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Der Israelit · 1901-08-12 · Heft 63 (12.8.1901) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 63 (12.8.1901)
Date
1901-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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4L^Jahrgallg. M «8 El» Aentral-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehrrrsrrrr in Httaini. Montag, den 1 2. August 5661 (1901). Leitender Artikel. .--Gi Neue Aufgaben, tgr— Die Orthodoxie, als Partei, ist aus dem K a m p f e hervorgegangen, den der gedankenlose Freisinn, der un Aufgeben des Eigenen und Nachahmen des Fremden das Heil des Judenthums der Neuzeit erblickte, zur Nothwendigkeit gemacht hatte. Der moderne stampf der Orthodoxie gegen die sog. Reform im Judenthum ist einer der ruhmreichsten Abschnitte der jüdischen Geschichte. Es ist der heiligste Vertheidigungskampf, der je geführt wurde. Und betrachtet man die Umstände, unter welchen dieser Kampf ausgenommen wurde, so kann man den hohen Muth und die Aufopferungsfähigkeit der Männer, die als Führer in denselben eintraten, gar nicht genug bewundern. Nie ist ein Kampf unter ungünstigeren Umständen und mit weniger Aussicht auf Sieg unternommen worden. Die Wissenschaft war in den Händen der Koryphäen der Reform: Geiger, Grätz, Frankel u. s. w. galten als die Väter der jüdischen Wiffenschaft. Die öffentliche Meinung war in den Händen der Reform: Philippsohn, Stein, Fürst etc. waren in Israel die Tonangeber der sog. sechsten Großmacht. Die Kanzel war in den Händen der Reform: das Breslauer Seminar stand ohne Konkurrenz da. Die Synagoge und die Schule war in den Händen der Reform: mit Orgel und Bäfschen und Katechismus wurden die Gemeinden in den Schlaf gelullt — und die Gemeinden wollten schlafen. Die Zeit der Makkabäer schien wiedergekehrt zu sein, nur daß die modernen „Hellenisten" sich als Retter des Judenthums ausspielten und unter dem Aushängeschild der wahrhaft hohen Güter der Menschheit: Freiheit und Wahrheit, ihre Thätigkeit entfalteten. Im Namen echter Freiheit und echter Wahrheit gegen die siegreich vordringende Reform auf allen Gebieten, vor allem in der öffentlichen Meinung, und von da aus in Schule, Synagoge, Kanzel und Wissenschaft den Kampf ausgenommen, fortgeführt und zum Siege gebracht zu haben — das ist das Verdienst des strahlenden Dreigestirns am Himmel des Judenthums unserer Zeit: Samson Raphael Hirsch, Dr. Israel Hildesheimer und Dr. Lehmann. Der Kampf der Orthodoxie war ein Vertheidigungskampf gegen den Gewissens-Zwang, dem die gesetzestreuen Minoritäten in Synagoge, Schule und im ganzen Gemeinde-Leben ausgesetzt waren, und dieser Vertheidigungs-Kampf hat, unter der regen Mitarbeit zahlreicher Schüler und Freunde der großen Führer, bereits den Sieg errungen. Die orthodoxen Minoritäten können, Dank dem Austrittsgesetze, nun nicht mehr von den Majoritäten vergewaltigt werden, und die Folge davon ist, daß die bestehenden orthodoxen Gemeinden staatliche Anerkennung erlangten, und daß in den Gemeinden auf die orthodoxen Elemente größere Rücksicht genommen wird. Können wir mit diesem Siege zufrieden sein? Können wir nun die Waffen an die Wand hängen und die Hände in den Schoß legen? — Gewiß nicht! Wir müssen noch immer auf der Warte stehen, denn die Epigonen der „großen" Väter der Reform, die freisinnigen Rabbiner und Prediger unserer Zeit geben noch auf Schritt und Tritt Anlaß zur Kritik und Korrektur. Zwar gibt es heute nur ganz ausnahmsweise prinzipielle Reformer: die leeren Synagogen sind zu schlagende Argumente gegen die Reform-Prinzipien; aber der Jndifferentismus und seine Schwäche machen ebensoviele Fehler, wie die kampflustige Kraft der „Grundsätze." Der Jndifferentismus: das ist heute, wie der gefährlichste Feind des Judenthums überhaupt.

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