Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 52 (4.7.1901)
- Date
- 1901-07-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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^Tw.vyjjv^ ■ s'STV'rv.k: *-^'*t '.7j^% ■f.*v*'r«c 1157 „Hast Du weit nach Hause?" frug der junge Prinz, „ich werde Dich begleiten." Hanna weigerte sich. „Es kann Erich Gefahr bringen, wenn man Euch mit einem Judenmädchen durch die Stadt gehen siebt," sagte sie. „Die Straften werden schon sicher sein und ich finde mich leicht heim." „So werde ich Dir in kurzer Entfernung nachfolgen und schützend über Dich wachen." Er ging zu seinem Pferde, das indessen unten im Hof gestanden hatte und führte es hervor. „Werde ich Dich bald Wiedersehen, süßes Mädchen?" frug er sie, wahrend er die Steigbügel zurecht machte. ..Mich sehen, gnädiger Herr? Wohl nie!" ...Hanna, ich bitte Dich, was sagst Du?" ries er erschreckt, „Dich nicht mehr sehen?" „Ihr ^eid der Erbprinz Tyrnau's und ich ein Judenmädchen, gnädiger Herr, und Eure Besuche im Ghetto würden Hunderten von Müttern und Säuglingen das Leben kosten." „Ich schwäre Dir, Niemand soll es erfahren!" „Nein, hoher Herr! Mit gefährlichen Dingen soll inan nicht spielen. Wie darf man das Glück, die Wohlfahrt so'vieler Menschen dem Aufalle überlassen?" „Du willst mich also vergessen, Hanna, nicht mehr an mich denken?" ..Euch vergessen?" sagte das junge Mädchen und eine Tbcäne verschleierte ibr dunkles Auge. Wie könnt Ihr das glauben? Nie, nie! Ihr werdet der tägliche Gedanke in meinem Gebete sein." „O, Hanna, nur einmal gönne mir eine Zusammenkunft! — sei'Z außer dem Hause," flehte Emrich leidenschaftlich. „Gnädiger Herr," sagte das junge Mädchen und strengte ßch an, ihrer zitternden Stimme Festigkeit zu geben. „Drängt nicht vergebens in mich, zwingt mich nicht undankbar zu scheinen. Verlangt mein Leben, das Ibr gerettet, und das- Euch gehört; aber das nicht. Reine Sitten und jungfräuliche Keuschheit sind der einzige Reichthum der Töchter meines Bolkes. Ich würde Schmach auf die greisen Häupter meiner Eltern bringen, wenn ich Nachts allein mit einem Manne zusammentäme. Und tonimt Ihr in das Haus meiner Eltern und Jemand sieht Euch im Ghetto, so müßte es mein Volk büßen. Bergeßt meiner, gnädiger Herzog! Das ist das Beste, und nur das Bewußtsein Eurer edlen Thai soll in Euch leben unv Euch glücklich machen. Lebt wohl, mein edler Herr.-und auf immer!" Rach diesen Worten sab sie ihn noch mit einem langen, innigen Blicke an, als wollte sie sich die Züge ihres Retters tief in die Seele prägen, dann wendete sie sich um, öffnete das Thor und trat auf die Straße. Der Prinz schwang sich auf's Pferd und wartete so lange, bis er glaubte, daß sie eine kleinere Strecke voraus war, dann folgte er ihr langsam. Die Straße war ruhig wie gewöhnlich und Hanna feilte rasch vorwärts, ohne sich nach ihrem Retter noch einmal umzusehen. Nur als sie das Thor des Ghetto erreicht hatte, wartete sie, bis er nahe war. „Mit Gott, mein edler Retter," flüsterte sie und warf ihm einen Blick doll unendlicher Dankbarkeit und Trauer zu, daun verschwand sie im Judenviertel. Das Herz von unnennbaren Gefühlen und Emvsindungen durchwogt, ließ der junge Mann seinem Pferde die Zügel frei und ritt langsam in die Stadt zurück. Hanna sagte ibren Eltern nichts von dem Abenteuer, das üe bestanden, sie wollte ihren Fragen ausweichen und ihrer sehr furchtsamen Mutter keinen Schrecken verursachen. Dann fürchtete sie, daß man sie nicht mehr aus dem Ghetto gehen lassen werde, und Hanna's Leben war die Waldesluft und die goldene Freiheit da draußen. Und oft hatte sie diese gefährlichen Gänge gewacht und hatte im grünen Waldesdunkel, eingewiegt von dem geheimnißvollen, melodischen Rauschen und Säuseln der Waldbäume, ihr ganzes, schweres, gedrücktes Leben vergessen. Rabbi Jsak hörte wohl nach einigen Tagen, daß ein Judenmädchen, das einer Prozession begegnet, fast umgekommen wäre, und daß sie ein Herr gerettet, wer aber das Mädchen war, wußte er nicht. Seit dieser Zeit schlich fast jeden Abend gegen zehn Uhr, wenn schon die Thüren und Läden im Ghetto geschlossen waren, eine hohe, verhüllte Gestalt in's Judenviertel, schlüpfte wie ein Schatten die Straßen entlang, die wie ausgeswrben da lagen. Bor einem hohen, düsteren Hause, das aus einer Seite sich an die Synagoge lehnte, aus der anderen von einem Garten umfriedet war, der sich bis in den inneren Hof zog, blieb er stehen, lehnte sich an die Mauer und blickte zu den geschlossenen Fensterläden auf, durch welche hie und da sich ein bleicher, verschwindender Lichtstrahl brach; dann schlich er um dasselbe, schwang sich unhörbar über die Mauer des Gartens und trat zu einem Fenster, das niedriger als alle übrigen lag. Aber auch dieses Fenster war geschlossen und so dicht, daß nicht der geringste Schimmer durch dasselbe sich stahl. Er lehnte sich an dasselbe und flüsterte einen Namen so leise und unhörbar, daß kaum die Luftwellen ihn empfingen und weiter trugen, aber so tief und innig, als ob sein Herz mit dem Namen aus seine Lippen getreten wäre. Doch das Fenster blieb geschlossen, nichts regte sich und Niemand gab seinem leisen Flehen Antwort. Und nachdem der Verhüllte dort Stundenlang zugebracht hatte, entfernte er sich vor Morgengrauen, als scheute er ein menschliches Auge. Und so war es fast jeden Abend. Niemand sah ihn kommen, Niemand ihn wieder gehen. Nur Hanna hörte die leisen Schritte im Garten unter ihrem Fenster und ihr Herz errieih, wer es war. Aber sie nahte sich ihm nicht, obwohl ihr Herz zum Zer-