Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 52 (4.7.1901)
- Date
- 1901-07-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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^T.^Iahrgang. Zweite Milage zu M 52 des „Israelit". Lttlerari scher Bericht. Für schlaflose Nächte, von Prof. Dr. C. H i l t y. Leipzig, I. C. Hinrichs 'sche Buchhandlung, 1901. Preis 3 Mk., geb. 4 Mk. 349 Seiten. Es ist ein merkwürdiges, eigenartiges Buch, das uns hier zur Besprechung vorliegt, und schon durch seinen Titel die Aufmerksamkeit vieler Leser auf sich ziehen wird, da die Schlaflosigkeit ein in unseren komplizirten Lebensverhältnisfen begründetes, viel verbreitetes Hebet Et. Daß sie aber vielfach in Wirklichkeit gar kein Nebel ist, keines zu sein braucht, daß ihr der Stachel benommen und in eine das ganze Leben umgesialtende Wohlthat verwandelt werden könne, das ist die lichte, troitvolle Wahrheit, zu welcher das Buch seinen Leser erhebt. Die Schlaflosigkeit ist immer ein Nebel und womöglich zu beseitigen, außer wenn sie aus übermächtiger, innerer Freudigkeit entsteht sin welchem Falle sie zu den größten Freuden des Lebens gehört), oder wenn sie offenbar dazu gesendet ist, um dem Menschen eine stille, ungestörte Zeit zum Nachdenken über sein Leben zu verschaffen, die ihn: sonst fehlen mag. In diesem letzteren Falle ist sie eine nicht gering zu schätzende Gelegenheit, die größten Fortschritte des inneren Lebens zu machen und sich in den Besitz der besten Lebensgüter zu setzen; unendlich viele Menschen werben die entscheidenden Einsichten und Entschlüße in ihrem Leben in schlaflosen Nächten gesunden haben. Es kann aus keinen Fall etwas schaden, die Sache von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten. Ein israelitischer Weiser, Rabbi Chanina, Sohn Chaninis, sagt: „Wer nachts wach ist und wer allein auf dem Wege ist und dabei sein Herz dem Müßigen einräumt, der versündigt sich an seiner Seele," das heißt, er verliert die beste, nicht so leicht wiederkehrende Gelegenheit, einen großen geistigen Gewinn zu erlangen, und setzt sich überdies den Gefahren aus, welche unnütze Gedanken leicht in ihrem Gefolge haben." Um die schlaflosen Nächte in eine solche Wohlthat umzuwandeln. emvUehlt der Verfasser die Lektüre kurzer Stellen aus guten, besonders biblischen Büchern, die eine Anregung zum Denken geben. Zu solchen einzelnen Gedanken Anlaß und Anregung zu geben, ist das vorliegende Buch geschrieben. Es sind daher nur solche Gedanken ausgenommen, die für diesen Zweck passen und meistens sogar selbst aus schlaflosen Nächten stammen. Der Verfasser, eine tief religiöse Natur, steht aus positiv christlichem Boden und gibt dieser seiner abgeklärten christlichen Lebensanschauung auch vielfachen beredten Ausdruck. Aber auch an spezifisch jüdischen, Juden und Judenthum betreffenden Wahrheiten enthält das Buch kostbare Perlen, von welchen hier einige folgen mögen: „Es wird niemals gelingen, die Religionsgcschichte civilisirter Völker gänzlich von derjenigen des Volkes Israel abzulösen, welche im Christenthum ihre, nach unserer Auffassung, nothwendige „Reform" gefunden hat, während die Juden dies als eine unberechtigte Nevolutoin ansehen, ähnlich wie sich der Katholizismus gegenüber dem Protestantismus verhält. W i e sich diese historischen Gegensätze einmal in einer höheren Einheit auslösen werden, darüber mag der Leser selber Nachdenken; daß es geschehen w i r d, ist sicher, deßhalb, weil alle diese drei Religionen ganz den gleichen Urgrund und Ausgangspunkt haben, den „Gott Israels," welcher der einzige „wahre Gott," oder wie wir uns jetzt ausdrücken würden, die einzig vollkommene menschliche Auffassung von einer Thatsache ist, die weit über menschliches Fassungsvermögen hinausreicht. Es ist sehr leicht und billig „de faire le brave contre Dieu;’1 Viele, die es heute thun, sind nicht halb so muthig gegen mächtige Menschen und würden in einer Staatsordnung, welche den Atheismus mit harten Strafen belegen würde, schweigen. Aber man kann ihnen die relative Anerkennung nicht versagen, daß sie ein gewisses Recht haben, gegen jede näher definirte Auffassung Gottes sich zu erheben; denn eine solche wird immer etwas zu Enges und deshalb Irriges an sich tragen. Gott ist ganz gewiß etwas unendlich viel Großartigeres, als alle menschlichen „Gottesbegriffe," die jemals ausgesonnen worden sind. Wir würden daher heute noch besser thun, unsere ganze Dogmatik, oder Philosophie beiseite zu schieben und unsere Kinder einfach zu lehren, an den h i st o r i - scheu „Gott Israels" zu glauben, der sich in thatsächlichen Ereignissen dokumentirte, welche schon uralte, mächtigste Könige anzuerkennen gezwungen waren und der sich noch heute ganz gleich fühlbar macht. Daß die sittliche Weltordnung damals, wie jetzt, auf Freiwilligkeit beruht, die das Böse, wie das Gute geschehen läßt, und dem letzteren den Sieg nur sichert, wenn es g a n z gut ist, inzwischen aber das Böse durch Böses zu vernichten, „die Todten durch Todte zu begraben" weiß, das ist eines solchen großartigen Gottes allein würdig und muthet uns manchmal wie eine erhabene Ironie über das verkehrte Wesen und Treiben der kleinen Menschlein an, welche das mit ihrer ephemeren Philosophie meinen ändern zu können. Eine ausgezeichnete Antwort eines gesetzestreuen Juden unserer Zeit an einen Reformjuden, der ihn