brunnen" denken. Wahrlich. eine würdige Tochter unserer Stammmutter. Das Mädchen eilte etwa drei Häuser weit, klopfte an ein Fenster und rief: „Reb Frohm." Sofort öffnete sich dies Fenster und der Gerufene schaute heraus. Es entspann sich eine kleine Unterredung, deren Gegenstand offenbar ich war, denn beide blickten plötzlich in der Richtung des Ortes, wo ich stand. Das Fenster schloß sich. Unterdesien trat ich näher und war kaum an jenem Hause angelangt, als auch schon Reb Frohm vor die Haustbüre trat und dieselbe hinter sich verschloß. Ein kleines, aber ehrwüriges, hochbetagtes Männchen, wohl

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