Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 53 (8.7.1901)
- Date
- 1901-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1181 Verzweiflung überantworten? Eh' ich diesen Gedanken nur denken sollte, würde ich ohne Zögern den grausamsten Tod wählen. Wenn Eure Mutter erführe, daß Ihr ein Judenmädchen liebt, das Herzblut meines Volkes würde nicht binreichen, diese Schmach abzuwischen. Gnädiger Herr, kommt zu Euch, babt Erbarmen über unglückliche Menschen! Soll man wieder das Ghetto stürmen? Sollen blutgierige, von Haß und Schwärmerei berauschte Menschen die Häuser niederreißen, die Greise durch die Straße schleifen, Mütter und Säuglinge hinschlachten, Jungsrauen schänden und würgen? Soll da§ Blut wieder in Strömen fließen und verstümmelte Leichenhaufen zu Gott um Rache schreien? Wenn Euer Herz Erbarunen kennt, wendet es ab, ehe zu spät ist!" Prinz Emrich wendete sich schaudernd von diesen! Bilae weg. „Sie hat Recht, auf diesem Wege ist keine Rettung!" murmelte er trolllos hin und versank in ein düsteres Rachsinncn. Plötzlich, Ivie von einem mächtigen Gedanken ergriffen, richtete er sich auf und ein Ausdruck von Festigkeit und Ruhe überzog sein Gesicht. „Hanna, Deine Worte haben mich erschüttert," sagte er, und aus seiner Stimme war das Zittern und Beben verschwunden. „Jetzt habe ich nur noch eine Bitte an Dich. - Erfülle mir diese, und ich entferne mich ruhig und init Frieden im Herzen!" „Verlanget, hoher Herr! und wenn es mein Leben ist, ich gebe es willig." „Wohl möchi ich Dein Leben; aber nur, um es mit dem meinigen zu verweben," sagte er leidenschaftlich. „Doch höre mich, Hanna! — versprich mir. hörst Du! — versprich mir, vor einein Jahre keinem Manne Deine Hand zu geben." „Wenn Euch das beruhigen kann, verspreche ich es Euch, ja — verspreche ich Euch, nie zu heirathen," setzte sie, sich vergessend, hinzu. „Ich danke Dir für dieses Wort, das Dir unbewußt entschlüpft ist," flüsterte er glücklich. „Es wird mir Math zu dem geben, was ich vorhabe. Jetzt noch eins," sprach er flehend: „reiche mir Deine Hand zum Abschiede, schlage es mir nicht ab." -- Stumm vor innerer Bewegung reichte ihm Hanna die Hand, die er fest in der seinen drückte und dann, ehe sie ßch dessen versah, an seine Lippen führte. „Jetzt bin ich ruhig," sprach er und hüllte stch in seinen Mantel. „Lebe wohl, Du Leben meines Lebens! Du wirst bald von mir hören!-Hierauf wendete er Mb um, schritt zur Mauer, schwang sich hinauf, sah nochmals zu ihr zurück und verschwand lautlos in der Dunkelheit. Rach dieser Zeit sprach Prinz Emrich bei seiner Mutter den Wunsch aus, reisen zu dürfen. Die reaierende Herzogin, die trotz aller Vorstellungen und Verheimlichungen bald eine Veränderung an ihrem Sohne wabrnahm, schrieb dies seinem lebhaften Charakter, seinem glühenden Lebensmuthe zu, der keine Ge-! legenheit fand, sich in großen Thaten, in Siegen und Kämpfen auszutoben, da seit Jahren Frieden mit den Nachbarländern herrschte. Sie gab seinem Wunsche nach, da er ihr einziger Sohn war. Mit prächtigem Gefolge und wohl versehen mit Geld, nahm Erich von seiner Mutter und seiner Braut, einer Fürstin von Neutra, mit der er seit zwei Jahren verlobt war, Abschied, um nie inehr zurückzutehren. Er reiste durch's südliche Ungarn, Italien und Frankreich, war stets luftig und guter Dinge, um keinen Verdacht zu erregen. Und einst, als er längst Alles dazu vorbereitet batte, entslvh er in dunkler Nacht bei einer Jagd, zu welcher er beim Grafen von Elsaß geladen war und die bis tiek in die Nacht hinein dauerte. Vergebens suchte man rbn an den folgenden Tagen auf allen Wegen und Stegen, in allen Gebirgen und Pässmi. Er war natürlich nicht zu finden, und da hieß eS allgeviein: er sei in den gefährlichen Schlünden des Vasgau verunglückt und dann sicherlich von wilden Thieren zerrissen worden. Trauernd zog dar Gefolge in die Heimath zurück, von dem entsetzlichen Unglück Kunde zu geben. Der Schmerz und der Zorn der Herzogin war fürchterlich. Einige von den unglücklichen Begleitern verbannte sie aus ihrem Lande. Sie hüllte sich in tiefe Trauer, lieb Gebete und Messen für die Seele ihres auf so schaudervolle Weist umgekommenen Sohnes halten und aanz Thrnau trug monatelang Trauer um den Erbvrinzen. m. An demselben Abend, an welchem Rabbi Jsak eine so ernste und gewichtige Unterredung mit dem Prinzen batte, börie Hanna leise an die Laden ihres Fensters pochen. Es mochte elf Uhr sein und alles lag schon im tiefen Schlafe, außer dem Rabbi und Hanna; doch der Rabbi hörte das Pochen nicht, denn sein Zimmer lag aus der anderen Seite. Das junge Mädchen wachte; sie saß noch angekleidet an dem Tische und las, wie es schien. — „Wer ist's?" trug sie erschrocken emporfahrend. „Ich bin's, Hanna!" flüsterte eine Stimme draußen, die ihrem Herzen so theuer war und die sie schon seit Monaten als verloren betrauerte. Bei dem Tone dieser Stimme fuhr das Mädchen auf. „Er ist's!" rief sie leise, und sowohl Freude, Jubel, wie Ueberraschung und Bestürzung klangen aus diesen Worten heraus. „Hanna!" sagte die Stimme hastig, „öffne mir, ich werde verfolgt; die Verfolger haben meine Spur verloren; — doch hier draußen können sie mich sehen und ich bin dann verloren." — Ohne sich zu besinnen, ohne zu wissen, was sie that, riß Hanna den Laden aus. Kaum war er offen, als sich eine Gestalt rasch hineinschwang, den Laden wieder