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Der Israelit · 1901-07-08 · Heft 53 (8.7.1901) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 53 (8.7.1901)
Date
1901-07-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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verhältnißmäßigen Wohlstandes erfreuen. In der Thut sind ca. 8000 Unterstützungen jährlich für zwölf jüdische Gemeinden, wobei zahlreiche professionelle Bettler, die in jedem Orte anpochen und eine Unterstützung auch erhalten, mit inbegriffen find, keinesivegs sehr hoch. — T. Rußland. Warschau. (Darf ein getaufter Jude zum I u d e n t h u m e z u r ü d f e f) r e n?) Bor kurzem hatte das Nadomsker Kreisgericht während seiner Sitzung in Kozienice das Urtheil über einen Fall zu sprechen, der in zahlreichen Kreisen des Landes Anlaß zu den verschiedensten Auseinandersetzungen und Erörterungen gab und in Manchem einen recht beklemmenden Eindruck hinterließ. Chaim Noach Bertmanowicz, gebürtig aus Zwolen, war, 16 Jahre alt, am 20. Juni 1897 in einer katholischen Kirche bei Warschau getauft worden, und hatte bei der Taufe die Namen Stanislaus Alphons erhalten. Nach Verlauf einer gewissen Zeit jedoch kehrte er zurück in seinen Heimathsort, lebte streng nach den Gesetzen der jüdischen Religion und heirathete sogar eine Jüdin, ohne sich von den Ermahnungen der Geistlichkeit einschüchtern zu lassen. Das Consistorium theilte dies dem Staatsanwalte mit. und Bertmanowicz wurde des Austrittes aus der christlichen Kirche angeklagt. Nach der Ursache seiner Handlungsweise befragt, antwortete er- „Ich war jung und dumm und hatte gar keinen Begriff von der Tragweite niemer Handlungen; aus diesem Grunde ging ich daraus ein, daß man mich in eine latholische Kirche führe und taufe. Heute jedoch, da ich mir bewußt bin, was ein Religionswechsel bedeutet, erkläre ich, daß ich als Jude geboren und als Jude sterben will." Wir möchten die Hoffnung nicht aufgeben, daß die Zeit nicht ferne, wo auch bei uns eine solche Erklärung für die Wahl maßgebend sein wird; vorläufig jedoch stecken wir (am Schluffe des 19. Jahrhunderts) viel zu tief im Fanatismus der mittelalterlichen Anschauungen, um die Gleichberechtigung der .Konfessionen im Allgemeinen, und die Berechtigung der individuellen Selbstbestimmung im Besonderen anzuerkennen, und daher darf kein Christ hierzulande zu einem nichtchristlichen Glauben übergehen. In Folge dessen beschloß das Gericht, Bertmanowicz — der trotz seiner mit Entschiedenheit abgegebenen Erklärung nie aushören wird, als Christ zu gelten — der römisch-katholischen Geistlichkeit zu übergeben, damit selbige ihn im Glauben befestige. Bis dahin jedoch, d. h. bis er reuig in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, wurde er der Rechte seines Standes und der freien Benützung seines Vermögens verlustig erklärt. Wem sowohl ans der Vergangenheit wie Gegenwart die väterliche Nachsicht und Langmuth bekannt ist — und welchem Juden wäre sie nicht bekannt? — mit der die katholische Kirche ihre verirrten Lämmer auf den rechten Weg zurückzuführen sucht, der kann bei der Vorstellung des Schicksals, das dem armen Bertmanowicz bevorstebt und dem er rettungslos verfallen ist, sich eines Seufzers und vielleicht sogar einer Thräue nicht erwehren! letzte Nachrichten Berlin, 7. Juli. F ii r st H o h e n l o h e, der dritte Kanzler des Deutschen Reiches, ist gestern früh, 5 Uhr, in Ragaz sanft entschlafen. In allen deutschen Lanoen hat, wie der „Reichsanzeiger" meldet, die Nachricht aufrichtigste Trauer erweckt, denn mit dem Fürsten Hohenlohe ist ein Mann mit ausgezeichneten Verdiensten um Reich und Staat dahingegangen. In allen Stellungen, oft unter den schwierigsten Verhältnissen, als bayerischer Ministerpräsident, als deutscher Botschafter in Paris, als Statthalter von Elsaß-Lothringen und endlich als.Kanzler des Deutschen Reiches bewährte er jene hohen Eigenschaften, aufopfernde Hingebung und unermüdliche Pflichttreue, die der Kaiser in seinem Handschreiben beim Abschluß feiner langen und ehrenvollen Dienstlaufbahn vor noch nicht dreiviertel Jahren dankbar hervorhob. Wie seine staatsmännisehste Wirksamleit die warme Anerkennung aller yatriotiseben Kreise fand, so schätzte Jeder, dem es vergönnt war, ihm persönlich näher zn treten, feinen hohen Sinn, sein einfaches, klares und freies Wesen und seine immer gleiche, vornehme Liebenswürdigkeit. Besonderen Dan! haben wir Juden ilna zu zollen: denn siets ist er mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit für uns eingetreten. Wir hatten bei Antritt seines Amtes als Reichskanzler be reits GelegenhNt, daran zu erinnern (Jahrgang 1894, Nr. 87), wie sehr der Fürst bei dem Berliner Kongresse rm Jahre 1878 für die Emancipation der Inden eingetreten und welche segensreiche Wirksamkeit er in Bezug aus das ll'-efchick unserer Glaubensgenossen in Bauern und im Elsaß entfaltet hat, und wenn er als Reichskanzler schon zu sehr unter der Gebrechtichleit des Grcisenthums zu seufzen hatte, so war doch an dem Jubeln und Ansathmen der Antisemiten bei Hinein Abgänge zn merken, wieviel er uns auch in dieser Stellung iverth gewesen. So wird die dankbare Verehrung für ihn, den klugen Staatomann, den tapferen Deutschen und edlen Menschen, die Trauer an seinem Grabe überdauern. Berichtigung. In Artikel Hamburg. Nummer r>0, Seite 1117, soll es anstatt „Wortlaut" Inhalt, statt Gebote „zu erfüllen" nicht zu erfüllen, und statt „kann" können heissen_ Briefkasten der Redaktion »y. N. in M. B.: Im Annonccntheil unseres Blattes war ein Buch angepriesen, unter der Devise: „Wie werde ich energisch." Sie haben sich ei' solches kommen lassen und halten Re Sache für nicht reell. Haben Sie die Güte uns das Buch zu senden, damit wir es auf seinen Werth prüfen lassen und in diesen Blättern darüber berichten können. Ihre Bemerkung zu der kleinen Erzählung haben wir dem Verfasser weitergegeben. Freundl. Gruß! Briefkasten der Redaetion. I. H. in T.: Mk. 10.— erhalten. mmtt

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