Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 51 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1141 „Eine Jüdin, eine Jüdin!" hörte er rufen, greift sie, schlagt sie todt! tobten! tobten" tönte es gräßlich und verworren aus der Wenge. Bestürmt, außer sich, ohne sich Rechenschaft von einem inneren Impuls zu geben, wendete Prinz Emrich plötzlich sein Pferd, und mitten die Straße durchschneidend, mitten durch die Menge, die schreiend und bestürzt auf beiden Seiten zuriickwich, jagte er, ohne auf die Rufe seiner Genossen zu frören, dem dichten Men scheuknäuel zu. Das junge Mädchen stand leichenblaß an die Wand gedrückt. Sie flehte die rohen, wilden Gesichter nicht um Erbarmen an; sie faltete nicht flehend ihre Hände, ihres jungen Gebens zu schonen.' denn sie wußte, sie tvürde kein Erbarmen finden. Der junge Prinz gelaugte gerade hin, als fit voll hundert Händen ergriffen, und unter schrecklichein, ent seßlichem Geheul in die Hohe gehoben wurde. „Laßt ße los, Mörder, Räuber!" rief er mit mächtiger Stimme, und das wiithend um sich schlagende Pferd mitten unter sie drängend, daß es Alles vor sich niedertrat, den bloßen Säbel drohend in der einen Hand schwingend, brach sich Prinz Emrich in der mordlustigen Menge gewaltsam Bahn, entriß dein wüthenden Haufen das halbbewnßtlose Mädchen, umschlang es mit seinem Arm und jagte pfeilschnell mit der errungenen Beute davon. Das Alleo war das Werk eines Augenblickes. Die Menge, von diesem plötzlichen Creigniß, das wie der Blitz gekommen war, erstarrt, sah mit offenem Munde dem entfliehenden Reiter nach, dann aber, zu sich kommend. ertönte das Geschrei nach Rache doppelt heftig. „Ihm nach, ihm nach, schlagt sie Beide todt!" schallte es aus tausend Kehlen und lärmend und tobend begann die Jagd auf die Entflohenen. Der Prinz hörte bald das Geschrei hinter sich. Er hatte wohl einen Vorsprung, doch keinen bedeutenden, denn sein Pferd scheute alle Augenblicke und war dann nicht von der Stelle zu bringen, stellte sich auf die Hinterfüße, als wollte es Beide abwerfen, und nur mit Riesenkraft gelang es ihm, dasselbe zu weiterem Laufe anzuspornen. Doch immer mehr scheute das Pferd, machte Sprünge und blieb stehen, immer näher tönte das Geschrei der Menge; jetzt bog er in eine neue Straße ein. Er sah ein Thor halbgeöffnet. Mit einer Riesenanstrengung wendete er das sich sträubende Pferd dahin, sprengte hinein, wart das Thor in die Angeln und schob den großen Riegel vor. Für jetzt war er gerettet. Der junge Mann athmete auf. Er sprang mit seiner Last vom Pferde und ließ dasselbe tiefer in den Hof hinein laufen, damit es ihn durch sein Wiehern nicht verrathe. Jetzt erst hatte er Zeit, nach der Geretteten zu sehen. Das Mädchen war bewußtlos und lehnte ohne Bewegung in den Armen des Prinzen. Die Augen waren geschloffen und die langen, dunklen, seidenweichen Wimpern beschatteten sie. Die Farbe ihres Gesichtes war jetzt schneeweiß und die dicken, braunen Flechten ihres Kopfhaares hatten sich vom schnellen Ritte gelöst und fielen dicht und glänzend bis auf ihre Knie herab. Der junge Manu betrachtete sie stumm, von unendlichen Gefühlen bewegt. Nie hatte er das gefühlt und empfunden, was jetzt durch sein Inneres zog, aus der Tiefe seines Herzens auftauchte, immer unaussprechlicher, immer unnennbarer, während ihr Haupt au seiner Brust lehnte. Die ganze Vergangenheit versaut hinter ihm, sein ganzes, bis ietzt gelebtes Leben, und es war ihm, als ob er jetzt neugeboren in die Welt träte. ,,Armes .Kind!" sagte er endlich mit bewegter Stimme und seine Hand wagte es, ihr glänzendes Haar zn berühren, Er schauerte unter dieser Berührung und ein seltener Schimmer stieg in seinem Auge auf. „Dich wollten sie tobten. Dich, und ihre verruchten Hände erstarrten nickst vor der göttlichen Schönheit Deines Gesichtes, vo> Deiner enaelgleichen Lieblichkeit?" In dß.'sem Augenblicke tönte das Geschrei näher and näher und bald darauf zog es schreiend und lärmend an dem Thore vorbei. „Wo mag er hingelommen sein?" hörte er schreien, „hat ihn die Erde verschlungen?" Bon dem wüsten Lärm und Geschrei kam das Mädchen zu sieb. Sic richtete sich auf. „Wo bin ich?" fragte sie noch hakb bewußtlos. „llm Gotteswiklen still, die Verfolger sind in der Nähe," flüsterte er ihr zu. Wie ein Kind, erschreckt, sich fester in die Arme der Mutwr drückt, so preßte sich das junge Mädchen mit einer unendlich rührenden, vertrauenden Bewegung fester an die Brust des jungen Mannes, der schützend seinen Arm um sie schlang und in dem andern seinen Dolch lrampfhast gefaßt hielt. Die Menge zog noch immer tobend vorüber; es wollte gar fein Ende nehmen. Da horte er plötzlich eine Stimme, und er unterschied deutlich die Worte: „Leute, seid Ihr toll! Auf wen macht Ihr Jagd? ES ist Euer Erbprinz, den Ihr verfolgt. Geht nach Hause und laßt Euch in keine schlimme Händel ein." Der Prinz erkannte die Stimme; es war die des Kanzlers, Niklas Bathnani. Diele Worte hatten eine wunderbare Wirkung; denn wie der Wind zerstob die Menge nach allen Seiten, die meist aus Landleuten aus der Umgegend bestand und die wirtlich den Erbprinzen in dem jungen Manne nicht erkannt hatten. Auch das junge Mädchen hatte diese Morte vernommen. In höchster Bestürzung wand sie sich ans seinen Armen lind trat einen Schritt zurück, während sich ihr bleiches Gesicht mit einer brennenden Röthi an die Stirne bedeckte. „Warum erschrickst Du, liebes Mädchen?" fragte Prinz Emrich und sah sie mit Blicken an, in welchen sich Bewunderung und Entzücken aussprach.