Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 57 (22.7.1901)
- Date
- 1901-07-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1266 ttaten vergeht fast keine Woche, in welcher nicht einige Dutzend völlig mittelloser Juden in Buenos Aires landeten, und im März belief sich die Zahl dieser Einwanderer sogar auf 800. Das Central-Komitee der „I. K. A." in Argentinien kann für diese ungebetenen Gäste nicht das Mindeste thun, da auf den Kolonien zu ihrem Empfange nichts vorbereitet ist. Sie können daselbst auch nicht als Tagelöhner beschäftigt werden, da die Leute thörichterweise gleich mit ihren Familien ankamen,, die sie mir einem Tagelohn von etwa 1, 3—4 Mart nicht ernähren können. Natürlich überlaufen die Einwanderer die Beamten der jüdischen Kolonisationsgesellschast derart, daß diese sich veranlaßt sahen, die Bureaux durch Polizei abzusperren. Wenn sie aber dadurch vor einer Belästigung durch die Einwanderer selbst auch geschützt sind, so können sie sich doch vor den argentinischen Behörden nicht schützen, welche tagtäglich in ihre Bureaux kommen und sich erkundigen, ob die „I. K. A." für die vielen Leute noch immer keine Beschäftigung hätte. Die Behörden würden den Leuten gern Land schenken, allein dazu ist es nöthig, daß die Einwanderer den Nachweis führen können, daß sie in der Lage sind, sich das zu diesem Lande gehörende todte und lebende Inventar anzuschaffen, ein Postulat, dem die Leute, welche zwar mit zahlreicher Familie, aber ohne einen Pfennig in der Tasche sich auf die weite Reise begeben haben, unmöglich genügen können. Die kopflose Auswanderung der ruffischen Juden nach dem bis vor kurzen: von ihnen so gemiedenen Argentinien beginnt schon gewiffe unvermeidliche Folgen zu haben. Wie „La Nacione," „El Pais" und „La Trensa" übereinstimmend melden, hat der Chef des nationalen Departements für das Emmigrationswesen, Dr. Alsina, dem Ackerbauminister vorgeschlagen, den jüdischen Einwanderern die allen Emigranten von: Staate gewährte Begünstgung der freien Fahrt bis zum Orte der definitiven Niederlassung, zu entziehen. Der argentinische Antisemit kam aber mit diesem Vorschlag an den Unrechten. Der Minister verbat sich ein für allemal, ihm Rathschläge zu ertheilen, die darauf hinauslaufen, auf dem bei der antisemitischen Internationale so sehr beliebten „Verwaltungswege" das Gesetz zu verletzen, welches in Bezug auf die Einwanderer weder nach Religion, noch nach Rasse oder Nation fragt. Dr. Alsina ist derselbe Beamte, welcher vor fünf Jahren den Gouverneur von Entre Rios vor den Juden gewarnt hat, da dieselben „sich mit der Bevölkerung nicht vermischen wollen" und durch ihre rapide Vermehrung sich in Entre Rios zu einer unabhängigen Macht auszuwachsen drohen. Beide von Dr. Alsina gegen die Juden in's Feld geführten Gründe sind gar nicht mehr neu. Der erste Einwand gegen die Juden wurde schon vom alten Haman, der zweite von dem neuen Pharao, welcher Joseph nicht gekannt hat, angeführt. Der Rath des Dr. Alsina wurde daher als sehr wenig originell vom Gouverneur von Entre Rios damals in den 1 i 1 i Wind geschlagen. Vielleicht komint man aber in Argentinien einmal doch wieder daraus, wenn unsere russischen Glaubensgenossen ihre köpf- und planlose Auswanderung nach Argentinien nicht bald wieder einstellen. T. 'China. Shanghai. Zu der Nachricht, wonach die Kaiserin Wittwe dem Großen Rath mitgetheilt hat, daß Kaifongfu in der Provinz Honon die künftige Landeshauptstadt sein werde, erhält die „Voss. Ztg." eine interessante Zuschrift über diese Stadt, in der sich noch heute ein Bruchtheil der verlorenen zehn Stämme Israels befinden soll. „Von dem Sitze einer alten jüdischen Gemeinde in Kaisongfu berichtet zuerst Trgialtin's „do cxpi’- ditioue 8inica" im Jahre 1617. Aus diesem Berichte geht hervor, daß in der Provinz Honan eine beträchtliche Anzahl Juden wohnte, die vor der Ankunft der ersten Missionäre niemals von dem Stifter der christlichen Religion etwas gehört hatten, ja nicht einmal seinen Namen kannten und darum nach der Ansicht dieser Missionare und Reisenden Abkömmlinge der zehn Stämme sein müssen. James Finn hat dagegen in seinem Werke „Die Juden in China und ihre Handschriften" behauptet, daß die Juden in Kaisongfu dem Stamme Juda angehören, was er namentlich daraus folgert, „daß in ihren Schriften von Esra die Rede ist, daß sie das Buch Esther besitzen, u. daß die seleueidische Zeitrechnung bei ihnen gilt." Jndeß ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß diese Kenntniß ihnen durch spätere Nachzügler überliefert wurde. In der That berichtet Moses de Pereyra Pavia in seinen portugiesischen Nachrichten über die zehn Stämme, „daß unter Titus Vespasianus Juden aus Persien an die malabarischen Küsten gewandert seien, von dort aus China erreichten und sich in der Hauptstadt der Provinz Honan, die jetzt Kaisongfu heißt, niedergelassen haben." Nach Koegler haben die Juden in Kaifong die Bücher Josua und Richter nicht vollständig. Ebenso fehlen ihnen die Sprüche Hiob, das Hohelied und der Prediger ganz. Der Anhang einer Gesetzesrolle hatte nach Olav Gerhard Tychsen's Uebersetzung folgenden Wortlaut: „In der Stadt, welche Anfangs Pien-lang hieß, in der heiligen Stadt Kaisongfu, durch Hilfe des Himmels ist das Gesetz. Der Anfang des Gesetzes ist abgeschrieben im Jahre 1933 . . . (das ist 1622 nach unserer Zeitrechnung. Die chinesischen Juden haben die seleucidische Zeitrechnung.) Auf Deine Hilfe vertraue ich, 0 Herr!" — Die Synagoge in Kaifong, die noch Delitzsch in seiner Geschichte der nachbiblischen Poesie S. 68 ausführlich beschreibt, ist während des Taiping-Aufstandes 1843 zerstört worden. Die Anzahl der noch heute in China lebenden Juden veranschlagt man auf eine halbe Million.