Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1901)
- Date
- 1901-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 50. 42, Jahrgang. Der Israelit. Ein HenLrat-Hrgan für das orthodore Iudentyum. Begründet von 9r. ft^mann ia Haiit|. Donnerftag, de« 2 7. Juni 5661 (1SM). Da mit dem 1. Juli 1901 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die ge- WWM ehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1901 eingetragen unter Nr. 6702. Neu eintretende Monnenten (Postabonnenten gegen Vorlage der Postquittung) erhalten das Blatt bis Ende dieses Monats gratis. Leitender Artikel. Bedenkliche Rachschläge. Berlin. 26. Juni. Wir haben in Nr. 42 bereits auf den Rath der „Voltszeitung" hingewiesen, der dahin zielt, bei allen Schritten zu Gunsten der gefährdeten Schechita-Jnstitution das religiöse Moment vollständig auszuscheiden und nur physiologische und veterinäre Gründe dafür geltend zu machen. Diesen Rath hat sich neuerdings auch die „Vossische Zeitung" angeeignet, woraus man wohl den Schluß auf das System ziehen darf, das Rathschlägen dieser Art zu Grunde liegt. Das genannte Blatt wendet sich gegen den Versuch, die Schächisrage auf das theologische Gebiet hinüberzuziehen und glaubt nicht, daß ihre Erledigung dadurch vereinfacht wird. ..Die Frage," heißt es daselbst, „ist eine solche, die am besten von den Fachleuten, d. h. von den Fleischern und Thierärzten, beantwortet wird. Welches ist die vom Standpunkt des Fachmannes aus zweckmäßigste und, vom Standpunkt der Humanität aus betrachtet, die am wenigsten schmerzhafte Art des Tödtens von Thieren: das allein ist die Frage, die zu beantworten ist. Stellt sich auf Grund objektiver Ermittelungen unbefangener Fachleute heraus, daß das Schächten — gut und korrekt ausgeführt — diesen Anforderungen entspricht, so wird der Staat nicht nur nichts dagegen haben, er wird diese Schlachtmethode sogar, wenn ihre Vortrefflichkeit erwiesen werden wird, empfehlen bezw. vorschreiben. Alle anderen Gesichtspunkte sollten klüglicherweise aus der Diskussion ausgeschaltet werden? „K l ü g l i ch e r w e i s e," das ist das rechte Wort. Fortschrittlichen Zeitungen vom Schlage der ..Volkszeitung" und „Rassischen Zeitung" mag ein solcher Rath durch Rücksichten politischer Klugheit geboten erscheinen. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, daß das, was von ihrem Standpunkte für sie klug erscheint, es auch für uns Juden ist. Die liberalen, freisinnigen Parteien und ihre Organe haben durch ihren männlichen Kampf gegen Unrecht und Vergewaltigung seit ihrem Bestehen konsequenterweise für die Juden Partei genommen, weil Unrecht und Gewalt sich nirgends so fühlbar machten, als in der sozialen und politischen Stellung der Juden. Obwohl der politische Fortschritt und Freisinn gar nicht anders handeln konnte, wenn er sich nicht selber verleugnen wollte, falls seine Bestrebungen gerade vor den Juden Halt gemacht hatten, obwohl es nicht immer Sympathien für Juden und Judenthum waren, sondern lediglich die Rücksicht auf Recht und Billigkeit, welche diese Handlungsweise bestimmte, so führte es doch allmählich dazu, daß man diese politischen Parteien mit den Juden identifizirte und sie geradezu als jüdische Parteien, als Handlanger und Knechte der Juden bezeichnete. Ihre äußere Bestätigung erhielt diese Unterstellung durch die ganz natürlichen, thätigen Sympathien, tvelche die Juden den für ihre Gleichstellung kämpfenden Parteien vielfach entgegenbrachten. Die Beziehungen haben beiderseitig in den letzten Jahren manche Trübung und Abschwächung erfahren. Die fortgesetzte Verdächtigung, welche jede fortschritt-