Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 53 (8.7.1901)
- Date
- 1901-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1176 hat diesen Umstand gründlich übersehen. Nichtsdestoweniger weiß jeder Kundige, daß gerade dieser in der Sache selbst tief begründet und ganz dazu angethan ist, den Plan, der beim Aufbau des Stoffes in der Mischna befolgt worden ist, nach vielfachen Richtungen hin aufzuklären. Wer will es nun Ezechiel Landau verargen, wenn er eben diesen Gesichtspunkt auch für die Eröffnung der Mischna-Ordnung mit dem Traktat Berachoth für maßgebend erachtete? Diese Annahme kann sich in Bezug auf Stichhaltigkeit dreist mit jenen Behauptungen messen, welche von den Vertretern der sog. Wissenschaft für die Anordnung der einzelnen Bücher im biblischen Kanon, oder fiir die Aufeinanderfolge der einzelnen Psalmen geltend gemacht werden. Welche Berechtigung Dr. Deutsch auf Grund dessen hat, die Lehrweise Ezechiel Landau's als eine degenerirte Dialektik zu bezeichnen, — möge hier lieber unerörtert bleiben. — Noch von viel weniger Glück scheint er begleitet zu sein, als er es unternahm, dem rnr •mto eins am Zeuge zu flicken. Herr Dr. Deutsch kennt doch wohl die Grundlagen für unseren synagogalen Gebrauch, wonach verwaiste Kinder für ihre verstorbenen Eltern das Kaddisch vor versammelter Gemeinde rezitieren? Das sollte man bei ihm um so mehr erwarten dürfen, als derselbe doch eines der stärksten Balken bildet, der das Reformjudenthnm noch allenfalls trägt. Es ist dies eine Erzählung aus dem Tama di bei Elijahu. Danach soll der abgeschiedene Geist eines ruchlosen Zauberers Rabbi Akiba erschienen sein. Befragt, auf welche Weise ihm zu einer Erlösung aus der Verdammniß verholten werden könne, entgegnete er: dadurch, daß zu seinem Heile von seinem Kinde öffentlich das Kaddisch gebetet werde. Nun ist wohl die Auseinandersetzung des 'iia -mt an der zitierten Stelle vollkommen klar. Der Gebrauch der formet '--sw rner während der zwölf Monate des Trauerjahres setzt keineswegs mit Bestimmtheit voraus, daß der Heimgegangene dem Göttlichen Gerichte noch verfallen sei. Dagegen kann doch der öffentlichen Verrichtung des Kaddisch — gemäß der Entstehung dieses Brauches — kein anderer Sinn unterlegt werden. Nach dem Grundsätze csbo bhm r' cTtjn würde das Kind hierdurch den eigenen Vater vor aller Welt als einen Frevler hinstellen. Nach dem Gesagten könnte man mit viel größerem Rechte in Anlehnung an Dr. Deutsch sagen: Wissenschaft -- ein jüdisches Mißverständniß! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im Juli. (Jüdische Bauern.) Unter dieser Aufschrift schreibt die „Korrespondenz des Bundes der Landwirthe": „Wenn es auch heute schon verschiedene reiche Juden gibt, die sich zur Besserung ihrer sozialen Stellung den Luxus eines Rittergutes geleistet haben, so gibt es mit nur ganz vereinzelten Ausnahmen keine Juden als ausübende Landwirthe. Diese Thatsache findet ihre Erklärung darin, daß der Jude jede Arbeit scheut, die erstens mit körperlichen Anstrengungen verbunden ist und zweitens sc wenig lohnend ist, wie die landwirthschaftliche." Daraufhin hat Herr Rabbiner Dr. Münz aus Gleiwitz ein ebenso belehrendes, wie unparteiisch gehaltenes Schreiben an die „Korr. d. Bund. d. Landwirthe" gerichtet. Dasselbe hat folgenden Wortlaut: „Der in Ihrem werthen Blatte erschienene Artikel „Jüdische Bauern" geht von der Ansicht aus, daß der Jude jede Arbeit scheut, die mit körperlicher Anstrengung verbunden ist. Ich bin überzeugt, daß Ihr Gerechtigkeitssinn auch einer anderen Meinung, wenn sie das Kriterium der Aufrichtigkeit an sich trägt, Raum gönnen wird. Wohl selten wird in einer Litteratur der hohe moralische Werth der Arbeit in so bestimmter, nachdrücklicher Weise betont, wie in den ethischen Schriften der alten Hebräer. Schon in der Bibel heißt es: „Wenn du deiner Hände Arbeit issest, Heil dir und Wohl dir." tPsalm 12S, 2.) Und in weiterer Ansführnng dieses Gedankens sagt ein alter Lehrer: „das Wort: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" (1. B. M., 3, 19). mit dem Gott den ersten Menschen ans dem Paradiese verwies, ist nicht ein Fluch, sondern ein Segen. Als Adam, der erste Mensch, der zugleich das Urbild der Menschheit ist, das Paradies verlor, ist ihm der Trost der Arbeit als höchstes Gnadengeschenk für seine Erdenpilgerfahrt mitgegeben worden. Und!uie schön charakterisirt nicht ein anderer althebräischer Weiser die Arbeit, wenn er ansrnft: „Groß ist der Werth der Arbeit, denn sie bringt dem, der ihr treu obliegt, Ehre und Ansehen!" „Liebe die Arbeit und hasse die Hoffart," schärft ein berühmter Schriftgelehrter uns ein. — Die Arbeit als solche ist eine moralische Bethätigung und darum sind alle rechtschaffenen Arbeiten an sich gleichartig. „Verrichte darum — lautet der Ausspruch eines anderen Gelehrten — die niedrigste Arbeit ans offenem Markte und sei nicht auf Almosen angewiesen!" Aus diesen maßgebenden Sentenzen geht zur Genüge hervor, welch' hoher Werthschätzung die körperliche Arbeit bei den Juden sich erfreute. Nun sind aber während des Mittelalters und den darauffolgenden Zeitläuften die Juden von den landwirthschaftlichen Betrieben, sowie von den Handwerken, in welchen dazumal die körperliche Arbeit vorzugsweise zum Ausdruck kam, ausgeschlossen worden. Grundbesitz zu erwerben, war ihnen untersagt, und das geschlossene Zunftwesen machte ihnen die Ausübung eines Handwerkes unmöglich. Aber der lebende Mensch besitzt den Selbsterhal-